idw – Informationsdienst Wissenschaft

Nachrichten, Termine, Experten

Grafik: idw-Logo
Thema Corona

Imagefilm
Science Video Project
idw-News App:

AppStore



Teilen: 
13.04.2021 11:00

„Der Weg lohnt sich auch für den eiligen Besucher“

Michael Dröscher Pressereferat
Gesellschaft deutscher Naturforscher und Ärzte e. V.

    Kostbare Dokumente und ihre Geschichte, Forscher-Anekdoten und das zähe Ringen um die Rückgabe historischer Originale – Dr. Wilhelm Füßl, der Leiter des Hauptarchivs des Deutschen Museums, hat viel zu erzählen. Drei Jahrzehnte lang betreute er das Archiv der GDNÄ. Nun wechselt er in den Ruhestand – und hat noch viel vor.

    Das Deutsche Museum betreut zahlreiche Archive von wissenschaftlichen Institutionen, darunter auch das Archiv der GDNÄ. „Das ist die älteste interdisziplinäre wissenschaftliche Gesellschaft Deutschlands, und die Mutter vieler Fachgesellschaften wie etwa der Deutschen Physikalischen Gesellschaft,“ sagt Wilhelm Füßl. Der Leiter des Hauptarchivs des Deutschen Museums und Archivar der GDNÄ geht Ende Mai in Rente. Sein Nachfolger ist der bisherige stellvertretende Archivleiter und Historiker Dr. Matthias Röschner.

    Leider seien viele Archive von Wissenschaftsinstitutionen im Zweiten Weltkrieg vollständig zerstört worden, bedauert Füßl. Von der GDNÄ seien jedoch wenigstens einige historische Bestände erhalten geblieben, wie Berichte und Verhandlungen der GDNÄ-Versammlungen. Allerdings existierten manche nur als Kopie im Archiv der GDNÄ.

    In der Vielzahl der Dokumente hat der promovierte Historiker einige Favoriten, darunter ein Kontobuch aus dem Jahr 1911, demzufolge ein Archivar mit mageren 72 Reichsmark entlohnt wurde. Heute entspräche das einer Kaufkraft von knapp 300 Euro. Gern schaut sich Wilhelm Füßl auch das Tagebuch der 15-jährigen Ulrike Schwartzkopff an, die ihren Vater 1964 zur einzigen GDNÄ-Versammlung in der DDR nach Weimar begleitete und ihre Eindrücke und Gedanken auf sehr lebendige, differenzierte und angenehme Weise festhielt. Schmunzelnd weist Füßl auf einen Mikrofilm zur Organisation der Berliner Versammlung hin, wo sich auf einem Brief von 1828 eine Randnotiz Alexander von Humboldts findet: „Herr Geheimrat pflegt wieder nicht zu kommen“. Gemeint war Goethe.

    Insgesamt handelt es sich beim GDNÄ-Archiv vor allem um Tagungsbände mit Berichten von Versammlungen, um Vortragsmanuskripte, Geschäftsberichte des Vorstands, Akten der Geschäftsstelle und um einige Hundert Fotografien. Das Archivgut stamme zum überwiegenden Teil aus der Zeit nach 1945, wobei die Dichte ab 1960 stark zunehme, berichtet Füßl. Ältere Bestände seien bei Kriegsende von sowjetischen Truppen beschlagnahmt und in Richtung Moskau abtransportiert worden und bis heute verschollen. Die noch erhaltenen Alt-Akten aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert waren im Privatbesitz von Vorstandsmitgliedern oder wurden vom Archiv akquiriert. Ein Großteil dieser Dokumente stammt aus den Jahren 1893 bis 1921.

    „Das GDNÄ-Archiv umfasst inzwischen stattliche 23 Regalmeter und ist damit eines unserer größten Institutionenarchive“, sagt Füßl. Der Lesesaal liegt nur wenige Meter von den Magazinen entfernt, und bestellte Dokumente werden schnell herbeigeschafft. So lohnt sich der Weg auch für eilige Besucher. In den letzten zwanzig Jahren sind mehr als 500 Akten ausgeliehen worden. Das sei eine beachtliche Zahl, auch im Vergleich zur Nutzung ähnlicher Archive im Deutschen Museum, berichtet Füßl.

    Unter den Besuchern sind viele Wissenschaftler. Füßl: „Doch alle Interessierten sind willkommen und können die Bestände kostenfrei lesen oder mit ihrer Digitalkamera für private Zwecke ablichten.“

    Gern würden die Archivare viele Dokumente online stellen, aber dem stehe vor allem das Urheberrecht entgegen, berichtet Wilhelm Füßl: „Ohne ausdrückliche Genehmigung des Urhebers, beispielsweise eines Vortragenden bei einer GDNÄ-Versammlung oder seiner Nachfahren, darf das Werk erst siebzig Jahre nach seinem Tod frei genutzt werden.“ Für das Archiv hieße das: „Sofern keine Einverständniserklärung vorliegt, und das ist bei älteren Dokumenten selten der Fall, dürfen Vorträge, Briefe oder Berichte nur dann veröffentlicht werden, wenn sie aus der Zeit vor 1885 stammen. In die Zukunft gedacht könnte das für einen Vortrag, den eine 40-jährige Wissenschaftlerin bei der Jubiläumstagung 2022 in Leipzig hält, Folgendes bedeuten: Wird die Forscherin 90 Jahre alt, darf ihre schöne Rede frühestens im Jahr 2142 ohne Auflagen verbreitet werden.“ Das sei natürlich ein Witz.

