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29.10.2020 15:46

Gesamtdeutsche Wissenschaftslandschaft 30 Jahre nach der Wiedervereinigung: „Die jungen Leute sind die Hoffnung"

Michael Dröscher Pressereferat
Gesellschaft deutscher Naturforscher und Ärzte e. V.

    Prof. Dr. Bärbel Friedrich, Mikrobiologin und langjährige Wissenschaftliche Direktorin des Alfried Krupp Wissenschaftskollegs in Greifswald, zieht dreißig Jahre nach der Wiedervereinigung eine gemischte Bilanz zur gesamtdeutschen Wissenschaftslandschaft. Dazu berichtet sie, was sie vom europäischen Gentechnikrecht hält und wie Corona ihren Sommer bestimmt hat.

    Frau Prof. Bärbel Friedrich kennt sich so gut wie kaum jemand in der gesamtdeutschen Wissenschaftslandschaft aus. Zur Frage, sind Ost und West im Wissenschaftsbereich wirklich in den dreißig Jahren seit der Wiedervereinigung zusammengekommen, antwortet sie: „In Berlin gibt es da keine großen Unterschiede mehr. Da sehe ich im Osten und im Westen viele gute Hochschulen und außeruniversitäre Forschungseinrichtungen. Außerhalb Berlins, in den ostdeutschen Flächenländern, ist jedoch einiges aufzuholen.“ Sie berichtet, dass kurz nach dem Mauerfall an der FU Berlin die Angst umging, da man ja eine Freie Universität als Bollwerk der freien Welt nun nicht mehr brauchte. Vor der Wende waren die Subventionen reichlich geflossen, doch das endete nun abrupt. Viele Kollegen unkten, die FU werde bald in die Humboldt-Universität integriert. Aber die Geschichte hat gezeigt, dass die FU sogar zur Exzellenzuniversität wurde. Und Initiativen wie das Katalyse-Cluster UniCat, das Berliner und Brandenburger Universitäten seit 2012 zusammen betreiben, belegen das hohe Niveau der Forschung. Höhepunkt dieser Entwicklung sei sicherlich das erfolgreiche Abschneiden der Berliner Universitätsallianz im Exzellenzwettbewerb 2019.

    Zur akademischen Einheit in den ostdeutschen Regionen sei das Bild sehr gemischt. Bärbel Friedrich: „Es gibt einzelne Leuchttürme, doch in der Breite hinkt die universitäre Forschung in Ostdeutschland noch etwas hinterher. Im Förderranking der Deutschen Forschungsgemeinschaft, zum Beispiel, schneiden westdeutsche Universitäten deutlich besser ab. Wenn wir auf den letzten Exzellenzwettbewerb 2019 schauen, sehen wir, dass in Ostdeutschland neben Berlin nur die TU Dresden ganz oben mitspielt.“ Allerdings hätten einige Hochschulen besondere Stärken entwickelt. Ein Beispiel ist die Universität Greifswald: Als sie 1996 zum ersten Mal mit einer Delegation des Wissenschaftsrats nach Greifswald gekommen sei, hatte sie den Eindruck, man müsse das Chemie-Institut sofort schließen. Die Ausstattung war völlig veraltet, die wissenschaftliche Qualität am Boden. Doch mit den Jahren hat sich das Niveau sehr verbessert und heute leistet die Universität Hervorragendes, vor allem in der Medizinforschung. Als Direktorin des Greifswalder Alfried Krupp-Wissenschaftskollegs konnte sie das aus der Nähe beobachten.

