Expertin der Universität Bayreuth fordert mehr weibliche Stimmen in der Politikberatung

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13.05.2020 13:03

Expertin der Universität Bayreuth fordert mehr weibliche Stimmen in der Politikberatung

Anja-Maria Meister Pressestelle
Universität Bayreuth

    Politik hört vor allem auf männliche Beratung – das hat Prof. Dr. Erdmute Alber, Inhaberin des Lehrstuhls Sozialanthropologie an der Universität Bayreuth festgestellt. Das habe auch damit zu tun, dass Männer jetzt produktiver werden, Frauen aber durch gewachsene Care-Aufgaben jetzt besonders stark ausgebremst werden. „Doch gerade in der Krise sind vielfältige Stimmen wichtig, dürfen Frauen nicht in der Unsichtbarkeit der Care-Arbeit verschwinden“, sagt Alber im Interview. Sie forscht vor allem zu Berührungspunkten von staatlicher Politik und Verwandtschaft und ist Vice-Dean des Exzellenzclusters „Africa Multiple“ an der Universität Bayreuth.

    Wer sind die Verlierer in der Corona-Krise: Männer oder Frauen?

    Glaubt man Presseberichten und ersten Studien, so vergrößert die Krise bestehende Ungleichheiten und trifft zudem besonders die Frauen. Einmal mehr zeigt sich, wie fragil die schwer errungenen Geschlechterparitäten sind. Frauen, für die Fragen nach der Vereinbarkeit von Lohn- und Sorgearbeit auch sonst besonders kritisch sind, sehen sich in der momentanen Krise mit multiplen Ansprüchen konfrontiert. Sie sollen berufstätig sein, im Homeoffice arbeiten, Kinder oder andere pflegebedürftige Personen betreuen und unterrichten – und all dies über Wochen ohne institutionelle Kinderbetreuung und ohne dass familiäre oder freundschaftliche Netzwerke genutzt werden dürften. Natürlich sind auch Väter davon betroffen, aber empirisch zeigt sich doch, dass ein Großteil dieser Sorge-Arbeit von Frauen verrichtet wird.

    Was bedeutet das für die Arbeitswelt?

    Für die Wissenschaft kann ich folgendes feststellen: Aus unseren Netzwerken bekommen wir im Moment ein relativ einhelliges Bild zugetragen. Kolleginnen in Deutschland, den USA, Großbritannien, Südafrika, Ghana oder Peru berichten, dass sie Deadlines nicht mehr halten können, ihre gesamte wissen-schaftliche Produktivität verzögert sich. Weil sie Lohn- und Sorge-Arbeit vereinbaren müssen.

    Weil sie häufiger die Teilzeitjobs haben?

    Nein, viele Studien weisen darauf hin, dass auch bei gleicher Berufstätigkeit in Deutschland Frauen we-sentlich mehr Haushalts- und Sorgearbeit leisten als Männer – übrigens sogar dann, wenn sie selbst Al-leinverdienerinnen sind. Unterschiedliche Beschäftigungsverhältnisse innerhalb der Kleinfamilie genügen also nicht, um dieses Ungleichgewicht zu erklären. Wir haben es hier mit einem sozialen Phänomen zu tun, das sich in Zeiten der Krise, der Unsicherheit und Bedrohung zu verstärken scheint.

    Gibt es dazu Untersuchungen?

