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08.03.2021 14:39

Weibliche Schneeregenpfeifer sind keine Rabenmütter

Dr. Sabine Spehn Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Max-Planck-Institut für Ornithologie

    Bei Schneeregenpfeifern haben die Weibchen die traditionellen Familienklischees überwunden. Sie verlassen oft die Familie, um mit einem neuen Partner ein Gelege zu beginnen. Die Männchen kümmern sich weiterhin um ihre Jungen, bis diese unabhängig sind. Eine Studie des Max-Planck-Instituts für Ornithologie und Kolleg*innen hat nun den Entscheidungsprozess untersucht, der die Dauer der elterlichen Fürsorge durch die Weibchen bestimmt. Sie fanden heraus, dass das Verlassen des Nachwuchses häufig entweder unter schlechten Umweltbedingungen erfolgt, wenn die Küken trotz der Betreuung durch beide Elternteile sterben, oder wenn die Küken auch ohne das Weibchen eine gute Überlebenschance haben.

    Es mutet gefühlskalt an und sinnlos, wenn Vogeleltern ihre kleinen Küken verlassen, um sich einen neuen Partner zu suchen. Theoretische und experimentelle Studien zeigen jedoch, dass dies für die Eltern oft von Vorteil ist, selbst wenn sie bereits Energie und Zeit in die Brut investiert haben. Verpaaren sie sich nach dem Verlassen einer erfolglosen Brut erneut, können sie ihren Fortpflanzungserfolg insgesamt erhöhen.
    Ein Team von Wissenschaftler*innen unter der Leitung des Max-Planck-Instituts für Ornithologie in Seewiesen hat nun genauer untersucht, welche Faktoren einen Elternteil dazu bringen, seine Jungen aufzugeben. Sie untersuchten Schneeregenpfeifer (Charadrius nivosus), die oft in der Gezeitenzone oder an brackigen Binnenseen brüten. Diese Umwelt übt großen Druck auf die Eltern aus, denn die temporäre Wasserkörper trocknen oft aus, und viele Küken verdursten oder verhungern. „Männchen haben in allen Lebensstadien Überlebensvorteile“, sagt Clemens Küpper, Forschungsgruppenleiter in Seewiesen. „Obwohl aus den Eiern gleich viele Weibchen und Männchen schlüpfen, gibt es in der erwachsenen Population deshalb einen Überschuss an Männchen.“ Weibchen sind also seltener, aber damit im Vorteil bei der Partnersuche. Bei Schneeregenpfeifern sind daher die Elternrollen vertauscht: Männchen kümmern sich um die Jungen, bis sie flügge sind, während die Weibchen oft die Familie verlassen und sich für eine neue Brut mit einem anderen Partner zusammenschließen.
    Das Forscher*innenteam analysierte das elterliche Verhalten und das Überleben von mehr als 260 Bruten über einen Zeitraum von sieben Jahren. Davon wurden mehr als 70 Prozent von den Weibchen verlassen. Zwar reicht ein Elternteil für die Betreuung oft aus, da die Küken frühreif sind und die Nahrung selbst finden. Die Studie zeigt jedoch, dass die Küken einer verlassenen Brut tatsächlich seltener überleben als in anderen Bruten, bei denen die Weibchen länger bleiben.
    Treffen Schneeregenpfeifer-Mütter hier also die falschen Entscheidungen? Die Wissenschaftler*innen fanden heraus, dass Bruten eher zu Beginn der Brutsaison aufgegeben werden. Das ergibt Sinn, da es dann mehr Möglichkeiten für das Weibchen gibt, sich wieder zu verpaaren. Auch die aktuelle Anzahl der Küken ist wichtig: An Tagen, an denen ein Küken stirbt, verlassen die Weibchen besonders häufig die Brut. "Das deutet darauf hin, dass Weibchen, die sich zunächst für die Brutfürsorge entschieden haben, ihre Brut verlassen, wenn ihre Küken sterben", sagt Krisztina Kupán, Erstautorin der Studie. Diese Weibchen versuchen, den Fortpflanzungserfolg zu retten, indem sie mit einem neuen Männchen von vorne beginnen.
    Die Forscher*innen kamen zu dem Schluss, dass es vor allem zwei Gründe für die Weibchen gibt, ihre Brut zu verlassen und sich neu zu verpaaren: Die Küken haben auch mit einem Elternteil gute Überlebenschancen, das Weibchen kann also gehen und sich weiter vermehren. Oder aber die Küken sterben, obwohl beide Eltern die Brut pflegen. Das bedeutet, dass die Bedingungen für die Kükenaufzucht so schlecht sind, dass zusätzliche elterliche Fürsorge wenig für das Überleben der Küken bringt. Stattdessen versucht das Weibchen, seinen Fortpflanzungserfolg zu erhöhen, indem noch einmal zu brüten beginnt. Oft wechselt sie dazu sogar das Brutgebiet. „Die Weibchen sind flexibel und treffen vernünftige Entscheidungen“, sagt Krisztina Kupán. „Sie reagieren sensibel auf die Umweltbedingungen und bleiben nur dann bei den Küken, wenn sie substanziell zu deren Überleben beitragen können.“


    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    Dr. Clemens Küpper
    Forschungsgruppe Verhaltensgenetik und Evolutionäre Ökologie
    Max-Planck-Institut für Ornithologie, Seewiesen
    Telefon: +49 8157 932-299
    E-mail: ckuepper@orn.mpg.de

    Dr. Krisztina Kupán (Englisch)
    Forschungsgruppe Verhaltensgenetik und Evolutionäre Ökologie
    Max-Planck-Institut für Ornithologie, Seewiesen
    Telefon: +49 8157 932-438
    E-mail: kkupan@orn.mpg.de


    Originalpublikation:

    Krisztina Kupán, Tamás Székely, Medardo Cruz-López, Keeley Seymour, Clemens Küpper (2020) Offspring desertion with care? Chick mortality and plastic female desertion in Snowy Plovers.
    DOI: 10.1093/beheco/araa141


    Weitere Informationen:

    https://www.orn.mpg.de/4678676/news_publication_16549518_transferred?c=2739


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten
    Biologie
    überregional
    Forschungsergebnisse
    Deutsch


    Bei Schneeregenpfeiffern ziehen die Männchen meistens den Nachwuchs alleine groß.


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    Schneeregenpfeifer (Charadrius nivosus) brüten oft in der Gezeitenzone oder an brackigen Binnenseen. Diese Umwelt übt großen Druck auf die Eltern aus, denn die temporäre Wasserkörper trocknen oft aus, und viele Küken verdursten oder verhungern.


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