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09.11.2020 16:22

Expert*innen raten: Angebote der Kinder- und Jugendlhilfe müssen auch in der "zweiten Welle" aufrecht erhalten bleiben

Gabriele Gerner Pressestelle
Stiftung Universität Hildesheim

    - Kitas und Schulen müssen geöffnet bleiben
    - die offene Kinder- und Jugendarbeit muss weiterhin stattfinden
    - die ambulante Erziehungshilfe muss weiter durchgeführt werden
    - zum Kinderschutz muss es niedrigschwellige Angebote geben
    - auch Kinder und Jugendliche in Wohngruppen, Heimen und Pflegefamilien dürfen nicht vergessen werden, ebenso nicht junge Erwachsene in prekären Lebenssituationen

    Das fordert das Institut für Sozial- und Organisationspädagogik der Stiftung Universität Hildesheim in Kooperation mit der Internationalen Gesellschaft für erzieherische Hilfen, dem Deutschen Institut für Jugendhilfe und Familienrecht und dem Forum Transfer.

    Von der Kindertagesstätte über die Kinder- und Jugendarbeit bis zum Kinderschutz: Die Infrastruktur der Kinder- und Jugendhilfe ist gerade auch in Zeiten von Corona für die jungen Menschen und ihre Familien unverzichtbar. Das ist eine zentrale Lehre aus der sogenannten ersten Welle, wie wir sie im Frühjahr erlebt haben.

    Die Bundeskanzlerin und die Ministerpräsident*innen betonen immer wieder, dass die Kinder und Jugendlichen in der zweiten Welle nicht vergessen werden dürfen. Doch was bedeutet dies für die Kinder- und Jugendhilfe?

    Wie können die Rahmenbedingungen für die Kindertagesstätten, Kinder- und Jugendarbeit, Hilfen zur Erziehung und für den Schutz von Kindern und Jugendlichen und andere Handlungsfelder gestaltet werden? Wie können junge Menschen in Bildungsübergängen und anderen biografischen Veränderungen in diesen unsicheren Zeiten gut unterstützt werden? Auch wenn in dieser zweiten Welle die Kindertagesstätten und Schulen – vorerst – geöffnet bleiben, kann dies nicht über die besonderen Belastungen von jungen Menschen und ihren Familien hinwegtäuschen. Darauf muss die Kinder- und Jugendhilfe mit einem angepassten Angebot während der Kontakteinschränkungen in der zweiten Welle und mit einer niedrigschwelligen Erreichbarkeit reagieren.

    Mathias Röder, Jugendamtsleiter in Hessen, betont: „In den Jugendämtern müssen wir jetzt die Lehren aus dem Frühjahr ziehen. Insbesondere müssen wir dieses Mal vermehrt die Jugendlichen in den Fokus setzen“. Heinz Müller, verantwortlicher Projektleiter von Forum-Transfer, ergänzt: „Die Kinder- und Jugendhilfe hat viele neue Zugänge in diesem Jahr entwickelt, diese müssen jetzt verstärkt in den Kommunen umgesetzt werden“. Tanja Rusack und Severine Thomas von der Universität Hildesheim fordern darum eine umfassende Digitalisierungsstrategie in den Jugendämtern – und zwar jetzt: „Sonst lässt sich der Kontakt zu jungen Menschen kaum aufrecht erhalten. Auch die Kooperation mit den freien Trägern der Kinder- und Jugendhilfe kann ohne eine konsequente Digitalisierung der Jugendämter nicht gewährleistet werden“.
    Die aktuellen Corona-Verordnungen haben für Kinder und Jugendliche erneut sehr weitreichende Auswirkungen für ihren Alltag. Ein ganzes Jahr unter dem Zeichen der Pandemie, auch schon ein Monat, ist im Alltag eines Kindes oder Jugendlichen ein langer Zeitraum. Kontakte mit Gleichaltrigen sind zentral in der Persönlichkeitsentwicklung von jungen Menschen. Nach der geltenden Zwei-Haushalte-Regel dürfen sich kaum mehr als zwei Jugendliche treffen. Wo aber sollen sich Jugendliche begegnen, wenn öffentliche Räume verboten und das Internet und die Schule nicht die einzigen Alternativen sein sollen? Mögliche Regelverletzungen können auf diese umfassenden Einschränkungen zurückzuführen sein, so Severine Thomas. Sie plädiert für die langfristige Stärkung kollektiver und partizipativer Selbstvertretungsgremien, wie wir sie in der Kinder- und Jugendarbeit schon kennen, sodass die Interessen von Kindern und Jugendlichen zukünftig mehr Gehör finden können.

