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06.11.2020 11:12

Raus aus der Nische!? Format und Wirkung von Reallaboren

Ann-Christin Kleinmanns Presse- und Öffentlichkeitsarbeit/ Wissenstransfer
Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung gGmbH

    Am 2. November 2020 fand die digitale Abschlussveranstaltung des Projekts "MobiliSta – Mobilitätsräume abseits der autogerechten Stadt" mit insgesamt rund 90 Teilnehmenden aus ganz Deutschland statt. Unter dem Motto "Raus aus der Nische!?" wurde kritisch diskutiert, wie Reallabore konzipiert und durchgeführt werden sollten, und welche Wirkungen erwartet und gemessen werden können. Das MobiliSta-Projekt zieht Bilanz zum Reallabor in Sennestadt und diskutiert mit Wissenschaft und Praxis das Format Reallabor für die Mobilitätsforschung.

    MobiliSta-Reallabor: Gemeinsame Aktivitäten in der Sennestadt

    Das MobiliSta-Reallabor für zukünftige Mobilität fand in den letzten beiden Jahren in Bielefeld-Sennestadt statt. Deine Sennestadt, deine Idee war das Motto, unter dem Visionen für eine nachhaltige Mobilität entwickelt und mit engagierten Menschen vor Ort umgesetzt wurden. Lokal tätige Akteure und die Zivilgesellschaft haben sich gemeinsam mit dem Projektteam auf den Weg gemacht, selbst etwas zu bewegen. In Sennestadt wurde beispielsweise für einen sicheren und komfortablen Radverkehr demonstriert und Parkplätze wurden zeitweise umgestaltet. Ein hauptsächlich ehrenamtlich betriebener Marktbus bringt mobilitätseingeschränkte Menschen samstags zum Wochenmarkt und verbindet damit Mobilität, gesellschaftliche Teilhabe und soziales Engagement. Ebenfalls ist ein neues, solidarfinanziertes SennestadtTicket in einer Pilotphase getestet worden. Rund 1200 Bewohner*innen zweier Wohnungsgesellschaften bzw. -genossenschaften können in Sennestadt damit kostenlos den Bus nutzen und ein vergünstigtes Abonnement für Bus und Bahn in ganz Bielefeld erwerben. Der Pilotversuch wurde durch das ILS begleitet und evaluiert, Ergebnisse werden in Kürze vorgestellt.

    Reallabore als Forschungsformat

    Reallabore werden als transformatives Forschungsformat gemeinsam von Forschung und Praxis getragen, sind also transdisziplinär angelegt. Als Labor vor Ort arbeitet es mit Experimenten als Methode. Ziel ist es, einen Wandel zur Nachhaltigkeit zu initiieren, zu begleiten und zu erforschen. Dementsprechend hat MobiliSta den Reallabor-Prozess vor Ort initiiert, unterstützt, begleitet und evaluiert. Es wurde mit Experimenten und unterschiedlichen Aktionen zum Ausprobieren aber auch zum Nachdenken angeregt und gezeigt, dass Mobilität nicht autoorientiert sein muss. In MobiliSta wird begleitend in den Stadtbezirken Sennestadt und Jöllenbeck die Mobilitätskultur untersucht. Die FH Bielefeld wird die dafür durchgeführte Panel-Befragung Ende des Jahres abschließen.

    Visionen der Mobilität von Morgen - mit Kultur durch schwere Zeiten

    Aufgrund der Einschränkungen durch die Corona-Pandemie mussten in diesem Jahr einige geplante Aktivitäten ausfallen. Als MobiliSta-Partner vor Ort hat die Sennestadt GmbH deswegen Kunstaktionen zu Visionen der Mobilität initiiert. Kunstschaffende haben seit dem Sommer ihre eigenen kreativen Visionen vor Ort in Aktionen umgesetzt. Die dabei entstandenen Video-Dokumentationen geben einen Eindruck von den Aktionen.
    Zur Abschlussveranstaltung
    Die ursprünglich vor Ort geplante Veranstaltung musste auf ein virtuelles Format ausweichen und fand als kompakter wissenschaftlicher Workshop in zwei Teilen statt. Die Veranstaltung wurde vom ILS gemeinsam mit IKU_die Dialoggestalter organisiert und von Bianca Bendisch (IKU) moderiert.

    Funktioniert die Verbindung aus Forschung und Praxis im Reallabor und kann so Transformation gelingen?

    Am Vormittag wurde die Verbindung aus Forschung und Praxis in Reallaboren aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet, denn die transdisziplinäre Zusammenarbeit ist ein Charakteristikum jeden Reallabors. Dr. Janina Welsch und Janna Albrecht (beide ILS) stellten das Konzept und Aktionen des Projektlabors vor und zogen kritische Bilanz von Seiten der Forschung. Im Anschluss hatte Bernhard Neugebauer, Geschäftsführer der Sennestadt GmbH, von der Praxisseite das Wort. Er betonte, dass ein öffentlich sichtbares Experiment zum Nachdenken anregt und somit einen Impuls zur nachhaltigen Mobilität gibt. Eindrucksvoll konnte dies durch ein Video zur Kunstaktion im umstrittenen Fußgängertunnel unter der Paderborner Straße an der Kreuzkirche gezeigt werden. Als geladene Expertin zu mobilitätsbezogenen Reallaboren hat Dr. Stefanie Schwertfeger von der Goethe-Universität Frankfurt am Main die Ergebnisse und Erfahrungen aus Bielefeld mit eigenen Interviewergebnissen gespiegelt. Sie betonte die Bedeutung einer gemeinsamen Zieldefinition für ein Reallabor, das als lokal verankertes Format immer die besonderen Rahmenbedingungen vor Ort berücksichtigen muss. Ein gemeinsames, realistisches Ziel kann besser verfolgt und dessen (Nicht-) Erreichung im Prozess diskutiert und letztendlich gemessen werden. Die Frage unter welchen Voraussetzungen ein Reallabor erfolgreich ist, wurde zum Abschluss in sogenannten break-outs mit den rund 80 Teilnehmenden des Vormittags diskutiert. Unter den vielfältigen Antworten wurde z.B. das Experimentelle und die Offenheit genannt, was ein mögliches Scheitern einschließt. Aber auch ausreichend Zeit und Ressourcen werden benötigt. Erwartungen sollten geklärt und lokale Interessen und Netzwerke berücksichtigt werden. Die Mehrheit der Teilnehmenden bewertete abschließend Reallabore als Format der transformativen Mobilitätsforschung positiv.

