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27.09.2021 15:28

Resilienz von innen für die Staaten im Südkaukasus

Sebastian Hollstein Abteilung Hochschulkommunikation/Bereich Presse und Information
Friedrich-Schiller-Universität Jena

    Wissenschaftsteam der Universität Jena analysiert Außenpolitik der Europäischen Union

    Jahrzehntelang zielte die Außenpolitik der Europäischen Union (EU) auf Institutionalisierung und Transformation ab, durch die sie direkt Probleme und Konflikte in ihren Nachbarregionen lösen wollte. Dieser Ansatz war jedoch nicht so erfolgreich wie erhofft. Deshalb steuerte die EU 2016 durch einen Paradigmenwechsel um: Mit neuen Initiativen will sie einzelne Staaten von innen heraus widerstandsfähiger machen und ihre Resilienz stärken. Wie erfolgreich dieses Vorhaben ist und welchen Einfluss die neue Strategie insbesondere auf die Staaten des Südkaukasus – Armenien, Aserbaidschan und Georgien – hat, das analysieren Expertinnen und Experten vom Institut für Slawistik und Kaukasusstudien der Friedrich-Schiller-Universität Jena nun in einem neuen Projekt. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung fördert das Projekt „Resilience in the South Caucasus: prospects and challenges of a new EU foreign policy concept" (Jena-Cauc) über die kommenden drei Jahre mit rund 900.000 Euro.

    „Die EU ist mit ihrer früheren Vorgehensweise vor allem deshalb gescheitert, weil sie wenig zwischen den Bedingungen in den einzelnen Staaten unterschieden hat. Die unterschiedlichen Bestrebungen nach europäischer Integration haben die EU auch daran gehindert, ihre Forderungen für Demokratisierung in diesen Ländern durchzusetzen“, sagt die Doktorandin Irena Gonashvili, die an dem neuen Projekt beteiligt ist. „Für viele Krisen konnten so keine Lösungen gefunden werden.“ So habe sich beispielsweise die sozio-ökonomische Situation nicht positiv verändert und die sicherheitspolitische Lage nicht verbessert – wie etwa die neuerlichen kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Armenien und Aserbaidschan im Konflikt um die Region Nagorny-Karabach 2020 gezeigt haben.

    Mit der neuen Strategie will die EU in Zukunft stärker differenzieren und die einzelnen Staaten in die Lage versetzen, aus sich heraus Resilienz gegenüber Krisen zu entwickeln. „Hierbei verfolgt sie eher einen Bottom-up-Ansatz“, sagt Gonashvili.

    Jugendbewegungen und Minderheitensprachen

    Wie genau das passieren soll, das wollen die Forschenden von der Universität Jena nun herausfinden. „Wir führen eine sogenannte Inside-out-Analyse durch. Das heißt, wir vergleichen die Ziele der EU mit den Erwartungshaltungen der betreffenden Regierungen und nicht-staatlicher Akteure, wie Gewerkschaften, sozialen Bewegungen und zivilgesellschaftlichen Organisationen. Wir gehen davon aus, dass die untersuchten Akteure sowohl in den einzelnen Ländern als auch im Ländervergleich ein sehr unterschiedliches Verständnis von Resilienz haben“, erklärt Veronika Pfeilschifter, die ebenfalls in diesem Bereich promoviert.

    Bei seiner Forschung nimmt das interdisziplinär aufgestellte Team ganz unterschiedliche Bereiche in den Blick und konzentriert sich sowohl auf die politische Ebene als auch auf soziale, wirtschaftliche und kulturelle Faktoren. Während sich Veronika Pfeilschifter etwa mit linken Jugendgruppierungen und -bewegungen im Südkaukasus und deren post-neoliberalen Resilienzpotenzial beschäftigt, untersucht Prof. Dr. Diana Forker, Professorin für Kaukasusstudien, welchen Einfluss die eigene Sprache auf die gesellschaftliche Widerstandsfähigkeit von Minderheiten im Südkaukasus hat.

    Mehr Sichtbarkeit für den Kaukasus

    Diese und andere Themen bearbeiten die Jenaer Kaukasusforscherinnen und -forscher in engem Austausch mit Kolleginnen und Kollegen aus den jeweiligen Ländern. Zum einen betreiben sie Feldforschung vor Ort, zum anderen sind an Jena-Cauc internationale Fellows beteiligt, die mehrere Monate in Jena arbeiten werden. Zudem möchten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Region mehr Sichtbarkeit verleihen. „Wir werden mit einem Blog, einem Podcast und mit Veranstaltungen regelmäßig über unsere Arbeit berichten und hoffen, somit die Öffentlichkeit stärker für den Kaukasus zu sensibilisieren“, kündigt Veronika Pfeilschifter an. „Außerdem zielen wir darauf ab, dass unsere Ergebnisse auch in politischen Fachzirkeln Beachtung finden.“

    Das neue Projekt stärkt den Fachbereich der Kaukasiologie an der Universität Jena und erweitert sein Profil. Neben anthropologischen und linguistischen Fragestellungen widmen sich die Jenaer Forschenden in Zukunft vermehrt sozial- und politikwissenschaftlichen Themen. Das bereichert auch den Studiengang Kaukasiologie, der deutschlandweit an der Universität Jena einmalig ist.


    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    Irena Gonashvili
    Institut für Slawistik und Kaukasusstudien der Universität Jena
    Jenergasse 8, 07743 Jena
    Tel.: 03641 / 944880
    E-Mail: irena.gonashvili@uni-jena.de


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Wissenschaftler
    Gesellschaft, Politik, Sprache / Literatur, Wirtschaft
    überregional
    Forschungsprojekte
    Deutsch


    Die Doktorandinnen Veronika Pfeilschifter (l.) und Irena Gonashvili gehören zum Forschungsteam der Universität Jena, das die Resilienz im Südkaukasus analysiert.


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