    In einer von Forum-Transfer durchgeführten Videokonferenz haben sich am 29. Oktober 2020, kurz vor Beginn der Kontaktbeschränkungen, Jugendamtsleitungen und Expert*innen ausgetauscht sowie notwendige Handlungsschritte ausgelotet. Alle Initiator*innen und beteiligten Organisationen sind seit Jahren in der Kinder- und Jugendhilfe praktisch, beratend oder wissenschaftlich tätig. Ihnen ist es wichtig, dass die Menschen gerade jetzt merken, dass die Kinder- und Jugendhilfe für die jungen Menschen und Familien da ist. Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) unterstützt und fördert die Plattform Forum-Transfer.

    Die Expert*innen halten fest:

    Nicht nur die Kindertagesstätten dürfen nicht schließen. Auch die offene Kinder- und Jugendarbeit muss unbedingt offenbleiben. Jugendliche brauchen Räume!
    In den Beschlüssen vom 28. Oktober 2020 heißt es, dass Einrichtungen der Sozial- und Jugendhilfe sowie vergleichbare Beratungseinrichtungen geöffnet bleiben. Vor dem Hintergrund der oben skizzierten Erfahrungen im Verlauf der ersten Welle muss dieser Teil des Beschlusses unbedingt für die gesamte Kinder- und Jugendhilfe Anwendung finden. Neben den Kindertagesstätten und Schulen müssen dringend auch alle präventiv und alltagsunterstützend ausgerichteten Einrichtungen und Dienste der Kinder- und Jugendhilfe offenbleiben, wie beispielsweise die Einrichtungen und Angebote der offenen und verbandlichen Kinder- und Jugendarbeit oder auch der Familienbildung und -beratung. „Die Einrichtungen der Kinder- und Jugendarbeit müssen Konzepte aus dem Frühjahr wieder nutzen und offenbleiben. Letztlich werden die Angebote noch mehr gebraucht als in den Sommermonaten“, betont Wolfgang Schröer von der Universität Hildesheim.

    Ambulante Erziehungshilfe weiter durchführen!

    Familien müssen sich aktuell wieder auf eine neue Lebenssituation unter dem Einfluss der Kontaktbeschränkungen einstellen. Die Belastungen der letzten Monate, auch die psychischen Folgen der Pandemie, müssen weiterhin in ambulanten Angeboten aufgefangen werden. Auch wenn Familien sich wieder verstärkt im privaten Raum bewegen, darf die Bereitstellung von Hilfen nicht reduziert werden, denn Grenzerfahrungen in den Familien verstärken sich. Im Bereich der Hilfen zur Erziehung hat sich in der ersten Welle gezeigt, dass die ambulanten und teilstationären Hilfen trotz Einschränkungen mit den Familien in Kontakt bleiben können und müssen. Sie bieten wichtige Unterstützung in einer besonders belastenden Zeit und müssen weiter durchgeführt werden. Neben Einhaltung der Hygienevorschriften bei direkten Kontakten sind digitale Ressourcen auch hier für die Aufrechterhaltung der Kontakte essentiell.

    Niedrigschwellige Zugänge zum Kinderschutz schaffen!

    Die Kindertageseinrichtungen und Schulen sind zwar geöffnet, dennoch sind die Zugänge für externe Berater*innen gerade teilweise eingeschränkt. Auch die erschwerte Arbeitsorganisation in den Betreuungseinrichtungen und Schulen macht es gerade nicht leicht, den Blick auf Kinder und Jugendliche in besonders schwierigen Lebenssituationen zu richten. Dabei ist unter den derzeitigen Verhältnissen dem Kinderschutz – auch präventiv – besonders Rechnung zu tragen. Junge Menschen brauchen hierfür einen barrierefreien Zugang in Beratungs- und Hilfsangebote. Unter den jetzigen Gegebenheiten sind digitale Angebote und telefonischen Sprechzeiten auszubauen. Aber auch für Kinder ohne Zugang zu Telefon oder Internet braucht es einer verstärkten Aufmerksamkeit der Fachkräfte auf ihr psychisches, emotionales und körperliches Wohlbefinden.

