idw – Informationsdienst Wissenschaft

Nachrichten, Termine, Experten

Grafik: idw-Logo
Thema Corona

Imagefilm
Science Video Project
idw-News App:

AppStore



Teilen: 
03.03.2021 14:01

Präziser und individueller: Forscher optimieren die Tiefe Hirnstimulation bei Bewegungsstörungen

Sandra Wilcken Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Deutsche Gesellschaft für Parkinson und Bewegungsstörungen e.V.

    Mit einer Fördersumme von 10 Millionen Euro ist der neue Sonderforschungsbereich RETUNE ein Leuchtturmprojekt zur Individualisierung der Therapie von Bewegungsstörungen wie Parkinson, Dystonie oder essenziellem Tremor. Ziel ist es, mit der adaptiven Tiefen Hirnstimulation (THS) den Therapieerfolg zu verbessern und die Nebenwirkungen zu reduzieren.

    Auf dem virtuellen Live-Kongress „Parkinson und Bewegungsstörungen – Highlights Digital“ der Deutschen Gesellschaft für Parkinson und Bewegungsstörungen (DPG) und des Arbeitskreises Botulinumtoxin (AkBoNT) berichtete die Sprecherin des Sonderforschungsbereichs, Prof. Dr. med. Andrea Kühn von der Charité in Berlin, über die neuen Konzepte der adaptiven Tiefen Hirnstimulation (THS) und den Stand der klinischen Anwendung. Prof. Kühn ist Leiterin der Sektion Bewegungsstörungen und Neuromodulation an der Klinik für Neurologie mit Experimenteller Neurologie.

    Neuromodulation nach Bedarf: höhere Lebensqualität und weniger Nebenwirkungen

    Die Tiefe Hirnstimulation ist eine seit etwa zehn Jahren etablierte Therapie mit Zulassungen zur Behandlung von Bewegungsstörungen bei Morbus Parkinson, Dystonie und essenziellem Tremor. Die THS kann die Lebensqualität der Patienten deutlich verbessern, jungen Parkinson-Patienten zum Beispiel wieder ein Berufsleben ermöglichen. Der Wirkmechanismus ist noch nicht vollständig verstanden. „Letztlich geht man davon aus, dass bei der Tiefen Hirnstimulation durch die hochfrequente, kontinuierliche Stimulation abnorme neuronale Aktivität im Zielgebiet unterdrückt wird“, erklärt Prof. Kühn. Hier setzen auch die Forschungsprojekte an, die eine adaptive, also Feedback-kontrollierte Stimulation untersuchen – technische Innovationen ermöglichen ab 2021 die ersten Tests am Patienten. „Eine bedarfsgerechte Steuerung der Stimulation ist sinnvoll, weil die Bewegungsstörungen im Tagesverlauf schwanken“, so Prof. Kühn. Eigentlich sollte die Stimulation nur in Phasen schlechter Beweglichkeit oder zur Unterdrückung der Tremorphasen oder unwillkürlicher Bewegungen eingesetzt werden. Darüber hinaus sind bei der chronischen Tiefen Hirnstimulation auch Nebenwirkungen wie Dysarthrie zu sehen, aber auch eine ausgeprägte Bradykinese. Beides könnte durch eine bedarfsgerechte intermittierende Stimulation positiv beeinflusst werden.

    Adaptive Stimulation: die Rolle der Beta-Aktivität als Biomarker

    Entscheidend für die bedarfsbasierte Stimulation ist es, einen Biomarker zu identifizieren, der verlässlich den motorischen Status des Patienten widerspiegelt. Untersuchungen der letzten Jahre haben bei Parkinson-Patienten ein neuronales Signal aus dem Zielgebiet der THS identifiziert [1]. Dabei handelt es sich um eine synchrone, oszillatorische Aktivität im sogenannten Beta-Frequenzbereich um 20 Hertz. Je ausgeprägter die Beta-Aktivität vorliegt, umso stärker ist der Patient motorisch durch Bradykinese und Rigor beeinträchtigt.

    Die Beta-Aktivität wird durch die L-Dopa-Medikation und auch durch die Stimulation beeinflusst. Dabei ist das Ausmaß der Unterdrückung der Beta-Aktivität durch die Therapie eng gekoppelt an die motorische Verbesserung [2]. Somit kann für Parkinson-Patienten das subthalamische Signal im Beta-Frequenzband als Biomarker gewertet werden. Erste Studien zur bedarfsgerechten Stimulation sind bereits 2013 publiziert worden und zeigen die Möglichkeit, die Amplitude der Beta-Aktivität als Triggersignal zu nutzen [3]. Die Stimulation wird nur dann ausgelöst, wenn die Beta-Aktivität eine bestimmte Schwelle überschreitet.

