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13.07.2020 10:35

Pflanzenbau in Zeiten von Corona

Dr. Michael Welling Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Johann Heinrich von Thünen-Institut, Bundesforschungsinstitut für Ländliche Räume, Wald und Fischerei

    Ackerkulturen bisher nur wenig betroffen / Einbruch beim Kraftstoff- und Ethanolverbrauch / Mais- und Sojaanbau bescheren Russland und der Ukraine gute Zahlen

    COVID-19 verändert die weltweite Pflanzenproduktion strukturell wenig – dies ist eines der wichtigsten Ergebnisse der diesjährigen agri benchmark Cash Crop Conference, die vom 15. bis 22. Juni 2020 Corona-bedingt erstmals online als Web-Veranstaltung stattfand. Die Konferenz versammelte mehr als 100 internationale wissenschaftliche und kommerzielle Partner, um die neuesten Ergebnisse des internationalen Betriebsvergleichs sowie die strategischen Herausforderungen in der globalen Pflanzenproduktion zu diskutieren.

    Rohstoffmärkte bisher nur geringfügig von Covid-19 betroffen

    Auf der Grundlage eines agri benchmark Online-Forums mit internationalen Partnern sowie eines Vortrags von Klaus-Dieter Schumacher (unabhängiger Markt-Analyst) geht das Agrarökonomen-Netzwerk agri benchmark Cash Crop davon aus, dass – anders als in anderen landwirtschaftlichen Sektoren wie tierische Veredelung oder Gartenbau – die Produktion von Ackerkulturen von der aktuellen Krise nicht wesentlich beeinträchtigt wird. Schumacher: „Ich erwarte, dass der globale Rohstoffhandel weiter wachsen wird. Anders als bei einigen Spezialprodukten ist das Produktionspotenzial vieler Importländer bei Getreide und Ölsaaten einfach zu begrenzt, um eine signifikante Importsubstitution zu ermöglichen.“ Ein solcher Schritt ist von einigen Politikern gefordert worden, um lange, krisenanfällige Wertschöpfungsketten zu vermeiden.

    In den USA hat Corona jedoch zu einem massiven Einbruch des Kraftstoff- und Ethanolverbrauchs geführt. Daher stellten die Ethanolanlagen die Produktion ein und die Maisvorräte stiegen deutlich an. Infolgedessen werden die Maispreise zumindest auf kurze Sicht unter Druck bleiben. Eine ähnliche Situation besteht in Brasilien, wo der Rückgang der Ethanolnachfrage die Zuckerfabriken dazu veranlasst hat, vermehrt Zucker anstatt Ethanol zu produzieren. Die Zuckerpreise sind dadurch in den Keller gegangen.

    EU uneinheitlich – Betriebe in Russland und der Ukraine schneiden gut ab

    Aufgrund regelmäßiger Erträge und meist stabiler Ab-Hof-Preise war 2019 für die meisten Landwirte ein eher normales Jahr. In der EU war das Bild uneinheitlicher: Typische Betriebe in Frankreich, Großbritannien und Spanien verzeichneten einen Gewinnrückgang, während deutsche, dänische und schwedische Betriebe bessere Ergebnisse erzielten als 2017 und 2018. Für die USA ist das recht positive Bild jedoch nur aufgrund eines Anstiegs der gekoppelten Subventionen (ca. 160 $/ha) zutreffend. Sie sollen die Landwirte für die Verluste aufgrund des Handelskonflikts mit China entschädigen. Die kanadischen Produzenten litten unter der gleichen Art von Konflikten – China reduzierte die Rapsimporte massiv.

    Typische Betriebe in Russland und der Ukraine erlebten ein weiteres recht gutes Jahr. Die Grundlage für diesen Erfolg ist eine steigende Mais- und Sojabohnen¬produktion. Beide Kulturen spielten in beiden Ländern noch vor 10 Jahren kaum eine Rolle. Heute nehmen sie mindestens die Hälfte der Anbaufläche der typischen Betriebe ein. Bei Sojabohnen trifft dieser positive Befund zu – trotz noch relativ geringer Erträge von ca. 2 t/ha – allerdings bei Preisen leicht über dem US-Niveau. Bei Mais nähert sich das Ertragsniveau mit 10 t/ha und mehr den hochentwickelten westlichen Produktionssystemen an.