    Das Jugendamt ist mit all seinen Sozialen Diensten vor diesem Hintergrund unbedingt als systemrelevant einzustufen. Während der ersten Welle waren es insbesondere die sozialpädagogischen Präventionsbereiche (Schulsozialarbeit, Familienbüros, Jugendpflege etc.), die den Kontakt und Zugang zu Kindern, Jugendlichen und Familien aufgebaut oder gehalten haben. In vielen Situationen konnten Krisen so verhindert werden. Familien, in denen Mitglieder psychisch erkrankt sind, sind hier besonders zu unterstützen.

    Kinder und Jugendlichen in Wohngruppen, Heimen und Pflegefamilien nicht vergessen! Junge Volljährige unterstützen!

    Der Alltag in Wohngruppen hat sich bereits im Frühjahr sehr von dem Leben anderer junger Menschen unterschieden. Teilweise war der Kontakt auf die eigene Wohngruppe beschränkt, Ebenso gab es empfindliche Eingriffe in die Pflege der Elternkontakte – manche Kinder und Jugendliche konnten ihre Angehörigen über Wochen nicht treffen. Die Handhabung im Falle einer Corona-Erkrankung innerhalb stationärer Wohneinheiten war nicht überall transparent. Kinder- und Jugendliche in Wohngruppen brauchen gerade in ihrem häuslichen Lebensumfeld Verlässlichkeit und Schutz. Beteiligungs- und Beschwerderechte sind auch unter dem Einfluss der Pandemie unbedingt zu gewährleisten.

    Weiterhin ist eine gute digitale Infrastruktur in stationären Hilfen notwendig, damit die Bildungsteilhabe und Kontakt-Aufrechterhaltung während der Pandemie sichergestellt werden kann. Es müsse verhindert werden, dass ein „heimlicher Lockdown“ der Kinder- und Jugendhilfe stattfindet, so Wolfgang Schröer. Bereits jetzt fänden wieder erste Kontaktbegrenzungen statt.
    Erfahrungen der ersten Welle zeigten zudem, dass wichtige Gespräche von allen Beteiligten in Präsenz bevorzugt würden und unter Wahrung der Hygienekonzepte auch erfolgreich durchgeführt werden könnten.

    Interkommunaler und landkreisübergreifender Austausch der Jugendämter!

    Die Expert*innen plädierten für einen nachhaltigen (Methoden-)Austausch zwischen den Jugendämtern. Sie hoben außerdem die Möglichkeiten der Jugendhilfeplanung sowie der Landesjugendämter hervor, die während der zweiten Welle nun noch besser genutzt werden sollen. Damit könnten langfristige Veränderungen auch auf struktureller Ebene implementiert werden.

    Die Kinder- und Jugendhilfe braucht eine Digitalisierungsoffensive: Jetzt!

    Es braucht eine angemessene digitale Ausstattung aller Einrichtungen und Dienste der Kinder- und Jugendhilfe einschließlich der Jugendämter sowie Schulungsmöglichkeiten für Fach- und Leitungskräfte, damit sie die digitalen Möglichkeiten zur Kontaktgestaltung und Kommunikation mit Kinder, Jugendlichen, Eltern sowie Kolleg*innen ausschöpfen können. Es könne zum Beispiel nicht sein, dass es immer noch keine umfassende datengeschützte Plattform zum Abhalten von digitalen Treffen für die Jugendämter gebe, so Myriam Lasso.

    Hierzu ebenfalls Matthias Röder: „Die Jugendämter ebenso wie die Einrichtungen und Dienste der Kinder- und Jugendhilfe brauchen dringend ausreichend digitale Ausstattung, um mit den Familien (Kindern und Jugendlichen und Eltern) in Kontakt bleiben können. Digitale Informations- und Kommunikationswege stellen in Zeiten der Kontaktbegrenzung eine wichtige Ergänzung zu den nach wie vor notwendigen Face-to-Face-Kontakten dar." Auch Wolfang Schröer zeigte sich irritiert darüber, dass Jugendämter neben der Digitalisierung von Schulen und Kitas nicht auch in den Blick genommen würden. Severine Thomas betonte weiterhin, dass eine Digitalisierung nicht die alleinige Lösung aller Probleme sei. Es müsse weitergedacht werden, wie Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe zukünftig noch stärker miteinander verschränkt werden könnten.