    Innovative Ansätze zur adaptiven Stimulation stehen kurz vor der klinischen Testung

    Mit dem neuartigen Percept Stimulator können neuronale Signale über die in den Basalganglien platzierten Elektroden zur THS über einen langen Zeitraum ausgelesen werden. Erste Untersuchungen zeigen, dass die Beta-Aktivität als Biomarker in guter technischer Qualität unter Stimulation nutzbar ist. „Wir konnten außerdem den Effekt der Stimulation auf die Beta-Aktivität deutlich zeigen“, sagt Prof. Kühn. Die erste klinische Studie zur adaptiven Stimulation startet demnächst an ausgewählten europäischen und US-amerikanischen Zentren. Dabei wird erstmals außerhalb des Labors der Mechanismus der adaptiven Stimulation in der klinischen Routine über mehrere Wochen an den Patienten getestet, nicht nur für einige Stunden wie bisher unter Laborbedingungen. Langfristig soll auch getestet werden, ob andere Signalquellen, wie die kortikale Aktivität, oder komplexere Analysemechanismen, die weit über die lokale Beta-Aktivität hinausgehen, potenziell noch differenziertere Informationen als Feedback-Signal zur Verfügung stellen.

    Referenzen

    1. Alegre M. et al. Mov Dis 2012, https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/22744752/
    2. Kühn AA. et al. J Neurosci 11 June 2008, 28 (24) 6165-6173, https://www.jneurosci.org/content/28/24/6165
    3. Little S. et al. Ann of Neurol, Vol 74, Iss 3, 2013, https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/ana.23951

    Fachlicher Kontakt
    Prof. Dr. Andrea Kühn
    Leiterin der Sektion Bewegungsstörungen und Neuromodulation der Klinik für Neurologie, Charité Berlin
    E-Mail: andrea.kuehn@charite.de

    Pressestelle der Deutschen Gesellschaft für Parkinson und Bewegungsstörungen e.V. (DPG)
    c/o albertZWEI media GmbH
    Dipl.-Biol. Sandra Wilcken; Tel.: +49 (0) 89 46148620;
    E-Mail: presse@parkinson-gesellschaft.de
    https://www.parkinson-gesellschaft.de/presse
    https://www.dpg-akbont-kongress-2021.de/

    Gerne vermitteln wir Interviews und stellen Ihnen druckfähiges Bildmaterial zur Verfügung. Wir freuen uns über einen Hinweis auf Ihre Veröffentlichung oder Zusendung eines Belegs.

    Die Deutsche Gesellschaft für Parkinson und Bewegungsstörungen (DPG) fördert die Erforschung der Parkinson-Krankheit und verbessert die Versorgung der PatientInnen. Organisiert sind in der wissenschaftlich-medizinischen Fachgesellschaft Parkinson-ÄrztInnen sowie GrundlagenforscherInnen. Die Zusammenarbeit dieser beiden Zweige ist entscheidend für die Fortschritte in Diagnostik und Therapie.
    https://www.parkinson-gesellschaft.de/

    1. Vorsitzender: Prof. Dr. med. Günter Höglinger, Hannover
    2. Vorsitzender: Prof. Dr. med. Karla Eggert, Marburg
    3. Vorsitzender: Prof. Dr. med. Alexander Storch, Rostock
    Schriftführer: Prof. Dr. med. Rüdiger Hilker-Roggendorf, Recklinghausen
    Schatzmeister: Prof. Dr. med. Dirk Woitalla, Essen

    Deutsche Gesellschaft für Parkinson und Bewegungsstörungen e.V. (DPG)
    Hauptstadtbüro, Reinhardtstr. 27 C, 10117 Berlin,
    E-Mail: info@parkinson-gesellschaft.de


    Weitere Informationen:

    https://www.parkinson-gesellschaft.de/ - Website der Deutschen Gesellschaft für Parkinson und Bewegungsstörungen e.V.


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten
    Ernährung / Gesundheit / Pflege, Medizin
    überregional
    Wissenschaftliche Tagungen
    Deutsch


    Hilfe

    Die Suche / Erweiterte Suche im idw-Archiv
    Verknüpfungen

    Sie können Suchbegriffe mit und, oder und / oder nicht verknüpfen, z. B. Philo nicht logie.

    Klammern

    Verknüpfungen können Sie mit Klammern voneinander trennen, z. B. (Philo nicht logie) oder (Psycho und logie).

    Wortgruppen

    Zusammenhängende Worte werden als Wortgruppe gesucht, wenn Sie sie in Anführungsstriche setzen, z. B. „Bundesrepublik Deutschland“.

    Auswahlkriterien

    Die Erweiterte Suche können Sie auch nutzen, ohne Suchbegriffe einzugeben. Sie orientiert sich dann an den Kriterien, die Sie ausgewählt haben (z. B. nach dem Land oder dem Sachgebiet).

    Haben Sie in einer Kategorie kein Kriterium ausgewählt, wird die gesamte Kategorie durchsucht (z.B. alle Sachgebiete oder alle Länder).