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21.09.2021 14:12

Psychische Erkrankung im organischen Kleid: schneller erkennen und behandeln

Elke Pfeifer Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Universitätsklinikum Bonn

    Regelmäßig auftretende Zuckungen mit oder ohne Bewusstseinsverlust? Epilepsie. Wiederkehrende Taubheit in den Gliedmaßen? Verdacht auf Multiple Sklerose. Manchmal sind die naheliegenden Diagnosen nicht die richtigen – denn auch psychische Störungen können körperliche Beschwerden und die beschriebenen Symptome hervorrufen. Um diesem Phänomen zu begegnen und den Patientinnen und Patienten schneller zur richtigen Therapie zu verhelfen, haben die Kliniken für Epileptologie, Psychiatrie und Psychosomatische Medizin am Universitätsklinikum Bonn als erstes Klinikum bundesweit sowohl eine gemeinsame Sprechstunde gegründet als auch einen modellhaften, interdisziplinären Patientenpfad aufgesetzt.

    Bonn, 21. September 2021 - Das neue Angebot richtet sich an Menschen, die an einer bislang unentdeckten so genannten dissoziativen Störungen oder funktionellen Anfällen leiden. Diese können als Reaktion auf ein einmaliges, bedrohliches Ereignis oder wiederkehrende überwältigende Belastungen häufig im frühen Lebensalter entstehen. „Unverarbeitet können diese Erlebnisse dazu führen, dass unser Körper Schutzmechanismen, die zum Zeitpunkt des Geschehens hilfreich waren, um beispielsweise Schmerzen zu ertragen, unwillentlich in nun ungefährlichen Situationen wieder anwendet“, erläutert Prof. Alexandra Philipsen, Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am UKB. Bei dissoziativen Bewusstseinsstörungen können sich Betroffene dann beispielsweise nicht mehr daran erinnern, was in den letzten Stunden vorgefallen ist und somit auch nicht die Erfahrung machen, dass bestimmte Situationen inzwischen ungefährlich für sie sind. Bei funktionellen Bewegungsstörungen oder psychogenen Anfällen kommt es unter anderem zu Ohnmachts- oder Krampfanfällen sowie zu Lähmungen. „Diese Ereignisse haben keine organische Ursache im eigentlichen Sinne – sie sind nur das Ergebnis davon, dass der Körper diese Reaktion als hilfreich bei der Bewältigung einer extremen Stresssituation abgespeichert hat.“

    Diagnoseweg verkürzen – Behandlungsqualität erhöhen
    Diese Reaktionsmechanik beeinträchtigt das Leben der Menschen nicht nur in großem Stil, sie führt auch häufig zunächst zu falschen Diagnosen: „Wir schätzen, dass allein in Deutschland 30.000 Menschen fälschlicherweise mit Antiepileptika behandelt werden“, stellt Prof. Rainer Surges, Direktor der Klinik und Poliklinik für Epileptologie am UKB fest. „Denn die so genannten psychogenen Anfälle weisen oft Phänomene und Anzeichen auf, die epileptischen Anfällen stark ähneln. Wenn wir nun noch andere Störungen wie Ohnmachtsanfälle und Pseudolähmungen hinzufügen, wird der Betroffenenkreis noch größer.“ Teilweise würden Patientinnen und Patienten bis zu acht Jahre lang auf Epilepsie hin behandelt – bevor der dauerhaft ausbleibende Therapieerfolg zu einer tiefergehenden Diagnostik und veränderten Diagnose führe. Dies führt nicht nur zu unnötigen Medikamenteneinnahmen und verlängertem Behandlungsstress, sondern beeinträchtigt den Lebensweg der Betroffenen mit Blick auf die Berufswahl und das soziale Leben immens.

