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31.03.2021 10:00

Neue eierlegende Säugetierart in Australien entdeckt

Dipl. Soz. Steven Seet Wissenschaftskommunikation
Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) im Forschungsverbund Berlin e.V.

    Man geht davon aus, dass die weltweite Biodiversität zu großen Teilen noch unerforscht ist. Dass Forscher*innen neue Säugetiere entdecken, kommt jedoch selten vor. Ein Wissenschaftsteam des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung (Leibniz-IZW) hat nun jedoch eine neue Säugetierart in Australien entdeckt. Die Entdecker*innen gaben ihm den wissenschaftlichen Namen Ovolepus paschii.

    Nicht-invasive Methoden sind heutzutage Standardverfahren in der modernen Biodiversitätsforschung. Wo früher noch Entdecker mit dem Fernglas durch den Busch robbten, liefern heute Kamerafallen und die genetische Analyse von in der Landschaft herumliegenden Haar- oder Kotproben (sogenannter Umwelt-DNA) Informationen über versteckt lebende Arten. Kameradaten und biologische Proben lassen sich dann bequem in Laboren und Büros analysieren und auswerten, ohne dass sich die Forscher*innen dafür von Moskitos zerbeißen oder der Sonne grillen lassen müssen.

    Ein großer Datensatz aus dem australischen Outback enthüllte nun eine überraschende Sensation. Die Analyse von Kamerafallenfotos und sogenannter Umwelt-DNA lieferte den Nachweis für eine neue Säugetierart.

    „Wir wissen noch nicht genau, wie das Tier aussieht. Leider haben wir nur ein unscharfes Kamerafallenfoto, das aber zumindest seine Existenz bestätigt“, sagt Prof. Fickel, Genetiker am Leibniz-IZW. „Unser umfassendes genetisches Datenarchiv ermöglicht es uns, Merkmale eines Tieres anhand des Genmaterials genau vorherzusagen. So konnten wir rekonstruieren, wie das Tier höchstwahrscheinlich aussehen muss.“ Für die Analyse haben Fickel und sein Team die Allele an vier Marker-Genen untersucht. Das NRE-Gen kodiert das non-canonical reproduction enzyme. Da dieses Protein bei allen eierlegenden Säugetieren gefunden wurde, belegt dies zweifelsfrei, dass auch dieses Tier Eier legt. Bestätigt wird dies durch das Allel am TSO-Gen, das eine wesentliche Rolle im thick shell forming organ spielt und für die Bildung der Eierschale unentbehrlich ist. Das EHO-Gen kodiert ein Protein, das in den ear height and ovar development-Stoffwechselweg eingebunden ist. Die Allelausprägung an diesem Gen belegt, dass die Ohrlänge des Tieres weit über 15 cm liegen muss. Schließlich analysierten die Genetiker*innen noch das RF-Gen, welches das Rutilofertil-Protein produziert. Dies ist ein Eiweiß, das dem Tier eine rötliche Färbung verleiht, und in Verbindung mit dem Kalk der Schalen der zahlreich gelegten Eier eine große Palette unterschiedlichster Farben ermöglicht.

    In Australien haben sich aufgrund der Abgeschiedenheit des Kontinents viele bizarr anmutende Lebewesen entwickelt, unter anderem die einzigen eierlegenden Säugetiere der Welt, die Schnabeltiere und Schnabeligel. Dabei haben sich viele Arten in Australien bezüglich ihrer Anpassungen vergleichbar wie unsere europäische Fauna entwickelt und besiedeln dort ähnliche Nischen, wie es sie auch bei uns gibt. So ist beispielsweise der Schnabeligel zwar ein Wesen mit stachelartigen Körperfortsätzen und optisch dem Igel durchaus ähnlich, als eierlegendes Säugetier aber ein extrem ferner Verwandter unseres einheimischen Igels. Auch der Tylazin, ein in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts ausgestorbener australischer Beutelwolf, besetzte eine ähnliche ökologische Nische wie hierzulande Isegrim. Wenn auch die Neuentdeckung eines Säugetieres eine wissenschaftliche Sensation ist, so ist es, wie die oben genannten Beispiele zeigen, prinzipiell nicht verwunderlich, dass in Australien ein optisch dem Europäischen Feldhasen ähnliches Tier entdeckt wurde.

    Aufgrund seiner Merkmale gaben die Forscher*innen ihrer Neuentdeckung den wissenschaftlichen Namen Ovolepus paschii, was sinngemäß „der österliche Eierlegehase“ bedeutet.