    Die Expert*innen, darunter auch Birgit Zeller, Leiterin des Landesjugendamtes Mainz, betonten weiterhin, dass man zudem die nach wie vor hohe Belastung der Fachkräfte nicht aus dem Blick verlieren solle. Es fehle an Wertschätzung in den Medien sowie in der breiten Öffentlichkeit. Die Fachkräfte seien hoch motiviert, ihrer Verantwortung nachzukommen, stießen aber auch immer wieder an ihre Grenzen. Auch sie seien von den Auswirkungen der Pandemie sowohl dienstlich als auch privat betroffen. Die mitunter psychischen Belastungen der ersten Welle wirkten auch jetzt noch nach, so dass nun eine diesbezüglich erhöhte Aufmerksamkeit auch während der zweiten Welle geboten sei. Neben mehr Anerkennung in der Bevölkerung brauche es zudem vermehrt internen Austausch und Reflexion mit Blick auf die aktuellen Einbußen, Überforderungstendenzen und den Umgang mit schon zuvor bestehenden Herausforderungen wie beispielsweise Sparmaßnahmen. Nicht zuletzt sei eine langfristig gedachte und innovative digitale Ausstattung sowie eine Weiterbildung diesbezüglich notwendig, damit die Fachkräfte ihrer Arbeit unter pandemischen Bedingungen weiterhin so gut wie möglich nachkommen
    könnten.

    Wer wir sind?

    „Forum Transfer: Innovative Kinder- und Jugendhilfe in Zeiten von Corona“ (www.forum-transfer.de) hat sich seit April 2020 zu einer Plattform des Praxisaustausches und der Entwicklung sowie Erprobung neuer und auch digitaler Zugänge in der Kinder- und Jugendhilfe entwickelt. Ca. 150.000 Personen beteiligen sich an dieser Plattform und entwickeln Konzepte und Strategien, um auch unter Kontaktbegrenzungen und der Einhaltung der Corona-Verordnungen handlungsfähig zu bleiben.
    Projektträger (V.i.S.d.P.)
     Institut für Sozialpädagogische Forschung Mainz gGmbH (ism);
    Kontaktpersonen: Miriam Wolf, Heinz Müller, Elisabeth Schmutz
    Flachsmarktstraße 9, D-55116 Mainz, 06131-24041-0, Mail: info@ism-mz.de
    www.ism-mz.de
    in Kooperation mit:
     Internationale Gesellschaft für erzieherische Hilfen e.V. (IGfH);
    Kontaktpersonen: Josef Koch, Stefan Wedermann
    Web: www.igfh.de
     Institut für Sozial- und Organisationspädagogik der Universität Hildesheim;
    Kontaktpersonen: Tanja Rusack, Wolfgang Schröer, Severine Thomas
    www.uni-hildesheim.de/fb1/institute/institut-fuer-sozial-und-organisationspaedagogik/
     Deutsches Institut für Jugendhilfe und Familienrecht e.V. (DIJuF);
    Kontaktpersonen: Katharina Lohse, Matthias Röder
    www.dijuf.de


    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    Dr. Severine Thomas, E-Mail: thomass@uni-hildesheim.de
    Dr. Tanja Rusack, E-Mail: rusack@uni-hildesheim.de
    Dr. Wolfgang Schroer, E-Mail: schroeer@uni-hildesheim.de
    Alle: Institut für Sozial- und Organisationspädagogik der Universität Hildesheim


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Wissenschaftler
    Gesellschaft, Pädagogik / Bildung, Psychologie
    überregional
    Schule und Wissenschaft
    Deutsch


    Schulen und Kitas müssen in der zweiten Welle der Corona-Einschränkungen geöffnet bleiben, meinen Expert*innen der Kinder- und Jugendhilfe


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