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06.11.2020 12:55

Studie der PFH: Gesundheitsfachkräfte psychisch überdurchschnittlich belastet durch COVID-19-Pandemie

Susanne Boll Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
PFH Private Hochschule Göttingen

    Das Personal im Gesundheitssektor weist eine überdurchschnittlich hohe psychische Belastung durch die Beschränkungen während der Corona-Pandemie auf. Darauf weisen die Ergebnisse einer Studie der PFH Private Hochschule Göttingen unter Leitung von Prof. Dr. Stephan Weibelzahl hin. Gesundheitsfachkräfte sind fast doppelt so häufig von Depressions-Symptomen betroffen wie die Allgemeinbevölkerung.

    Die Corona-Pandemie hat in der Allgemeinbevölkerung zu einem Anstieg der psychischen Belastung geführt (Schelhorn et al., 2020). Die Studie der PFH zeigt, dass systemrelevantes Personal im Gesundheitssektor von diesem Trend überdurchschnittlich betroffen ist. Für die Studie wurden zwischen Mitte Mai und Mitte Juli 2020 Gesundheitsfachkräfte, u.a. aus der Kranken- und Altenpflege, befragt. "Im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung berichteten die Studienteilnehmer häufiger von stärkeren Symptomen wie Essstörungen, somatoformen Störungen, Zwangssymptomen, Depression und Angststörungen während der Pandemie", sagt Prof. Dr. Stephan Weibelzahl, Professor für Wirtschaftspsychologie an der PFH Private Hochschule Göttingen. Auffällig ist, dass gut ein Drittel (34,6%) des Personals im Gesundheitssektor während der Pandemie mittlere bis schwere Depressionssymptome entwickelte, in der Allgemeinbevölkerung lagen vergleichbare Werte bei 18,5%. Gänzlich frei von depressiven Symptomen blieb beim medizinischen Personal nur knapp jeder bzw. jede Fünfte (18%), während der Anteil in der Allgemeinbevölkerung bei 42,3% lag.
    "Bei den Angststörungen waren die Unterschiede zwischen Gesundheitspersonal und der Allgemeinbevölkerung ebenfalls unerwartet groß", sagt Weibelzahl. 16,7% des Gesundheitspersonals erzielte mittlere bis schwere Werte auf der Angststörungsskala, in der Allgemeinbevölkerung wiesen hingegen 10,6% mittlere bis schwere Symptome auf. Nur gut die Hälfte (52,3%) der Studienteilnehmer zeigten überhaupt keine Symptome, in der Allgemeinbevölkerung liegt dieser Wert bei 70,7%. Vorherige Studien hatten gezeigt, dass die Pandemie-bedingten Einschränkungen und Unsicherheiten zu einer ungewöhnlich hohen psychischen Belastung der Allgemeinbevölkerung beitragen. Personen, die im Gesundheitssektor arbeiten, zeigen nun eine noch deutlich darüber hinaus gehende Belastung. "Unsere Ergebnisse bestätigen andere Untersuchungen, nach denen MitarbeiterInnen im Gesundheitswesen sich eher sorgen, dass sie Familienmitglieder anstecken als dass sie selbst infiziert werden", so der Professor. Auch wurden die Einschränkungen im Patientenkontakt als einer der größten Belastungsfaktoren angegeben. "Wir gehen davon aus, dass die Sorge um das physische und psychische Wohlergehen ihrer Mitmenschen – PatientInnen wie auch KollegInnen, Freundeskreis und Familie – in Verbindung mit der erhöhten Unsicherheit und den stark eingeschränkten Handlungsmöglichkeiten – die Symptombelastung verstärken. Das medizinische Personal ist unmittelbar mit den Auswirkungen einer Gesundheitskrise konfrontiert, gegen die es selbst kaum etwas unternehmen kann; das führt zu starker psychischer Belastung", so Weibelzahl.

    Geringe Bereitschaft, Hilfsangebote in Anspruch zu nehmen

    Ein zweiter wichtiger Befund der Studie ist, dass neben der hohen psychischen Belastung
    der MitarbeiterInnen im Gesundheitssektor diese eine geringe Bereitschaft aufweisen, Hilfsangebote in Anspruch zu nehmen. Rund 60% der Befragten mit Symptomen von psychischen Störungen gaben an, keine Hilfe für den Umgang mit den psychischen Belastungen der Pandemie in Anspruch nehmen zu wollen. "Dies wurde zumeist so begründet, dass man selbst keine Hilfe brauche, weil man nicht schwer genug belastet sei oder schon genug Unterstützung im eigenen Umfeld habe. Auch dass andere die Hilfe dringender bräuchten, wurde häufig genannt", sagt Weibelzahl. Die Befragten nannten auch, dass sie keine Zeit für Hilfsangebote hätten oder ein passendes Angebot ihnen nicht bekannt sei. "Die Ergebnisse zeigen, dass das Personal im Gesundheitswesen in die Planung von Hilfsangeboten involviert werden sollte, damit die Angebote im Hinblick auf ihre Bedürfnisse optimiert werden können", sagt Weibelzahl. "Zugleich deutet die große Zahl derer, die angeben, anderen den Vortritt lassen zu wollen und keine Zeit zu haben, um ihre eigene psychische Gesundheit zu priorisieren, auf ein Arbeitsklima hin, das die Mitarbeitenden unter Druck setzt, Stärke zu zeigen und sich für die PatientInnen aufzuopfern."