    Interdisziplinärer Ansatz sichert passende Behandlung
    Problematisch ist auch, dass selbst wenn die Diagnose korrekt gestellt wird, ein Behandlungsweg nicht eindeutig vorgegeben ist oder begleitet wird. Diese Erkenntnis hat am UKB zur Entwicklung eines neuen Behandlungspfades geführt: So werden die Betroffenen seit Ende 2020 im Anschluss an die ausführliche epileptologische Diagnostik regelhaft psychiatrisch und psychosomatisch untersucht, um die Ursachen der Symptome auszuloten und die jeweils passende Behandlung festzulegen. Die nachfolgende ambulante und stationäre Behandlung wird dann an den Kliniken und Polikliniken für Psychiatrie und Psychosomatische Medizin eingeleitet. Von besonderer Bedeutung sind so genannte Follow-Up-Visiten in der Spezialsprechstunde, die von den drei Partnerkliniken organisiert wird. Denn nur mit dieser Begleitung kann sichergestellt werden, ob die Behandlung erfolgreich ist, so dass beispielsweise etwaige Arbeits- und Fahrerlaubnis wieder erteilt werden kann, oder ob weitere Unterstützung notwendig ist.

    Um das neue Behandlungsangebot zu festigen, sind künftig auch Fortbildungen für niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte sowie Psychotherapeutinnen und -therapeuten geplant, denn bislang gibt es für diese Patientengruppe wenig Programme und keine Standardweiterbildung. „Es ist aber wichtig, dass die ambulant behandelnden Kolleginnen und Kollegen auf die Betroffenen eingehen und sie motivieren können“, stellt Prof. Franziska Geiser, Direktorin der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am UKB, fest. „Der Behandlungserfolg einer Psychotherapie hängt in hohem Maße davon ab, ob die Betroffenen sich mit ihrem Leiden ernst genommen fühlen und verstehen, warum Psychotherapie ihnen helfen kann. Und dass sie in der Therapie bereit sind, sich auf schwierige Gefühle einzulassen und eigenes Verhalten zu reflektieren. Dafür braucht es eine klare und einfühlsame Erläuterung des behandelnden Hausarztes oder der Fachärztin.“

    Für wen das Angebot ist
    Das neue Angebot richtet sich an Menschen, die trotz längerer ärztlicher Behandlung auch durch Medikamente beispielsweise an folgenden Symptome leiden: wiederkehrenden Zuckungen von Körperteilen, Bewusstseinsstörungen und Erinnerungslücken, Ohnmachts- oder Krampfanfälle. Die Betroffenen können sich, nach Rücksprache mit dem behandelnden Arzt, oder der behandelnden Ärztin mit einer Überweisung an folgende Adresse zu einem ersten Gespräch wenden: ZFDS@ukbonn.de

    Pressekontakt:
    Elke Pfeifer
    Pressesprecherin und Leitung Kommunikation und Medien am Universitätsklinikum Bonn (UKB)
    Tel.: 0228 287-13457; E-Mail: elke.pfeifer@ukbonn.de

    Zum Universitätsklinikum Bonn: Im UKB werden pro Jahr über 400.000 Patient*innen betreut, es sind über 8.000 Mitarbeiter*innen beschäftigt und die Bilanzsumme beträgt über 1,3 Mrd. Euro. Neben den über 3.300 Medizin- und Zahnmedizin-Studierenden werden pro Jahr über 500 junge Menschen in anderen Gesundheitsberufen ausgebildet. Das UKB steht im Wissenschafts-Ranking auf Platz 1 unter den Universitätsklinika (UK) in NRW, weist den vierthöchsten Case Mix Index (Fallschweregrad) in Deutschland auf und hatte 2020 das wirtschaftlich erfolgreichste Jahresergebnis aller 35 deutschen UKs und die einzige positive Jahresbilanz aller UKs in NRW.


    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    Prof. Rainer Surges, Direktor der Klinik und Poliklinik für Epileptologie am UKB, Prof. Alexandra Philipsen, Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am UKB, Prof. Franziska Geiser, Direktorin der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am UKB


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Lehrer/Schüler, Studierende, Wissenschaftler, jedermann
    Medizin
    überregional
    Forschungs- / Wissenstransfer, Kooperationen
    Deutsch


    Prof. Rainer Surges, Direktor der Klinik und Poliklinik für Epileptologie am UKB, Prof. Alexandra Philipsen, Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am UKB, Prof. Franziska Geiser, Direktorin der Klinik für Psychosomatische Medizin


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