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14.02.2022 14:57

Die grünen Pyramiden von Palau - Geo-archäologisches Forschungsprojekt auf der Insel Babeldaob, Mikronesien

Eva Sittig Presse, Kommunikation und Marketing
Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

    Nach einer mündlichen Überlieferung hat sich eine riesige Schlange um die Hügel auf der palauischen Insel gewunden und mit ihrem Körper die Terrassenanlagen geschaffen. Doch wie entstanden die monumentalen Erdwerke auf Babeldaob wirklich? Eine weltliche Erklärung haben Forschende des Instituts für Ökosystemforschung der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) in Zusammenarbeit mit der Kommission für Archäologie Außereuropäischer Kulturen des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI) nun entdeckt: Die Erdformationen sind über Generationen per Hand angelegt worden. Sie dienten zur Ernährung der Bevölkerung, aber auch als Grabstätten.

    Das Forschungsteam hat dabei eng mit den Einwohnerinnen und Einwohnern Palaus zusammengearbeitet und breite Unterstützung erfahren.

    Arbeit für Generationen

    Monumentale Bauwerke aus prähistorischer Zeit sind in Ozeanien weit verbreitet, bekannt sind etwa die Steinfiguren und Zeremonialplattformen auf der Osterinsel. Die frühen Kulturen Ozeaniens haben dabei die Landschaften der Inseln oft maßgeblich umgestaltet. Um ca. 500 v. Chr. hat in Palau diese Entwicklung möglicherweise ihren Anfang genommen. „Der Aufwand für die Anlage der dortigen Erdwerke braucht den Vergleich mit den Pyramiden in Ägypten oder Südamerika nicht zu scheuen“, sagt Dr. Andreas Mieth, der einer der drei Projektleiter ist. „Über viele Generationen müssen in einem kaum vorstellbaren Arbeitsaufwand Millionen Tonnen an Bodenmaterial von Arbeitskräften bewegt worden sein. Eine Leistung, die nur in einer politisch gut organisierten Gesellschaft möglich sein konnte“, erklärt Dr. Annette Kühlem, Forschungskoordinatorin und Grabungsleiterin. „Vermutlich hatten die Erbauer dafür kaum Werkzeuge zur Verfügung. Und wenn, dann bestand es aus Gestein oder organischem Material.“ Mithilfe geo-archäologischer Methoden hat das interdisziplinäre Team aus Bodenkundlern, Paläoökologinnen und Archäologinnen den Aufbau der Terrassen entschlüsselt. Als Basis haben die Konstrukteure verwitterte, mit zahlreicher Keramik durchsetzte Vulkanite aufgeschüttet. Die oberen Schichten bestehen hingegen aus sorgfältig aufgebrachten humosen Böden. Belege für Pflanzgruben in den aufgebrachten Humusschichten deuten auf umfangreichen Gartenbau auf den Terrassen hin. Hinweise auf Erosion gibt es dabei nicht. „Hier wurde also auch technisch sehr nachhaltig gearbeitet“, stellt Professor Hans-Rudolf Bork, Projektleiter, fest.

    Doch weithin sichtbare, bis über zehn Meter hohe und ebenfalls größtenteils von menschlicher Hand aufgeschüttete Kronen einiger Erdwerke hatten eine gänzlich andere Funktion als die vorwiegend gartenbaulich genutzten Terrassen. In einer der Kuppen im Süden Babeldaobs konnten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mithilfe von lokalen Helfern sechs Skelette innerhalb einer aufwändigen Grabanlage freilegen. „Dieses ist für die Erdwerke Palaus ein bislang einzigartiger, sensationeller Befund. Noch nie sind dort solche gut erhaltenen Bestattungen gefunden worden, denn in den sauren Böden zersetzen sich Knochen normalerweise sehr schnell“, sagt Dr. Annette Kühlem. Möglicherweise haben hier mineralische Beigaben eine solche Zersetzung verlangsamt – eine der Thesen, die nun Laboranalysen klären sollen.

    Neue Erkenntnisse für Forschung und Bevölkerung

    Der Fund birgt für die Expertinnen und Experten ein großes wissenschaftliches Potenzial. Zum ersten Mal ist es ihnen möglich, die Details einer prähistorischen Bestattung auf Babeldaob zu dokumentieren und mit heutigen traditionellen Bestattungssitten in Bezug zu setzen. „Aufgrund der recht gut erhaltenen Schädel besteht weiterhin die Hoffnung, DNA-Analysen und damit Verwandtschaftsanalysen, vielleicht sogar im Vergleich mit der heute im Gebiet lebenden Bevölkerung, durchführen zu können. Auch lässt sich so vielleicht ein Lücke in der Nachvollziehbarkeit der Besiedlung Ozeaniens schließen“, erläutert Dr. Annette Kühlem. Die Projektbeteiligten vermuten, dass auf den aufwändig aufgetragenen und geformten Tops der Erdwerke nur Mitglieder der Eliten bestattet wurden. Auch nach ihrem Tod wurde so ihr sozialer Status in herausgehobener, weithin sichtbarer Weise deutlich gemacht.