    Füßl sieht derzeit keine praktikable Lösung bei neueren Dokumenten. Ältere Publikationen kann man jedoch über die Online-Dienste anderer Bibliotheken nutzen. Sobald nämlich ein Dokument im Internet steht, darf man sich darauf beziehen. Denkbar wäre es also, eine Liste mit Links zu solchen Quellen ins Netz zu stellen – und genau das werde derzeit erwogen, berichtet der langjährige Archivar.

    Das GDNÄ-Archiv sei 1989 im Deutschen Museum angeliefert worden, sagt Wilhelm Füßl – also drei Jahre vor seinem Dienstantritt und damals im Umfang von 13 Regalmetern. Im Jahr 2001 seien weitere zehn Regalmeter dazugekommen. Man habe den Bestand fachlich geordnet und systematisch mit anderen Beständen vernetzt. Ein Ergebnis seien sogenannte Findbücher mit umfangreichem Inhaltsverzeichnis und vielen Schlagwörtern, die zu potenziell relevanten Informationen im gesamten Archivgut führten. „Darüber hinaus pflegen wir den Kontakt zu wissenschaftshistorischen Instituten in ganz Deutschland und regen Forschungsarbeiten zu unseren Beständen an,“ berichtet Wilhelm Füßl. Auf diese Weise sei beispielsweise eine Dissertation über das Wirken der GDNÄ zwischen 1822 und 1913 an der Universität Würzburg entstanden.

    Einige ältere Dokumente konnten nachgekauft werden, aber der große Verlust historischer Akten ließ sich nicht ausgleichen. „Wir wissen, dass das GDNÄ-Archiv bis kurz vor Kriegsende am angestammten Platz im Leipziger Karl-Sudhoff-Institut war und dann zum Schutz ins nahegelegene Schloss Mutzschen ausgelagert wurde,“ berichtet Füßl. Vergebens, denn 1945 konfiszierten die Sowjets insgesamt 53 Kisten und eine Rolle mit den Archivnummern 34 bis 86 und brachten sie außer Landes.

    Er sei seit 1992 an der Sache dran und habe über politische, akademische und persönliche Kanäle alles Mögliche versucht, sagt der scheidende Archivleiter. „Das Archiv der GDNÄ wurde nicht zerstört“, versichert er, „es lagert wahrscheinlich irgendwo in einem russischen Museum“. Bestimmt enthalte es auch Zeugnisse aus der NS-Zeit, die im Münchener GDNÄ-Bestand komplett fehlen. Man müsse wohl auf politisches Tauwetter warten, um in der Angelegenheit voranzukommen.

    Eine Besonderheit in der Sammlung sind Unterlagen über die einzige GDNÄ-Tagung in der DDR 1964 in Weimar. Normalerweise nehme man keine Massenakten wie Geschäftskorrespondenzen oder Teilnehmerverzeichnisse auf. Für die DDR-Zeit habe man im GDNÄ-Archiv eine Ausnahme gemacht. Es sei bekannt, dass die Tagungsbände der Weimarer Versammlung über die Leopoldina in Ostdeutschland verteilt wurden und bis zur Wende sehr begehrt waren. Das liefere Stoff für einen hochinteressanten Forschungsbeitrag, regt Füßl an. Er selbst will sich künftig Buchprojekten in seinem Themenkreis widmen und als Erstes eine Biografie über Arthur Schönberg schreiben. Der junge Ingenieur war der erste Mitarbeiter von Oskar von Miller, des Gründers des Deutschen Museums. 1943 kam Schönberg im KZ Theresienstadt ums Leben. An ihn erinnert eine Ehrentafel im Deutschen Museum.

    Auch wenn er kein Amt mehr in der GDNÄ innehabe, sagt Wilhelm Füßl, werde er doch gerne an der 200-Jahr-Feier im September 2022 in Leipzig teilnehmen.