    „Europäische Feldhasen und Wildkaninchen, die von europäischen Einwanderern mitgebracht wurden, hoppeln schon lange durch das australische Outback und verursachen teilweise enorme Probleme für die einheimische Flora und Fauna. Die optische Ähnlichkeit mit diesen Tierarten mag vielleicht auch die Ursache sein, warum uns Ovolepus so lange durch die Kamerafallen gerutscht ist“, kommentiert Prof. Fickel die Entdeckung. „Wir werden unsere Datenbanken nochmal genauer unter die ovolepale Lupe nehmen und sind sicher, weitere Exemplare zu entdecken“.

    Aus genetischen Analysen konnte außerdem rekonstruiert werden, wie die Eier des neu entdeckten Säugetieres aussehen. Sie sind oval, ca. 3-4 cm im Durchmesser und haben vermutlich Punkte in verschiedenen bunten Farben, die auch vor unterschiedlichen Hintergründen eine hervorragende Tarnung darstellen.

    Historische Recherchen legen nahe, dass Entdecker*innen in Australien bereits im 17. Jahrhundert dieses Säugetieres gewahr wurden. Kirchendokumente aus dem Dorf Godithestre in England belegen, dass zu Ostern 1687 ein Brief eine dort ansässige Familie erreichte, in dem dieses wundersame Säugetier beschrieben wurde. Der entsprechende Brief war so extrem lange unterwegs gewesen, dass die Familie ihren Anverwandten bereits verschollen wähnte. Es wird angenommen, dass die Familie zur Feier des Wohlauf-Seins ihres Angehörigen das Ritual des österlichen Eiersuchens etablierte. Die Praxis verbreitete sich so schnell, dass sich das Dorf ihres Ursprungs voller Stolz in „Good Easter“ umbenannte.

    Das Leibniz-IZW ist ein international anerkanntes Forschungsinstitut. Es gehört zum Forschungsverbund Berlin e.V. und ist Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft. Ziel ist es, die Anpassungsfähigkeit von Wildtieren im Kontext des globalen Wandels zu verstehen und zum Erhalt von gesunden Wildtierbeständen beizutragen. Dafür erforscht das Leibniz-IZW die Vielfalt von Lebenslauf-Strategien, die Mechanismen der evolutionären Anpassungen und ihre Grenzen – inklusive Wildtierkrankheiten – sowie die Wechselbeziehungen zwischen Wildtieren, ihrer Umwelt und dem Menschen. Dafür wird die Expertise aus Biologie und Veterinärmedizin in einem interdisziplinären Ansatz eingesetzt, um Grundlagen- und angewandte Forschung – von der molekularen bis zur landschaftlichen Ebene – in engem Austausch mit Stakeholdern und der Öffentlichkeit durchzuführen. Darüber hinaus stellt das Leibniz-IZW einzigartige und hochwertige Dienstleistungen für die Wissenschaftsgemeinschaft bereit.

    Das Leibniz-IZW wünscht frohe Ostern und außerdem, dass Sie in dieser merkwürdigen Zeit öfter mal ausgiebig lachen können, weil das nachweislich gut für das Immunsystem ist.

    Kontakt
    Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (Leibniz-IZW)
    in the Forschungsverbund Berlin e.V.
    Alfred-Kowalke-Str. 17, 10315 Berlin

    Prof. Dr. Jörns Fickel
    Leiter Abteilung Evolutionsgenetik
    Tel. +49 (0)30 5168314
    fickel@izw-berlin.de

    Dr. Kathleen Röllig
    Wissenschaftstransfer
    Tel. +49 (0)30 5168122
    roellig@izw-berlin.de

    Steven Seet
    Wissenschsftskommunikation
    Tel. +49 (0)30 5168125
    e-mail: seet@izw-berlin.de


    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    Prof. Dr. Jörns Fickel
    Leiter Abteilung Evolutionsgenetik
    Tel. +49 (0)30 5168314
    fickel@izw-berlin.de


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Lehrer/Schüler, Studierende, Wirtschaftsvertreter, Wissenschaftler, jedermann
    Biologie, Gesellschaft, Kulturwissenschaften, Medien- und Kommunikationswissenschaften, Umwelt / Ökologie
    überregional
    Buntes aus der Wissenschaft
    Deutsch


    Neue eierlegende Säugetierart


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