    Ich möchte speziell auf das Wissenschaftssystem zu sprechen kommen, in dem ja in den vergangenen Jahrzehnten viele Anstrengungen unternommen wurden, um Frauen zu fördern. Hier haben beispielswei-se die Soziologinnen Misra & Lundquist schon 2012 beschrieben, wie weibliche Wissenschaftlerinnen nicht nur privat mehr Sorgearbeit verrichten als ihre männlichen Kollegen, sondern auch während ihrer Arbeit mehr Tätigkeiten verrichten, die in den Bereich der Fürsorge fallen – für Studierende und Kol-leg*innen. All diese Mechanismen scheinen sich in der Krise zu verstärken. Ich glaube, das gilt auch für andere Branchen: viele Männer geben jetzt Gas, Frauen werden durch Care-Aufgaben ausgebremst. Besonders aufschlussreich fand ich in den vergangenen Wochen die Befunde nordamerikanische Wis-senschaftlerinnen: Sie berichten, dass seit Beginn der Krise etwa doppelt so viele Manuskripte männli-cher Wissenschaftler bei Zeitschriften eingereicht werden wie zu normalen Zeiten. Wissenschaftlerinnen hätten dagegen in den ersten Wochen des Lockdowns praktisch gar kein Manuskript mehr eingereicht. Solch eine dramatische Verschiebung sei noch nie beobachtet worden, berichtet eine Herausgeberin von www.thelily.com/.

    Wissenschaftler waren aber noch nie so gefragt wie zurzeit...

    Ja, genau: Wissenschaftler! In den Medien kommen täglich männliche Wissenschaftler zu Wort, gar nicht wenige davon wiederholt. Viele männliche Wissenschaftler scheint es derzeitig geradezu in die Öffentlichkeit zu drängen. Wissenschaftlerinnen scheinen dagegen auch medial in der Versenkung zu sein. Als Experten kommen – im Fernsehen, in der Presse, aber zunehmend auch in den Wissenschaftsjournalen – noch stärker als sonst die ohnehin überrepräsentierten Männer zu Wort. Dabei entsteht das Bild, dass in der Krise eben doch die Männer das Steuer in die Hand nehmen müssen. Oder eben: dass das Wissen der Frauen unwichtiger ist. An der dritten Stellungnahme der Leopoldina saßen neben 24 männlichen Wissenschaftlern nur zwei Wissenschaftlerinnen. Da durften also gleich dreimal Thomas mit dreimal Jürgen in den Austausch treten und die Bundesregierung beraten (die Namensdoppelungen verweisen ja auch auf eine spezifische Altersschichtung im Gremium). Annalena oder auch Ursula mussten dagegen draußen bleiben.

    Was ist also zu tun?

    Um dem bedenklichen Trend entgegen zu wirken, müssen alle, wir selbst wie unsere Arbeitgeber*innen dafür Sorge tragen, dass Angestellte, Arbeiterinnen und Wissenschaftlerinnen aller Qualifikationsstufen gerade in Krisenzeiten nicht in der Unsichtbarkeit oder der Care-Arbeit verschwinden, sondern ihre Wissensbestände und Ideen ebenso häufig zu Gehör bringen können und sollen, wie ihre männlichen Kollegen. Gerade in der Wissenschaft.

    Ist die mangelnde Repräsentanz von Wissenschaftlerinnen in der Öffentlichkeit nicht ein Nischenthema, wenn es darum geht, tausende von Arbeitsplätzen in der Gastronomie zu retten?

    Auch wenn es zunächst als randständiges Problem erscheint: Wissenschaft ist in unserer Gesellschaft glücklicherweise für Politikentscheidungen wichtig. In der Corona-Krise gilt dies ganz besonders. Durch systematisches Überhören von Vielfalt – dazu zählt natürlich nicht allein die Stimme von Frauen und diversen Altersschichtungen, sondern auch die von Wissenschaftler*innen mit anderer Herkunft – wird Wissen aber einseitiger. Gerade jetzt brauchen wir die Wahrnehmung von Komplexität und Multiplizität, in einer Situation, die alles andere als übersichtlich ist. Es sind die vielen kleinen Schmetterlingsflügelschlä-ge, die Stürme entfachen können, die Wissen hervorbringen, oder deren Ausbleiben dafür sorgt, dass das Wissen monotoner wird.

    Warum geht er so leicht, dieser Rollback in die Fünfzigerjahre-Familienmodelle der patriarchalischen Gesellschaft?

