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01.06.2021 14:38

Streit, Ungeduld und Unsicherheit: Studie bestätigt massive familiäre Belastung durch Homeschooling

Jörg Heeren Medien und News
Universität Bielefeld

    Besonders hoher Stresslevel zeigt sich bei Eltern jüngerer Kinder

    Eltern empfinden die Aufgabe, neben der Berufstätigkeit auch die Rolle als Lehrkraft zu übernehmen, als sehr belastend – besonders trifft das auf Eltern jüngerer Schulkinder zu. Das ist ein Ergebnis eines Forschungsprojektes der Medizinischen Fakultät OWL der Universität Bielefeld und der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie im Evangelischen Klinikum Bethel, das zum Universitätsklinikum OWL gehört. Der Artikel zur Studie ist in der Zeitschrift Psychotherapie Aktuell erschienen, dem Verbandsorgan der Deutschen Psychotherapeutenvereinigung.

    „Die familiären Belastungen haben sich durch die Maßnahmen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie stark erhöht“, sagt Professorin Dr.-Ing. Britta Wrede von der Medizinischen Fakultät OWL der Universität Bielefeld. „Eltern sind häufig einer Doppelbelastung aus Familie und Beruf ausgesetzt. Dazu kommt ihr Anspruch, gleichzeitig der Familie und dem Beruf gerecht werden zu wollen.“

    In einer Onlinebefragung vom November 2020 bis Mitte Februar 2021 äußerten sich Eltern zu ihrem subjektiven Belastungserleben, dem Unterstützungsbedarf ihrer Kinder und ihrem Interesse an einer Unterstützungssoftware zur Konzentrationsförderung im Homeschooling. Die Teilnehmenden haben besonders ihr eigenes subjektives Belastungserleben und Schwierigkeiten mit dem Homeschooling hervorgehoben.

    „Erwerbstätigkeit und Homeschooling sind für viele Eltern kaum miteinander zu vereinbaren und damit nehmen ihre Zufriedenheit und das allgemeine Wohlbefinden ab. Elternstress entsteht besonders dann, wenn erlebte Anforderungen die eigenen wahrgenommenen Bewältigungsressourcen übersteigen“, sagt Professor Dr. med. Michael Siniatchkin, Direktor der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie am Evangelischen Klinikum Bethel, ein Trägerkrankenhaus des Universitätsklinikums OWL.

    Jüngere Kinder müssen regelmäßig motiviert werden

    An der Studie nahmen 517 Eltern von Kindern der 1. bis 13. Jahrgangsstufe aus mehreren Bundesländern teil. Sie leben vor allem in Brandenburg, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen. Die meisten Kinder besuchten zum Zeitpunkt der Befragung das Gymnasium, ein Drittel ging zur Grundschule.

    Um das elterliche Belastungserleben zu erheben, hat das Team der Medizinischen Fakultät OWL und des Universitätsklinikums OWL einen Elternstress-Fragebogen an die aktuelle Homeschooling-Situation in der Coronapandemie angepasst.

    Ein Ergebnis: Die Eltern jüngerer Kinder sind besonders stark belastet. „Gerade bei den Grundschulkindern kommen zu den Verständnisproblemen noch Motivations- oder Konzentrationsprobleme hinzu“, sagt Britta Wrede. „Mehr als die Hälfte der Kinder in der ersten bis vierten Klasse müssen regelmäßig von ihren Eltern motiviert werden. Dies wird von einem Großteil der Eltern als sehr herausfordernd empfunden. Außerdem haben mehr als die Hälfte der Eltern jüngerer Kinder angegeben, mitunter gereizt und ungeduldig auf die Fragen der Kinder zu antworten.“

    Insbesondere bei Familien mit jüngeren Kindern kommt es wegen des pandemiebedingten Homeschoolings häufig zu Streit. 10 Prozent der Eltern von Kindern der Klassenstufen 11 bis 13 geben an, sich oft mit den Kindern zu streiten. Bei den Eltern der Klassenstufen 1 bis 4 liegt dieser Anteil bei rund 60 Prozent.

    Während nur 10 Prozent der Eltern von Kindern der Klassenstufen 11 bis 13 mit ihren Kindern die Schulaufgaben besprechen, liegt der Anteil bei den Eltern der Klassenstufen 1 bis 4 bei über 80 Prozent. Auch brauchen die Kinder der unteren Klassenstufen regelmäßige Hilfe bei Fragen: Bei den Klassenstufen 11 bis 13 liegt der Anteil lediglich bei 10 Prozent, wohingegen über 60 Prozent der Kinder in der Klassenstufen 1 bis 4 regelmäßig Unterstützung benötigen.

    Zudem macht sich laut der Studie knapp ein Drittel der Eltern von Kindern in den Klassenstufen 11 bis 13 Sorgen um die Entwicklung ihres Kindes – in den niedrigeren Klassenstufen sorgt sich fast die Hälfte der Eltern um die Entwicklung.

    Technische Assistenzsysteme könnten bei Homeschooling helfen

    Die Forschungsgruppe konzentrierte sich in ihrer Befragung vor allem auf die digitalen Aspekte des Homeschooling: „Ein Teil der Eltern – insbesondere von Grundschulkindern – steht digitalem Unterricht prinzipiell kritisch gegenüber, unter anderem wegen der erhöhten Bildschirmzeiten, aber auch weil der direkte persönliche Kontakt fehlt“, sagt Britta Wrede. „Ein anderer Teil der Eltern sieht dagegen in der Digitalisierung des Unterrichts eine große Chance – bei adäquaten Voraussetzungen und qualifizierter Durchführung.“

    Aktuell beschäftigt sich das Team damit, ob technische Assistenzsysteme die Eltern bei Homeschooling unterstützen können. „Die Unterstützungssoftware könnte vor allem bei Eltern von Kindern mit hyperkinetischen Störungen zu einer Entlastung führen“, so Michael Siniatchkin. Betroffene Kinder sind übermäßig unaufmerksam und verhalten sich höchst impulsiv. „Mit solcher Software können die Kinder trainieren, sich bewusster und planvoller zu verhalten. Mit unterschiedlichen Aufgaben üben sie etwa innezuhalten, bevor sie handeln, und genau hinzuschauen und auch darauf zu hören, was zu tun ist“, erläutert Britta Wrede.


    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    Prof’in Dr.-Ing. Britta Wrede, Universität Bielefeld
    Medizinische Fakultät OWL
    Telefon: 0521 106-67885 (Sekretariat: -86516)
    E-Mail: bwrede@techfak.uni-bielefeld.de


    Originalpublikation:

    Ira-Katharina Petras, Birte Richter, Britta Wrede, Michael Siniatchkin: Familien in der Corona-Pandemie: Wie hoch ist die Belastung durch „Homeschooling“?, Psychotherapie Aktuell, erschienen am 17.05.2021


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten
    Informationstechnik, Medizin, Pädagogik / Bildung, Psychologie
    überregional
    Forschungsergebnisse, Kooperationen
    Deutsch


    Prof’in Dr.-Ing. Britta Wrede entwickelt medizinische Assistenzsysteme an der Medizinischen Fakultät OWL.


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    Der Direktor der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie Prof. Dr. med. Michael Siniatchkin forscht am Universitätsklinikum OWL.


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