Ernst-Otto-Czempiel-Preis 2020 geht an die Historikerin Kerstin von Lingen

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17.08.2020 15:05

Ernst-Otto-Czempiel-Preis 2020 geht an die Historikerin Kerstin von Lingen

Karin Hammer Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Leibniz-Institut Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (HSFK) / Peace Research Institute Frankfurt (PRIF)

    Das Leibniz-Institut Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (HSFK) prämiert die beste postdoktorale Monografie der Friedensforschung. Ernst-Otto-Czempiel Preisträgerin 2020 ist Kerstin von Lingen (Universität Wien). Die Historikerin erhält die Auszeichnung für ihr Werk „‚Crimes against Humanity‘: Eine Ideengeschichte der Zivilisierung von Kriegsgewalt 1864–1945“.

    Frankfurt am Main, 17. August 2020. Das Leibniz-Institut Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (HSFK) verleiht zu Ehren seines langjährigen Leiters, Prof. Dr. Ernst-Otto Czempiel, den nach ihm benannten Preis für die beste postdoktorale Monografie aus der Friedensforschung. Eine Jury aus Expertinnen und Experten zeichnete in diesem Jahr das Werk „‚Crimes against Humanity‘: Eine Ideengeschichte der Zivilisierung von Kriegsgewalt 1864–1945“ der Historikerin Prof. Dr. Kerstin von Lingen von der Universität Wien aus.

    Kerstin von Lingen befasst sich in ihrer eingereichten Arbeit mit dem Tatbestand des Verbrechens gegen die Menschlichkeit aus dem Völkerstrafrecht und seiner historischen Genese seit Mitte des 19. Jahrhunderts. Die Autorin bringt historische und völkerrechtliche Forschung zusammen und arbeitet heraus, wie sich die politischen, juristischen und zivilgesellschaftlichen Debatten zur Zivilisierung des Krieges seit dem 19. Jahrhundert in einer Weise entwickelten, dass die Idee der Ächtung und Sanktionierung bestimmter Kriegsgräuel als „crimes against humanity“ zunehmend moralisch geboten, politisch plausibel und rechtlich denkbar erschien. Juror und HSFK-Vorstandsmitglied Dr. Jonas Wolff stellt heraus: „Dadurch dass die Autorin gezielt bisher vernachlässigte Akteure (z.B. Vertreterinnen und Vertreter kleinerer Staaten und zivilgesellschaftliche Organisationen) sowie Ereignisse und Institutionen in den Blick nimmt und hierfür neue Quellen erschließt, ist sie empirisch so originell wie erkenntnisstiftend.“
    Das Londoner Statut von 1945 schuf mit dem Straftatbestand „crimes against humanity“ erstmals die Möglichkeit, Staaten für Verbrechen gegenüber ihren Bevölkerungen haftbar zu machen. Kerstin von Lingen richtet den kritischen Blick auf die verbreitete Annahme, dass die Verrechtlichung und Zivilisierung des Krieges ihren Anstoß nahezu ausschließlich aus der Erfahrung des Zweiten Weltkriegs, dem Scheitern des Völkerbunds und unter der Anleitung der siegreichen Großmächte nahm. Sie schafft stattdessen ein Bewusstsein für weiter zurückreichende Entwicklungen: beispielsweise die Entstehung von epistemischen Gemeinschaften von Rechtswissenschaftlerinnen und Rechtswissenschaftlern, die sich gegenseitig beeinflussten, in ihren Begrifflichkeiten und Argumenten schärften und letztlich eine enorme Wirkung auf Öffentlichkeit und Politik entfalteten.
    Durch äußerst akribische und breite Recherche – auch abseits der einschlägigen Quellen und Literatur zum Thema – und die Auswertung bisher unveröffentlichter Dokumente sei es Kerstin von Lingen insbesondere gelungen, die wichtige Rolle zivilgesellschaftlicher Organisationen für die Entwicklung des internationalen Rechts nachzuzeichnen, so die Jury. Wo kontinuierlich für eine breite öffentliche Aufmerksamkeit für friedenspolitische Anliegen gearbeitet würde, sei ein Umlenken der Politik weg von nationalen Interessen und Vergeltungsmotiven möglich – dies mache die Arbeit eindrucksvoll deutlich. „Der Band zeigt, dass friedensbezogene Ideen und Konzepte in normativer Absicht von außerordentlicher realer Bedeutung werden können“, sagt Jurorin und Friedensforscherin Prof. Dr. Eva Senghaas-Knobloch (Universität Bremen). „Mit ‚Crimes against Humanity‘ hat Kerstin von Lingen eine beeindruckende, empirisch reiche und friedenspolitisch hoch relevante ideengeschichtliche Studie vorgelegt, die den Ernst-Otto-Czempiel-Preis 2020 verdient“, ergänzt Juror Dr. Jörn Grävingholt vom Deutschen Institut für Entwicklungspolitik.
    Der Preis wird aufgrund der aktuellen Pandemie-Situation erst 2021 im Rahmen der Jubiläumsfeierlichkeiten zum 50-jährigen Bestehen der HSFK verliehen. Der Termin wird auf der Webseite des Instituts www.hsfk.de bekannt gegeben.

    Über Kerstin von Lingen
    Die Historikerin Prof. Dr. Kerstin von Lingen ist Professorin für Zeitgeschichte mit dem Schwerpunkt der vergleichenden Diktatur-, Gewalt- und Genozidforschung am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien. Vorherige Stationen ihrer wissenschaftlichen Karriere sind unter anderem Vertretungs- und Gastprofessuren an den Universitäten Heidelberg und Brüssel, sowie Fellowships am Lauterpacht Centre for International Law der Universität Cambridge und an der Australian National University in Canberra. Weitere Informationen zu ihrer Monografie „‚Crimes against Humanity‘: Eine Ideengeschichte der Zivilisierung von Kriegsgewalt 1864–1945“ unter https://www.schoeningh.de/view/title/53201

    Über den Ernst-Otto-Czempiel-Preis
    Der Ernst-Otto-Czempiel-Preis wird für die beste postdoktorale Buchveröffentlichung im Bereich der Friedensforschung der jeweils letzten beiden Jahre verliehen. Der Preis ist mit 5.000 Euro dotiert und wird seit 2007 alle zwei Jahre verliehen. Er ist nach Ernst-Otto Czempiel (1927–2017) benannt, einem der Gründer der HSFK und international renommiertem Friedensforscher.

    Über das Leibniz-Institut Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung
    Das Leibniz-Institut Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (HSFK) ist eine vom Bund und dem Land Hessen geförderte Stiftung öffentlichen Rechts. Die HSFK forscht zu friedensrelevanten Fragestellungen. Sie betreibt erkenntnisorientierte Grundlagenforschung und transferiert praxisrelevante Ergebnisse in Politik und Gesellschaft. Das 1970 gegründete Institut ist seit 2009 Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft. Weitere Informationen unter https://www.hsfk.de

    Pressekontakt
    Leibniz-Institut Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung
    Barbara Dörrscheidt, Leiterin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
    Tel: 069 / 959104-13
    doerrscheidt@hsfk.de
    https://www.hsfk.de


    Weitere Informationen:

    https://www.hsfk.de/ueber-uns/preise/ernst-otto-czempiel-preis/ – Bisherige Preisträgerinnen und Preisträger des Ernst-Otto-Czempiel-Preises


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Wissenschaftler
    Geschichte / Archäologie, Gesellschaft, Politik, Recht
    überregional
    Forschungs- / Wissenstransfer, Wettbewerbe / Auszeichnungen
    Deutsch


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