    Der neue Befund hatte im Inselstaat Palau eine außerordentlich große Resonanz. Die Erforschung der terrassierten Erdwerke ermöglichte den Menschen vor Ort einen neuen Blick auf die eigene Kultur. Sowohl politische als auch traditionelle Amts- und Würdenträger, aber auch Schulklassen und die palauische Presse hatten den Weg auf die steile Krone des Erdwerks angetreten, um den Fundplatz zu besuchen. Der Entdeckung wurde eine Schlagzeile auf der Titelseite und ein umfangreicher Bericht der „Island Times“ gewidmet. Den Abschluss der Feldkampagne im Dezember 2021 begingen alle Beteiligten dann auch auf ganz besondere Art. Die sechs Toten aus der Krone von Ngerbuns el Bad wurden unter traditionellen Gesängen der Frauen des höchsten Clans des zugehörigen Dorfes zeremoniell wiederbestattet. Die Skelette wurden dafür mit gewebten Matten aus Pandanusfasern abgedeckt. Zu jedem Toten wurde eine in Blätter eingeschlagene Betelnuss gelegt, bevor die Matte mit Erde bedeckt wurde. So wurde den Toten nach Hunderten von Jahren erneut Respekt gezollt.

    Das Projekt wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG 421517148) gefördert.

    Forschungskoordination und Grabungsleitung:
    Dr. Annette Kühlem (CAU)

    Projektleitung:
    Prof. Dr. Hans-Rudolf Bork (CAU)
    Dr. Andreas Mieth (CAU)
    Dr. Burkard Vogt (DAI)

    Fotos stehen zum Download bereit:
    http://www.uni-kiel.de/de/pressemitteilungen/2022/017-luftaufnahme-erdwerk.JPG
    Luftbild des Erdwerks Ngerbuns el Bad auf der palauischen Insel Babeldaob.
    © C. Hartl-Reiter

    http://www.uni-kiel.de/de/pressemitteilungen/2022/017-luftbild-grabung.jpg
    Luftaufnahme der freigelegten Bestattungsanlage auf der Krone des Erdwerks Ngerbuns el Bad.
    © C. Hartl-Reiter

    http://www.uni-kiel.de/de/pressemitteilungen/2022/017-ausgrabung.JPG
    Archäologische Grabung auf der Krone des Erdwerks Ngerbuns el Bad.
    © C. Hartl-Reiter

    http://www.uni-kiel.de/de/pressemitteilungen/2022/017-krone.JPG
    Das Grabungsteam auf der Krone.
    © M. Moore

    http://www.uni-kiel.de/de/pressemitteilungen/2022/017-wiederbestattung.JPG
    Die bei der Grabung freigelegten Toten wurden von Frauen des zugehörigen Klans nach traditionellem Ritus wiederbestattet.
    © M. Moore

    http://www.uni-kiel.de/de/pressemitteilungen/2022/017-schulklasse.JPG
    Grabungsleiterin Annette Kühlem erläutert einer Schulklasse vor Ort die archäologischen Arbeiten und Befunde.
    © C. Hartl-Reiter

    Kontakt:
    Dr. Annette Kühlem
    Institut für Ökosystemforschung
    E-Mail: akuehlem@ecology.uni-kiel.de

    Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
    Presse, Kommunikation und Marketing, Eva Sittig, Text/Redaktion: Christin Beeck
    Postanschrift: D-24098 Kiel, Telefon: (0431) 880-2104, Telefax: (0431) 880-1355
    E-Mail: presse@uv.uni-kiel.de Internet: www.uni-kiel.de Twitter: www.twitter.com/kieluni
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    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    Dr. Annette Kühlem
    Institut für Ökosystemforschung
    E-Mail: akuehlem@ecology.uni-kiel.de


    Weitere Informationen:

    http://www.uni-kiel.de/de/detailansicht/news/017-erdwerke-babeldaob


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Wissenschaftler, jedermann
    Geowissenschaften, Geschichte / Archäologie, Kulturwissenschaften
    überregional
    Forschungsergebnisse
    Deutsch


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