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05.11.2020 13:31

Ist unser Sehen manipuliert?

Claudia Eulitz Presse, Kommunikation und Marketing
Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

    Materieller Geist – Material Minds: Die Europäische Union fördert innovative Forschung zur Wahrnehmung

    Gemeinsam mit Wissenschaftlern der Universitäten Santiago de Compostela, Spanien, und Brighton, Großbritannien, hat Professor Johannes Müller, Archäologe an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU), den Zuschlag für ein innovatives Forschungsprojekt erhalten. Dieses wird in den kommenden sechs Jahren mit rund zehn Millionen Euro durch den European Research Council (ERC) der Europäischen Union gefördert.

    Unter dem Titel „Material Minds“ wollen die Wissenschaftler die Verknüpfung zwischen materieller Kultur und menschlichem Handeln von der Altsteinzeit bis ins Mittelalter in unterschiedlichen Gesellschaftsformen untersuchen. Sie gehen davon aus, dass „Materialität“, also alltägliche Gegenstände und die gebaute Umwelt, eine Rolle für unsere Wissensverarbeitung einnimmt, die mit der von Sprache vergleichbar ist.
    „Durch ihr Design und ihre Wirkung repräsentieren Gegenstände Normen und Vorstellungen, aber auch unsere Traditionen“, erläutert Müller. „Unser „Sehen“ ist nichts Objektives, sondern es ist wandelbar. Es ist abhängig von den Zusammenhängen, in denen wir leben, aber auch von Herrschaftsverhältnissen, die uns bestimmen. Normierte Visualisierung bestimmt den Verstand und kann als Mittel der Herrschaftsausübung dienen.“

    Basis des Projektes bildet eine Datenbank, die das mit verschiedenen Methoden erfasste Seh- und Wahrnehmungsverhalten in unterschiedlichen gesellschaftlichen und historischen Zusammenhängen abbildet. Dafür untersuchten die Forscher in einer Pilotstudie unter anderem mithilfe von sogenannten Eye-Trackern, die der Blickerfassung dienen, die Visualisierung von Keramik und Monumenten prähistorischer europäischer Gesellschaften. Sie stellten fest, dass offensichtlich sehr unterschiedliche, normierte Blickbewegungen erzeugt werden, je nach dem, was sozio-ökologisch konstituierend für Gesellschaften ist. Tatsächlich erkannten sie neurologische Veränderungen, die das ‚Sehen‘ nicht nur beeinflussen, sondern normieren. Aus dieser Feststellung leitet sich die Relevanz des Projektes für heutige Gesellschaften ab. Es untersucht materielle Kultur und Gegenständlichkeit als Bereiche für Gefahren und Chancen und untersucht die Frage: Ist unser Sehen manipuliert und wenn ja, wie?

    Innerhalb der nächsten sechs Jahre wird das internationale Forscherteam in zahlreichen Fallstudien entsprechende Untersuchungen für prähistorische und für ethnoarchäologisch erfassbare heutige Gesellschaften unterschiedlichen Charakters durchführen. Sie erwarten grundsätzliche Resultate zu Fragen der Sozialforschung, der Geschichtsschreibung und der Kunstbetrachtung. Archäologe Müller führt dazu aus: „Das Projekt legt den Fokus auf das Handlungspotenzial der Verdinglichung in der Weltgeschichte. Gerade in unserer heutigen Zeit, in der Kommunikation immer weniger über Verschriftlichung stattfindet und Wahrnehmung eine Schlüsselrolle in digitalen Technologien einnimmt, wie wir an der aktuellen Pandemie-Debatte sehen, ist das von großer Relevanz.“

    Das mit einem ERC Synergy Grant geförderte interdisziplinäre Forschungsprojekt, an dem neben Archäologen auch ein Philosoph und ein Neurologe beteiligt sind, verbindet auf neue Weise Lebens-, Kultur- und Naturwissenschaften. „Mit der Archäologie ist eine Wissenschaft integriert, die wie keine andere materielle Kultur auch in ihrer zeitlichen Dimension erforscht. Mit der Neurologie können die Zusammenhänge zwischen Visualisierung und Gehirnentwicklung untersucht werden. Und mit modellierender Philosophie ist eine Umsetzung beider Erkenntniswege mit einem gesellschaftlich umfassenden Anspruch angedacht“, stellt Archäologe Müller vom Kieler Institut für Ur- und Frühgeschichte fest.

    Erster ERC Synergy Grant für Schleswig-Holstein

    Der Antrag mit dem Titel: „XSCAPE: Material Minds: Exploring the Interactions between Predictive Brains, Cultural Artifacts, and Embodied Visual Search“ hat sich in einem dreistufigen Begutachtungsverfahren erfolgreich durchsetzen können und ist das erste ERC Synergy Grant für Schleswig-Holstein überhaupt. Insgesamt wurden 438 Anträge eingereicht, von denen 35 zur Förderung ausgewählt wurden, das entspricht einer Bewilligungsquote von acht Prozent. An diesem Projekt, das über sechs Jahre mit fast zehn Millionen Euro gefördert wird, davon 2,2 Millionen Euro für die CAU, sind vier wissenschaftliche Teams beteiligt. Zwei kommen vom Consejo Superior de Investigaciones Cientificas Spanien. Sie werden von Luis M. Martinéz und Felipe Criado-Boado geleitet, der auch die Koordination des Projektes übernimmt. Die beiden anderen Teams sind an der University of Sussex, Großbritannien, unter Leitung von Andy Clark, und an der CAU bei Professor Johannes Müller angesiedelt.

    ERC Synergy Grants sind das einzige Förderinstrument der EU, das Verbundforschung ohne thematische Vorgabe zulässt. Zusammen mit der relativ langen Förderperiode von sechs Jahren und großzügigem Budget von zehn Millionen Euro für maximal vier Teams macht es sie zu einem der begehrtesten Fördermittel in Europa und weltweit. Gefördert werden aber nur herausragende Forschende, die sich gemeinsam einem Projekt widmen, das zu Entdeckungen an den Schnittstellen zwischen etablierten Disziplinen und zu substantiellen Fortschritten an den Grenzen des Wissens führt. Diese Voraussetzungen erfüllen nur die wenigsten Anträge, weshalb ERC Synergy Grants auch zu den prestigeträchtigsten Preisen in der Wissenschaft zählen.


    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    Prof. Dr. Johannes Müller
    Institut für Ur- und Frühgeschichte
    Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
    E-Mail: johannes.mueller@ufg.uni-kiel.de
    Telefon: 0431/880 3391


    Weitere Informationen:

    https://erc.europa.eu/news/erc-2020-synergy-grants-results Zur Pressemitteilung des European Research Council (ERC)


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Wissenschaftler
    Geschichte / Archäologie, Gesellschaft
    überregional
    Forschungs- / Wissenstransfer, Wissenschaftspolitik
    Deutsch


    Im Bild der Antragsteller Johannes Müller bei einem Interview.


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