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02.12.2020 11:16

Bedrohte Ordnung? Geschichtsunterricht in der Pandemie

Antje Karbe Hochschulkommunikation
Eberhard Karls Universität Tübingen

    Forschende der Universität Tübingen entwickeln digitale Lernplattform für innovativen Geschichtsunterricht

    Forschende der Universität Tübingen gehen mit einer neuen digitalen Schulplattform online: Unter www.offene-geschichte.de unterstützt diese historisches Lernen und ermöglicht Schulen, Geschichtsunterricht auch unter den schwierigen Pandemiebedingungen zu einem spannenden Lernerlebnis zu machen. Sie wurde von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern des Tübinger Sonderforschungsbereichs (SFB) 923 „Bedrohte Ordnungen“ in Zusammenarbeit mit dem Institut für Geschichtsdidaktik und Public History entwickelt.

    Die Plattform startet mit fünf historischen Situationen, darunter etwa „Deutschland nach dem Kriegsende 1945“, „die Pest“ oder „die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl“. Sie wird regelmäßig durch neue Lernmodule ergänzt sowie durch neue Funktionen und Aufgabenformate erweitert. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler orientierten sich an den Lernbedürfnissen der Schülerinnen und Schüler. „Geschichtsunterricht soll spannender werden“, meint Projektleiter Professor Bernd-Stefan Grewe vom Institut für Geschichtsdidaktik und Public History. „Genau dafür bieten die dramatischen Krisen, die der Sonderforschungsbereich ‘Bedrohte Ordnungen‘ erforscht, den perfekten Ausgangspunkt.“

    Seit knapp zehn Jahren untersucht der Tübinger Forschungsverbund, wie Menschen mit existentiellen Bedrohungen ihrer sozialen Ordnung umgehen. Im Jahr 2020 gefährdet das Corona-Virus nicht nur unsere Gesundheit, die Pandemie bedroht unsere gesamte Ordnung, die Wirtschaft, das tägliche Miteinander – alles wird in einer solchen Situation in Frage gestellt.

    Daher hat der SFB im Sommer die Forschungsinitiative „Fokus:Corona“ eingerichtet, in der Forschungsaktivitäten und Kommunikationsmaßnahmen zur Corona-Pandemie gebündelt werden – wie der Launch der Schulplattform unter außergewöhnlichen Bedingungen. Denn die tiefgreifenden Einschnitte im öffentlichen Leben hätten gerade junge Menschen als dramatisch erfahren, so Grewe: „Die Lernenden erleben derzeit hautnah das, was der SFB historisch untersucht.“ Das Erkenntnismodell des SFB könne Schülerinnen und Schülern helfen, das komplexe Gegenwartsgeschehen besser einzuordnen, indem sie selbst andere Fälle bedrohter Ordnungen systematisch vergleichen und lernen, dass die eigene Zukunft nicht von historischer Entwicklung vorgezeichnet sei.

    „Unter Pandemiebedingungen und dem zeitweiligen Verlust des Präsenzunterrichts waren herkömmliche Unterrichtsformate und analoge Formate von heute auf morgen beinahe überflüssig“, sagt Rainer Lupschina, Lehrer an einem Reutlinger Gymnasium und einer der Entwickler der Plattform. Diese bietet ein multimediales, didaktisch innovatives Lernerlebnis, das Geschichte als etwas Offenes und im Entstehen Begriffenes vermittelt, an dem wir selbst teilhaben. Ihr Verlauf wird nicht als alternativlos und zwangsläufig präsentiert. Stattdessen lernen Schülerinnen und Schüler, dass die Folgen von Entscheidungen in der Vergangenheit meist ungewisser waren als in vielen Schulbüchern dargestellt.

    www.offene-geschichte.de bietet historische Einblicke in die Ängste und Unsicherheiten einer Bedrohungslage, in der Menschen unter hohem Zeitdruck weitreichende Entscheidungen fällen mussten. Welche Entscheidung war die richtige? Die Geschichte bedrohter Ordnungen zeigt: Es hätte auch anders kommen können. In Alternativen zu denken, öffnet Lernenden neue Deutungshorizonte und hilft bei der Orientierung in einer unübersichtlichen Gegenwart.

    Die Plattform regt offenes historisches Denken an. Sie konfrontiert nicht mit fertigen Interpretationen, sondern animiert durch spezielle Aufgaben zu eigenständigem Denken. „Im Unterricht trauen wir unseren Schülerinnen und Schülern zu wenig zu. Zum Großteil findet lediglich Faktenvermittlung statt“, sagt Grewe. Die Plattform soll Lernende in die Lage versetzen, eine eigensinnige, spannende Geschichte zu verfassen und – noch wichtiger – zu einem triftigen historischen Urteil zu kommen.

    Hintergrundinformation: Der Sonderforschungsbereich 923 „Bedrohte Ordnungen“ startete 2011 und wird bis zum Sommer 2023 von der Deutschen Forschungsgemeinschaft mit circa 2 Millionen Euro pro Jahr gefördert. Knapp 60 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler forschen in derzeit 19 Teilprojekten, die interdisziplinär, historisch oder gegenwartsnah angelegt sind und unterschiedliche geographische Räume in den Blick nehmen. Beteiligt sind die Fächer Geschichtswissenschaft, Soziologie, Germanistik, Amerikanistik, Empirische Kulturwissenschaft, Politikwissenschaft, Theologie, Philologie, Rechtswissenschaft sowie die Medizin.

    >Hochaufgelöste Fotos erhalten Sie unter http://www.pressefotos.uni-tuebingen.de/20201202_Lernplattform%20Bedrohte%20Ordn...
    Bildnachweis: SFB 923 „Bedrohte Ordnungen“

    >Video über die Arbeit des SFB: https://youtu.be/w1Fme9G5O8k

    >Video zur Erklärung der Schulplattform: https://youtu.be/0XAT_-feBZU
    >Podcast zur Geschichtsplattform: https://spoti.fi/3fX2cor

    >Informationen zu Fokus:Corona: https://uni-tuebingen.de/de/196949


    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    Roman Krawielicki, Thorsten Zachary
    Universität Tübingen
    SFB 923 "Bedrohte Ordnungen"
    Wissenschaftskommunikation
    Telefon +49 7071 29-75095
    roman.krawielicki@uni-tuebingen.de
    thorsten.zachary@uni-tuebingen.de

    Fragen zur Lernplattform www.offene-geschichte.de:
    Prof. Dr. Bernd-Stefan Grewe
    bernd.grewe@uni-tuebingen.de
    Homeoffice: Tel. 0172 - 834 0676

    OStR Rainer Lupschina
    rainer.lupschina@uni-tuebingen.de
    Homeoffice: Tel. 0172 - 737 0373


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Lehrer/Schüler
    Geschichte / Archäologie, Gesellschaft, Politik
    überregional
    Forschungsprojekte, Schule und Wissenschaft
    Deutsch


    Das Lernmodul zur "Pest": Wie gingen die Menschen damals mit der bedrohlichen Situation um?


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