    Arbeitgeber müssen Verantwortung für das psychische Wohl übernehmen

    Die Inzidenzzahlen steigen derzeit bundesweit wieder stark an. „Die sogenannte zweiten Welle der COVID-19-Pandemie rollt, wie seit Monaten erwartet, an. Der medizinische Wissensstand zu dem Virus wächst seit dem Frühjahr zwar stetig, doch die Unsicherheit über die Umstände der Arbeit und des täglichen Lebens sind nach wie vor groß“, so der Wissenschaftler. Gesundheitsfachkräfte sind von den veränderten Arbeitsbedingungen besonders betroffen. Hilfsangebote für Betroffene werden bisher jedoch nur wenig angenommen. So stellt der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) gemeinsam mit der Bundes-Psychotherapeuten-Kammer (BPtK) unentgeltlich psychotherapeutische Telefonhilfe für Pflegekräfte bereit. Unter dem Motto "Helfern helfen" bietet die Telefon-Hotline Talk2Us ebenfalls psychologische Unterstützung durch ausgebildete BeraterInnen für Menschen an, die im Gesundheitssektor arbeiten. Das Angebot richtet sich neben Pflegekräften beispielsweise auch an ÄrztInnen und Medizinische Fachangestellte. "Wichtig ist nun, dass Arbeitgeber im Gesundheitssektor Verantwortung für das psychische Wohlergehen ihrer MitarbeiterInnen übernehmen", so Julia Reiter, eine der Gründerinnen von Talk2Us. "Den MitarbeiterInnen sollten konkrete Unterstützungsangebote, zum Beispiel in Form psychologischer Beratung, gemacht werden; gleichzeitig muss ihnen vermittelt werden, dass es richtig und notwendig ist, ihre psychische Gesundheit zu priorisieren und Hilfe zu suchen." Die Pandemie wird noch längere Zeit anhalten und bereits jetzt beklagen einige Krankenhäuser, dass sie nicht genug Personal vorhalten können. "Umso wichtiger ist es, die vorhandenen Arbeitskräfte zu stärken und zu unterstützen, damit das Gesundheitssystem weiterhin funktioniert", so Reiter.

    Über die Studie

    Die PFH Private Hochschule Göttingen führte in Kooperation mit der ehrenamtlichen Initiative „Talk2Us: Helfern helfen“ zwischen 22. Mai und 26. Juli 2020 eine Studie zu psychischen Belastungen von Personal im Gesundheitssektor im Zusammenhang mit der COVID-19 Pandemie und den daraus resultierenden Schutzmaßnahmen durch. Ziel der Studie war die Untersuchung, mit welcher Art von arbeitsbedingten Stressfaktoren die Beschäftigten im Gesundheitssektor in Deutschland konfrontiert wurden. An der Umfrage beteiligten sich 300 TeilnehmerInnen, zum Großteil aus Niedersachsen (59%). Die größten Teilnehmergruppen waren die Kranken- (35%) und die Altenpflege (9%). Zur besseren Einordnung der Ergebnisse wurden die gemessenen Werte mit einer während der Pandemie befragten Stichprobe aus der deutschen Allgemeinbevölkerung (Schelhorn et al., 2020), sowie einer klinischen und einer nicht-klinischen vor der Pandemie erhobenen Stichprobe (d.h. Personen, die Symptome psychischer Erkrankungen zeigten und Personen, die keine Symptome zeigten; Tritt et al., 2010) verglichen.


    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    Prof. Dr. Stephan Weibelzahl, weibelzahl@pfh.de


    Anhang
    attachment icon Presseinformation Studie PFH Belastung Gesundheitsfachkräfte

    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Wirtschaftsvertreter, Wissenschaftler
    Ernährung / Gesundheit / Pflege, Gesellschaft, Psychologie
    überregional
    Buntes aus der Wissenschaft, Forschungsergebnisse
    Deutsch


    Studie der PFH: Gesundheitsfachkräfte psychisch überdurchschnittlich belastet durch COVID-19-Pandemie


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    Prof. Dr. Stephan Weibelzahl


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