    Allerdings sei der persönliche Umgang noch immer nicht unvoreingenommen. Auf dem Land werde man als Wessi immer noch kritisch beäugt. Bärbel Friedrich: „Für mein Gefühl drückt sich darin der Frust einer Verlierergeneration aus. Bei den jungen Leuten ist das anders, die sehen sich nicht mehr als Ossis, sondern als Deutsche. Die Jugend ist meine Hoffnung – mit ihr könnte sich die deutsche Spaltung auswachsen.“

    Als emeritierte Wissenschaftlerin ist Bärbel Friedrich immer noch wissenschaftspolitisch sehr aktiv und hat mit einigen Kollegen unlängst Position gegen ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs zu genomeditierten Pflanzen bezogen. Bärbel Friedrich: „Viele Wissenschaftler waren maßlos enttäuscht über das Urteil. Denn es führt dazu, dass die zukunftsweisende gentechnische Methode CRISPR-Cas, in Europa im Nutzpflanzenbereich praktisch nicht eingesetzt wird. Die Methode ist ein echter Quantensprung und hat dieser Tage hochverdient den Nobelpreis für Chemie erhalten.“

    Das europäische Gentechnikrecht ist veraltet und sollte überarbeitet werden. Zu diesem Schluss sind in einer gemeinsamen Stellungnahme die Nationalakademie Leopoldina und die Union der deutschen Akademien gekommen. Das war nur eine von mehreren Stellungnahmen für die Politik in diesem Jahr an denen Prof. Friedrich mitgearbeitet hat, alles aus dem Homeoffice. Wichtig dabei ist ihr, dass „die Beteiligten stets bemüht waren, auf der Grundlage aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse Handlungsempfehlungen auszusprechen, wohl wissend, dass die Politik letztlich nach eigenen Kriterien zu entscheiden hat. Hier gibt es eine klare Grenzziehung, die uns die Unabhängigkeit bewahrt.“

    Zur Person
    Bärbel Friedrich kam 1945 in Göttingen zur Welt. Nach ihrer Promotion in Mikrobiologie an der dortigen Universität ging sie für zwei Jahre als Postdoktorandin ans Massachusetts Institute of Technology (MIT) und habilitierte sich anschließend in Göttingen. 1985 wurde sie Professorin für Mikrobiologie an der Freien Universität Berlin; 1994 wechselte sie an die Humboldt-Universität. Von 2008 bis 2018 war sie Wissenschaftliche Direktorin des Alfried Krupp Wissenschaftskollegs, das die Universität Greifwald und den gesamten Wissenschaftsstandort fördert. Bärbel Friedrich engagierte sich in vielen wissenschaftlichen Institutionen und Gremien. Unter anderem war sie Vizepräsidentin der Leopoldina (2005 bis 2015), Mitglied der Bundestags-Enquetekommission „Ethik und Recht der modernen Medizin“ (2003 bis 2005), Vizepräsidentin der Deutschen Forschungsgemeinschaft (1997 bis 2003) und Mitglied des Wissenschaftsrats (1997 bis 2003). Sie erhielt zahlreiche Ehrungen, darunter das Bundesverdienstkreuz für ihr wissenschaftliches Engagement in den neuen Bundesländern und die Verdienstmedaille der Leopoldina.

    In ihrer Forschung untersucht Bärbel Friedrich unter anderem, wie sich Bakterien zur Gewinnung und Umsetzung von Wasserstoff nutzen lassen. Im Exzellenzcluster Unifying Concepts in Catalysis (UniCat) gelang es ihrem Team, Cyanobakterien gentechnisch so zu verändern, dass sie Wasserstoff aus Wasser synthetisieren. Für die Massenproduktion von Wasserstoff im Rahmen der Energiewende sei das Verfahren zu aufwändig, sagt die Mikrobiologin, hier sei die Elektrolyse das geeignetere Verfahren. „Im Rahmen der Grünen Chemie ist biologisch oder elektrolytisch erzeugter Wasserstoff jedoch sehr wertvoll, zum Beispiel zur Herstellung von Grund- und Wertstoffen.“ Dabei spielen Biokatalysatoren, wie sie Friedrich mit ihrer Arbeitsgruppe erforscht – sogenannte sauerstofftolerante Hydrogenasen –, eine vielversprechende Rolle.

    Das vollständige Interview finden Sie unter www.gdnae.de


    Weitere Informationen:

    http://www.gdnae.de


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Lehrer/Schüler, Studierende, Wissenschaftler, jedermann
    Biologie, Chemie, Gesellschaft, Medien- und Kommunikationswissenschaften, Physik / Astronomie
    überregional
    Forschungs- / Wissenstransfer, Wissenschaftspolitik
    Deutsch


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