    Das vollständige Interview finden Sie auf www.gdnae.de

    Zur Person
    Dr. Wilhelm Füßl kam 1955 in der Oberpfalz zur Welt. Er studierte Geschichte, Germanistik und Sozialkunde an der Ludwig-Maximilians-Universität München und wurde dort 1986 mit einer Arbeit über den Rechtsphilosophen Friedrich Julius Stahl promoviert. Nach Tätigkeiten im In- und Ausland wechselte er 1991 an das Deutsche Museum in München. 1992 übernahm er die Leitung des Archivs. In dieser Funktion ist Wilhelm Füßl bis zum Eintritt in den Ruhestand im Mai 2021 kooptiertes Vorstandsmitglied der GDNÄ – ein Amt, das Dr. Matthias Röschner als neuer Archivleiter übernimmt.
    Das Forschungsinteresse Dr. Füßls gilt der Geschichte technischer Sammlungen und den Wechselwirkungen zwischen Biografien und Wissenschafts- bzw. Technikgeschichte. Zu seinen bedeutendsten Werken zählen die Bücher „Geschichte des Deutschen Museums. Akteure, Artefakte, Ausstellungen" (2003) und, im Jahr 2005 erschienen, „Oskar von Miller (1855–1934). Eine Biographie". Einige Bücher wurden mit Preisen ausgezeichnet. Wilhelm Füßl konzipierte mehrere Ausstellungen, darunter eine Schau zur Geschichte des Deutschen Museums, die dauerhaft gezeigt wird.

    Das Archiv des Deutschen Museums
    Das Archiv des Deutschen Museums zählt zu den weltweit führenden Spezialarchiven zur Geschichte der Naturwissenschaft und Technik. Auf 4,7 Regalkilometern im Bibliotheksgebäude auf der Münchener Museumsinsel werden Nachlässe bedeutender Wissenschaftler und Forscher, Handschriften und Urkunden, Pläne und technische Zeichnungen, umfangreiche Archive von Firmen und wissenschaftlichen Institutionen sowie mehr als eine Million Fotografien verwahrt und für Recherchen aufbereitet. Das Archiv steht allen offen, die sich für Technik- und Wissenschaftsgeschichte interessieren. Die Benutzung ist kostenfrei.

    Über die GDNÄ
    Die Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte e. V. (GDNÄ) ist die einzige wissenschaftliche Gesellschaft in Deutschland, die breit über die naturwissenschaftlichen, technischen und medizinischen Fachdisziplinen hinweg allen an ihrer Zielsetzung Interessierten, auch Schülern, Studenten und naturwissenschaftlichen Laien für eine Mitgliedschaft offensteht. Insofern ergänzt und bereichert die GDNÄ die von Akademien und Fachgesellschaften geprägte Landschaft wissenschaftlicher Gesellschaften in Deutschland.
    Wichtige Ziele der GDNÄ sind:
    Förderung des wissenschaftlichen Austauschs über die Grenzen der naturwissenschaftlichen, technischen und medizinischen Fachdisziplinen hinweg.
    Vermittlung von Faszination und Bedeutung wissenschaftlicher Erkenntnis gegenüber einer informierten Öffentlichkeit und besonders auch jungen Menschen.

    Ansprechpartner für Medienvertreter:

    Prof. Dr. Michael Dröscher Schatzmeister und Generalsekretär presse@gdnae.de

    Allgemeine Anfragen:

    Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte e.V.
    Geschäftsstelle Sylvia Landeck u. Katja Diete
    info@gdnae.de
    Tel: +49 (0)2224 90148-0
    Fax: +49 (0)2224 90148-19
    Hauptstraße 5
    53604 Bad Honnef

    www.gdnae.de


    Weitere Informationen:

    http://www.deutsches-museum.de/archiv/
    http://www.deutsches-museum.de/archiv/sammlungsprofil/imagefilm/
    http://www.deutsches-museum.de/archiv/veroeffentlichungen/archiv-info/
    http://www.gdnae.de


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Studierende, Wissenschaftler
    Biologie, Chemie, Kulturwissenschaften, Medizin, Physik / Astronomie
    überregional
    Forschungs- / Wissenstransfer, Personalia
    Deutsch


    Gruppenaufnahme von Mathematikern anlässlich der Versammlung der GDNÄ, 1890.


    Zum Download

    x

    Hilfe

    Die Suche / Erweiterte Suche im idw-Archiv
    Verknüpfungen

    Sie können Suchbegriffe mit und, oder und / oder nicht verknüpfen, z. B. Philo nicht logie.

    Klammern

    Verknüpfungen können Sie mit Klammern voneinander trennen, z. B. (Philo nicht logie) oder (Psycho und logie).

    Wortgruppen

    Zusammenhängende Worte werden als Wortgruppe gesucht, wenn Sie sie in Anführungsstriche setzen, z. B. „Bundesrepublik Deutschland“.

    Auswahlkriterien

    Die Erweiterte Suche können Sie auch nutzen, ohne Suchbegriffe einzugeben. Sie orientiert sich dann an den Kriterien, die Sie ausgewählt haben (z. B. nach dem Land oder dem Sachgebiet).

    Haben Sie in einer Kategorie kein Kriterium ausgewählt, wird die gesamte Kategorie durchsucht (z.B. alle Sachgebiete oder alle Länder).