    Zunächst hat sich an der patriarchalen Strukturierung unserer Gesellschaft seit den Fünfzigern noch nicht genug geändert, damit ein solcher Rollback verhindert würde. Noch immer sind mehrheitlich Frauen diejenigen, die mit der Geburt des ersten Kindes beruflich zurücktreten, länger zuhause bleiben, danach in Teilzeit arbeiten. Während Mädchen und Frauen in manchen Bereichen die Jungen und Männer hinsichtlich der Bildungsabschlüsse überholt haben, sacken sie karrieremäßig in der reproduktiven Phase ab. Diese ist also für Frauen in Bezug auf Vereinbarung mit dem Beruf nach wie vor ein echtes Problem – und das bereits zu Zeiten, in denen die staatliche bzw. institutionelle Übernahme von Sorgearbeit gewährleistet ist. Die Covid-Krise lässt uns spüren, was passiert, wenn die institutionelle Unterstützung wegbricht.

    Wieso gibt es nicht mehr Gegenwind?

    Den gibt es! Die Initiative „Eltern in der Krise“ organisiert immer wieder Demonstrationen und Petitionen, in sozialen Medien berichten unter dem Hashtag #CoronaEltern Väter wie Mütter von ihrer momentanen Überbelastung. Politisch gehört wurde dies zunächst lange nicht, in Regierungserklärungen wurden Eltern und Kinder gar nicht erwähnt, während der Absage des Oktoberfests eine eigene Pressekonferenz gewidmet wurde. Das zeigt, wie selbstverständlich die Gesellschaft auch heute noch auf unbezahlte weibliche Arbeitskraft zurückgreift. Es zeigt auch, dass Sorgearbeit nicht als komplexe Tätigkeit verstanden wird, die nicht einfach nebenbei erledigt werden kann.

    Gibt es einen Weg zurück zum zuvor Erreichten?

    Wir können die Corona-Krise auch als Chance nehmen, uns der strukturellen Defizite in unserer Gesellschaft bewusst zu werden. Viele haben dieses Argument in Bezug auf das Gesundheitssystem oder die Unterbezahlung der Pflegeberufe und den damit verbundenen spürbaren Mangel an Pflegekräften in Deutschland geäußert. Es lässt sich auch auf die Geschlechterbeziehungen anwenden. In der Krise erleben wir, dass wir weniger weit waren als es uns die Gleichstellungspolitik weismachen wollte. Die zum Handeln verpflichtete Politik muss zunehmend kritische und oftmals auch widersprüchliche Erkenntnisse von Wissenschaftler*innen ernst nehmen, würdigen und auf dieser Basis dann klare Handlungsanwei-sungen ableiten. Es stünde ihr gut an, stärker auch auf anthropologisches Wissen zurückzugreifen, gerade jetzt auch zum Bereich Verwandtschaft und Care. Ein Denken in simplen Handlungsketten von (ein-facher) Ursache und (einfacher) Wirkung und das Festhalten an Kategorien, die die Vielfalt und das Innovationspotential menschlicher Sozialformen ignorieren, führt uns nicht mehr weiter. Insofern birgt die Krise die Chance, politisches Handeln neu auszurichten, der Komplexität sozialer Prozesse und der Vielfalt von Wissen stärker Rechnung zu tragen.


    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    Prof. Dr. Erdmute Alber
    Inhaberin des Lehrstuhls Sozialanthropologie
    Universität Bayreuth
    Tel.: +49 (0)921 / 55-4121
    E-Mail: erdmute.alber@uni-bayreuth.de


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Wissenschaftler
    Gesellschaft, Kulturwissenschaften, Politik, Wirtschaft
    überregional
    Wissenschaftspolitik
    Deutsch


    Prof. Dr. Erdmute Alber, Inhaberin des Lehrstuhls Sozialanthropologie an der Universität Bayreuth


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