    Neue agri benchmark Partner in Kasachstan und Äthiopien

    Neue agri benchmark Partner aus diesen beiden Ländern berichteten über strategische Veränderungen in der Pflanzenproduktion. In Kasachstan fördert die Regierung die Diversifizierung der Pflanzenproduktion weg von Weizen und hin zu hochwertigeren Feldfrüchten. Angesichts langer und kostspieliger Transporte sind diese eher transportwürdig und damit für den Export attraktiv. Dass diese Strategie Wirkungen hat, betonte die kasachische agri benchmark Partnerin Aizhan Karabajewa: „Tatsächlich ist die Weizenfläche gegenüber 2009 um 22 % zurückgegangen.“ Mesay Yami aus Äthiopien präsentierte erste Ergebnisse über ein neu gestartetes Bewässerungsprojekt im Weizenanbau, das der Importsubstitution dient.

    Perspektiven: EU-Sojabohnenproduktion

    Viele Produzenten weltweit suchen nach Möglichkeiten, Rotationen auszuweiten, um den Schädlingsdruck zu verringern und Umweltwirkungen zu verbessern. Darüber hinaus fordern Politiker eine Substitution von Importen – in Europa vor allem von Pflanzeneiweiß. agri benchmark arbeitet im Rahmen eines Verbundprojekts des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft an einer Studie über die Perspektiven von Sojabohnen in Polen, Ungarn und Deutschland. Projektmitarbeiter Thies Böttcher: „Die Ökonomie des Sojabohnenanbaus sieht in diesen Ländern `auf dem Papier` oft schön aus – hauptsächlich verursacht durch deutliche Ertragssteigerungen. Die Herausforderungen einer richtigen Bewirtschaftung der Kulturpflanze – sowohl in agronomischer Hinsicht als auch bei der Vermarktung – sind jedoch beträchtlich.“ Daher sollte der Austausch zwischen den Produzenten über Produktionstechniken sowie die Zusammenarbeit der Erzeuger zur Bündelung des Angebots gefördert werden. Um die Ertragsrisiken der Landwirte zu mindern, wäre auch eine kulturspezifische und befristete Ernteversicherung hilfreich.

    Den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln zu geringen Kosten reduzieren?

    Wie kürzlich in ihrer Strategie „Farm to Fork“ bekräftigt wurde, strebt die EU an, den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln und die damit verbundenen Risiken insgesamt zu reduzieren. Daher führt agri benchmark ein Projekt zur Machbarkeit solcher Reduktionsstrategien und den entsprechenden Kosten für die Landwirte durch. Auf der Grundlage vorläufiger Ergebnisse kam Marcel Dehler, Mitarbeiter des Thünen-Instituts, zu dem Schluss: „Bei Reihenkulturen wie Zuckerrüben ist eine signifikante Reduzierung der Risiken ohne wesentlich höhere Kosten möglich. Es ist jedoch sehr wahrscheinlich, dass sich bei Kulturen wie Weizen ein ganz anderes Bild ergibt.“

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    agri benchmark Cash Crop ist ein globales Non-Profit-Netzwerk von Agrarökonomen, das vom Thünen-Institut und global networks koordiniert wird. Sein Ziel ist es, zuverlässige und brauchbare Analysen der wichtigsten Trends in der weltweiten Pflanzenproduktion zu erstellen und für Entscheidungsträger zu verbreiten. Für weitere Informationen besuchen Sie bitte http://www.agribenchmark.org.


    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    Jeanette Malchow
    agri benchmark Cash Crop am Thünen-Institut für Betriebswirtschaft, Braunschweig
    Mail: jeanette.malchow@agribenchmark.net


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten
    Tier / Land / Forst, Umwelt / Ökologie, Wirtschaft
    überregional
    Forschungsergebnisse
    Deutsch


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