Umkämpfte Erinnerungslandschaften. Die Anfechtung armenischer, türkischer und kurdischer Erinnerungspolitik

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25.06.2020 12:29

Umkämpfte Erinnerungslandschaften. Die Anfechtung armenischer, türkischer und kurdischer Erinnerungspolitik

Presse- und Öffentlichkeitsarbeit Leibniz-Zentrum Moderner Orient (ZMO)
Geisteswissenschaftliche Zentren Berlin e.V. (GWZ)

    In seinem aktuellen Buch „Embattled Dreamlands. The Politics of Contesting Armenian, Turkish and Kurdish Memory” (Routledge 2020) setzt sich David Leupold mit konkurrierenden Erinnerungskulturen und Geschichtsnarrativen im Spannungsdreieck Osttürkei / Westarmenien / Nordkurdistan auseinander.

    In der Region um den Vansee im Südosten der Türkei fallen kollektive Gewalterfahrungen der Vergangenheit – der Völkermord an den Armeniern im Jahre 1915 – und der Gegenwart – der bis heute andauernde Kurdenkonflikt – räumlich zusammen. David Leupold beleuchtet in seiner Arbeit die vielschichtige Erinnerungslandschaft dieser Schwellenzone des post-osmanischen und postsowjetischen Raumes. Hierbei untersucht er nicht nur die komplexe Wechselbeziehung zwischen konkurrierenden Nationalnarrativen armenischer, kurdischer und türkischer Erinnerungsregime sondern auch, ausgehend von seinen intensiven Feldforschungen in der Türkei und in Armenien, die Narrative einer Vielzahl nicht-staatlicher Erinnerungskollektive, welche die Vanseeregion als Erinnerungsfeld in der heutigen Türkei und dem heutigen Armenien konstituieren. Auf nationaler Ebene erschließt das Werk institutionelle Erinnerungspolitik als eine Matrix vier umkämpfter Interaktionsfelder: die selektive Narration (narrating), strategische Unterdrückung (silencing), räumliche Verortung (mapping) und performative Verinnerlichung von Geschichtsnarrativen (performing). Im Gegensatz hierzu wird der lokale Erinnerungsraum der Vanseeregion als „mnemonic frontier“ konzeptualisiert – also als einen Raum multikollektiver Erinnerungspraktiken, welcher der staatlich sanktionierten Geschichtspolitik unter Ausbildung von Gegennarrativen auf verschiedenen Ebenen begegnet: das kosmopolitische Narrativ der Bajarî-Kurden in Bitlis, das Widerstandsnarrativ von Behdinanî-Kurden aus Hakkari sowie grenzübergreifende Narrative von kurdophonen Jesiden und Armeniern in Armenien.

    Im Vordergrund dieser Arbeit steht nicht nur aufzuzeigen, welche Geschichtsnarrative die Bevölkerungen auf beiden Seiten der geschlossenen armenisch-türkischen Grenze trennen, sondern auch welche gemeinsamen Erinnerungsmuster beide Gesellschaften miteinander verbinden. Solche verbindenden Erinnerungsmuster umfassen etwa Geschichten zu multi-ethnischer Koexistenz, tagtäglich gelebter Mehrsprachigkeit, interreligiösen Familienverflechtungen und Erfahrungen des gemeinsamen Widerstands während der Deportationen von 1915. Hierbei legt das Buch nicht nur Kontinuitätslinien auf, welche den Armenischen Völkermord der Vergangenheit mit dem Kurdenkonflikt der Gegenwart verbinden, sondern trägt durch eine neue, geschichtsübergreifende Perspektive zu einem nachhaltigen geschichtlichen Aussöhnungsprozess zwischen Armeniern, Türken und Kurden bei.

    Dr. David Leupold ist wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Forschungsgruppe „Geschichtsbilder“ am Leibniz-Zentrum Moderner Orient in Berlin (ZMO). In seiner Forschung widmet er sich seit 2010 explizit Fragen von Raumperzeptionen, Geschichtsnarrativen und kollektiver Gewalt. Seine langjährigen Erfahrungen vor Ort sowie ausgeprägten Sprachkenntnisse des Armenischen, Kurmanji-Kurdischen und Türkischen erlauben dem Autor einen einzigartigen Zugang zu einem hochsensiblen Themenfeld. Basierend auf seinen Forschungsarbeiten an der Humboldt-Universität zu Berlin und der Universität Michigan ist so in enger Zusammenarbeit mit dem renommierten Historiker Ronald G. Suny ein Buch entstanden, welches sich im Besonderen durch seine Mehrperspektivität, Unbefangenheit und Einfühlsamkeit auszeichnet.

    Interviews über seine Forschung und zu allgemeinen Hintergrundinformationen über die Armenier- und Kurdenfrage können mit David Leupold auf deutscher, armenischer, englischer, russischer und türkischer Sprache vereinbart werden.


    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    Dr. David Leupold: david.leupold@zmo.de


    Originalpublikation:

    David Leupold: Embattled Dreamlands. The Politics of Contesting Armenian, Kurdish and Turkish Memory, Routledge 2020, 248 pp., https://www.routledge.com/Embattled-Dreamlands-The-Politics-of-Contesting-Armeni...


    Weitere Informationen:

    https://readymag.com/relictsofanotherfuture/1820336/
    https://www.zmo.de/personen/david-leupold


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Studierende, Wissenschaftler
    Geschichte / Archäologie, Gesellschaft, Politik
    überregional
    Forschungsergebnisse, Wissenschaftliche Publikationen
    Deutsch


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