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07.07.2021 14:37

Vorläufiges Ende eines Booms: Die Corona-Pandemie bremst das Wachstum der Städte aus

Susanne Hufe Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung - UFZ

    Die Einwohnerentwicklung der 15 größten deutschen Städte kannte in der jüngsten Vergangenheit nur eine Richtung, nämlich steil nach oben. Doch die Pandemie bereitet diesem Trend nun fürs Erste ein Ende: Im ersten Corona-Jahr 2020 nahm die Bevölkerungszahl erstmals wieder ab. Gründe dafür waren die rückläufige Geburtenzahl, der Anstieg der Sterbefälle und der zum Erliegen gekommene Zuzug aus dem Ausland. Dies zeigt ein Diskussionspapier, das Wissenschaftler:innen unter der Federführung des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) vorgelegt haben.

    Seit Ende der 2010er Jahre sind die Bevölkerungszahlen der 15 größten Städte Deutschlands gestiegen: Zwischen 2017 und 2018 betrug das Wachstum im Schnitt 0,55 Prozent, zwischen 2018 und 2019 0,36 Prozent. Insbesondere Berlin, München, Frankfurt/Main und Leipzig legten in dem Zeitraum deutlich zu, Frankfurt und München beispielsweise um bis zu 1,4 Prozent pro Jahr. Doch mit der Pandemie kam der Einbruch: Im Jahr 2020, dem ersten Corona-Jahr, nahm die durchschnittliche Einwohnerzahl in den 15 Großstädten im Vergleich zum Vorjahr um 0,18 Prozent ab. In Frankfurt/Main schrumpfte das Wachstum von 1,4 auf 0,1 Prozent, in München von 1,2 auf 0,2 Prozent und Stuttgart verzeichnete gar ein Rückgang der Bevölkerungszahl um etwas mehr als 1 Prozent. In Dresden war die Bevölkerungsentwicklung im Jahr 2020 erstmals seit 2000 wieder negativ. Auch in Leipzig ging das Wachstum zurück, die Messestadt war mit einem Plus von 0,6 Prozent aber immer noch Spitzenreiter der Großstädte vor Hamburg und München. „Die Corona-Pandemie hat das Wachstum der großen Städte vorerst ausgebremst“, bilanziert der UFZ-Stadtsoziologe Prof. Dieter Rink, Hauptautor des UFZ-Diskussionspapiers.

    Die Gründe für den Wachstumsrückgang sind mannigfaltig. So nahm die Bevölkerungszahl in Deutschland nach Schätzungen des Statistischen Bundesamts im Jahr 2020 erstmals seit 2011 nicht mehr zu und stagnierte bei 83,2 Millionen Einwohner:innen. Ausschlaggebend dafür waren die geringere internationale Zuwanderung, der Geburtenrückgang sowie bedingt durch Corona der Anstieg der Sterbefälle – Trends, die sich besonders in Deutschlands Großstädten bemerkbar machten. „Die Zahl der Geburten ist über alle 15 Großstädte hinweg zwischen 2019 und 2020 um 2,5 Prozent gesunken, die Zahl der Sterbefälle dagegen um knapp 5 Prozent gestiegen“, konstatiert Dieter Rink.

    Hinzu kommt die Abnahme der urbanen Zuwanderung: So ging die Zahl der Zuzüge in die 15 Großstädte zwischen 2019 und 2020 um knapp 17 Prozent zurück. Nach München, Nürnberg, Stuttgart, Frankfurt/Main und Bremen zogen beispielsweise im Jahr 2020 zwischen 18 und 21 Prozent weniger Menschen als im Vorjahr. Stark rückläufig ist auch die internationale Migration. „Deutschland hat nach der Finanzkrise Anfang der 2010er Jahre mit dem Zuzug aus Südeuropa und mit der Zuwanderung zahlreicher Geflüchteter 2016/2017 ein sehr dynamisches Einwohnerwachstum erlebt, das sich auf Großstädte und Ballungszentren konzentriert hat“, sagt Dieter Rink. Dies habe die Städte geprägt. Für das Jahr 2020 rechnet das Statistische Bundesamt mit einem Rückgang der Zuwanderung nach Deutschland um 25 Prozent. Dieser wirkt sich vor allem auf die Großstädte aus, da diese für Berufseinsteiger, Studierende oder Auszubildende besonders attraktiv sind. Dass der rasante Wachstumstrend der Städte damit fürs Erste gebremst wird, könnte aber auch Vorteile bringen. „Die Verantwortlichen müssten sich über eine Atempause eigentlich freuen, können sie doch den Bau von Schulen und Kitas vorantreiben, ohne dass die Schülerzahlen weiter so rasant wachsen. Und auch für den Wohnungsmarkt ist das eher eine gute Nachricht, da es in den meisten Städten einen sehr großen Nachfrageüberhang nach Wohnraum gibt“, sagt Rink.

    Wie sich die Bevölkerungszahlen ab 2021 in Deutschlands Großstädten entwickeln werden, lässt sich derzeit schwer vorhersagen. „Der Wachstumstrend der deutschen Großstädte der 2010er Jahre wird sich nach der Pandemie wahrscheinlich nicht nahtlos fortsetzen, vielmehr ist ein deutlich abgeschwächtes Wachstum zu erwarten“, sagt der UFZ-Stadtsoziologe. Entscheidend könnte es sein, ob eine internationale Zuwanderung nach Deutschland wieder in Gang kommt, wie sie Anfang der 2010er Jahre zu beobachten war. Sollte diese eintreten, trifft sie in den Großstädten jedoch auf ein knappes Wohnraumangebot und hohe Immobilienpreise. „Die meisten deutschen Großstädte haben einen Leerstand an Wohnungen von weniger als 2 Prozent, der Markt ist nahezu leergefegt“, sagt er. Miet- und Kaufpreise von Immobilien haben im Vergleich zu vor zehn Jahren deutlich zugelegt, Bodenpreise wie etwa in Leipzig haben sich verfünffacht. „Der Wohnungsmarkt ist heutzutage ein ganz anderer als 2010, als es noch reichlich Wohnraum gab“, sagt er. Dies erschwere den Zuzug in die Städte.


    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    Prof. Dieter Rink
    Department Stadt- und Umweltsoziologie
    dieter.rink@ufz.de


    Originalpublikation:

    Dieter Rink, Annegret Haase, Tim Leibert, Manuel Wolff: Corona hat das Städtewachstum ausgebremst – Die Einwohnerentwicklung deutscher Großstädte während der Corona-Pandemie. UFZ Discussion Paper. www.ufz.de/export/data/global/254276_DP_2021_3_Rink_etal.pdf


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Lehrer/Schüler, Studierende, Wirtschaftsvertreter, Wissenschaftler, jedermann
    Gesellschaft, Politik, Umwelt / Ökologie
    überregional
    Forschungsergebnisse
    Deutsch


    Bevölkerungsentwicklung der 15 größten deutschen Städte (2018-2020)


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