    Welche Veränderungen führen zur Mobilitätswende? Wie misst man die Wirkung von Reallaboren und die lokale Mobilitätskultur?

    Am Nachmittag haben Dr. Aneeque Javaid und Prof. Dr. Felix Creutzig (Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change (MCC) gGmbH) Ergebnisse eines Literaturreviews zu CO2-Reduktionspotenzialen von Maßnahmen im Mobilitätsbereich vorgestellt. Infrastrukturänderung wie z.B. eine Stadtbahnerweiterung oder Radwegebau sind neben push-Maßnahmen, wie Parkraumbeschränkungen oder Geschwindigkeitsreduktion, deutlich effektiver als Kampagnen oder Apelle. Philipp Rollin von der FH Bielefeld hat zur Messung von Mobilitätskultur sowie zu Wirkungen von Reallaboren auf verschiedenen Ebenen berichtet. Rund um diese Themen fand im Anschluss eine Paneldiskussion zwischen Prof. Dr. Sebastian Bamberg (FH Bielefeld), Dr. Thomas Klinger (ILS), Dr. Stefanie Schwertfeger (Goethe-Universität Frankfurt a. M.) und Matthias Wanner (Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie) statt. Einigkeit herrschte weitgehend darüber, dass Reallabore eine Nische zum Experimentieren bieten und Impulse zur Veränderung geben können. Das große Ziel einer nachhaltigen Mobilität kann nur in der Summe vieler verschiedener Veränderungen gelingen. Ein einzelnes Labor wird dann ein Teil vieler Lösungen. Dafür ist jedoch eine längerfristige Perspektive anzulegen, die in den oft kurzen Projektlaufzeiten nicht gegeben ist. Allerdings gibt die aktive Zusammenarbeit von Forschung und Praxis vor Ort Grund zur Hoffnung, denn gemeinsam entwickelte oder von anderen Vorbildern übertrage Lösungen können den Grund für weiterführende Aktivitäten und Experimente legen, vor allem wenn gesellschaftliche und politische Akteure dabei an einem Strang ziehen. Ein abschließendes Votum zwischen den rund 70 Teilnehmenden des Nachmittags endete mit der mehrheitlichen Zustimmung bei der Frage, ob Reallabore das lokale Mobilitätsverhalten beeinflussen können.

    Als Bilanz der Veranstaltung zu Reallaboren sagt Dr. Janina Welsch, MobiliSta-Projekt¬koordinatorin am ILS:

    „Die Veranstaltung hat deutlich gemacht, dass Reallabore – wie das von MobiliSta in Sennestadt – ganz unterschiedliche Menschen vor Ort zusammenführen und dazu bewegen können, gemeinsam aktiv zu werden. Reallabore können dafür den Rahmen und eine geschützte Nische bieten. Ich bin der Überzeugung, dass diese Impulse und viele Schritte im Kleinen wie im Großen notwendig sind, um letztendlich das große Ziel einer Verkehrswende zu erreichen. Reallabore können dafür einen wertvollen Beitrag leisten.“

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    MobiliSta ist ein vom ILS koordiniertes Verbundprojekt, das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung im Rahmenprogramm Forum für Nachhaltige Entwicklung (FONA) unter der Leitinitiative Zukunftsstadt – Themenschwerpunkt „Urbane Mobilität“ gefördert wird.

    Projektpartner

    ILS – Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung gGmbH, Dortmund
    Fachhochschule Bielefeld, Fachbereich Sozialwesen, Bielefeld
    Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change (MCC) gGmbH, Berlin
    Sennestadt GmbH, Bielefeld

    Assoziierte Partner

    Amt für Verkehr, Abteilung Verkehrsplanung und Straßenverkehrsbehörde, Stadt Bielefeld, Bielefeld
    moBiel GmbH, Tochtergesellschaft der Stadtwerke Bielefeld, Bielefeld


    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    Dr. Janina Welsch, ILS, Projektkoordinatorin, E-Mail: janina.welsch@ils-forschung.de


    Weitere Informationen:

    http://mobilista.sennestadt.de/ (Informationen zum MobiliSta-Projekt)
    http://mobilista.sennestadt.de/details/digitale-abschlusskonferenz-161.html
    https://www.neue-sennestadt.com/neue-mobilista (MobiliSta-Kunstaktionen)
    https://www.facebook.com/hans.bernhard.77964 (MobiliSta-Projektmaskottchen)


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Studierende, Wirtschaftsvertreter, Wissenschaftler, jedermann
    Gesellschaft, Kulturwissenschaften, Kunst / Design, Umwelt / Ökologie, Verkehr / Transport
    überregional
    Forschungs- / Wissenstransfer, Forschungsprojekte
    Deutsch


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