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21.02.2022 09:36

Das Kind hat eine Tablette verschluckt – was tun?

Giulia Roggenkamp Pressestelle
Stiftung Kindergesundheit

    Die Stiftung Kindergesundheit informiert über die Vergiftungsrisiken durch Medikamente der Eltern oder Großeltern

    Medikamente gehören zum Alltag vieler Familien und leisten meist gute Dienste bei Fieber, Schmerzen und bei vielen weiteren Erkrankungen. Doch die bunte Herztablette in Omas Handtasche oder die Blutdruckpille auf dem Nachttisch der Eltern kann sich für Kinder schnell in eine gefährliche Bedrohung verwandeln, warnt die Stiftung Kindergesundheit in ihrer aktuellen Stellungnahme: Arzneimittel bilden den Hauptanteil der rund 220.000 jährlichen Anfragen an die bundesweit acht Giftinformationszentren. Besonders beunruhigend: Die Zahl der durch Medikamente bedingten Vergiftungen und Vergiftungsverdachtsfällen nimmt in den letzten Jahren immer mehr zu.

    „Neugierigen Kleinkindern gelingt es trotz aller Vorsicht der Eltern immer wieder, Dinge in die Hand und in den Mund zu bekommen, wovon sie tunlichst die Finger lassen sollten“, sagt Kinder- und Jugendarzt Prof. Dr. Berthold Koletzko, Vorsitzender der Stiftung Kindergesundheit. „Lange Erklärungen nützen meist wenig und auch Verbote sind schnell vergessen. Deshalb sollten gefährliche Substanzen für Kinder unerreichbar aufbewahrt bleiben – auch Medikamente gehören hinter Schloss und Riegel!“. Für die Aufbewahrung von Medikamenten sollten abschließbare Medikamentenschränke oder Kosmetikkoffer mit Zahlenschloss benutzt werden, empfiehlt die Stiftung Kindergesundheit.

    Zu den Vergiftungsunfällen kommt es, anders als vielfach vermutet, meist nicht dann, wenn das Kind längere Zeit unbeobachtet ist, sagt die Stiftung Kindergesundheit. Viel häufiger seien Situationen, in denen die Eltern kurz abgelenkt sind, zum Beispiel weil es an der Tür klingelt, das Handy läutet, die Milch überkocht oder die Mutter oder der Vater dringend auf die Toilette müssen. Schon diese wenigen Minuten können umtriebige Kleinkinder nutzen, um eine Tablette zu schnappen und in den Mund zu befördern.

    Tabletten sind keine „Bonbons“!
    Medikamente werden von Kindern leicht mit Süßigkeiten verwechselt. „Wenn jemand in der Familie oder das Kind selbst Arzneimittel einnehmen muss, sollten die Tabletten auf keinen Fall als ‚Bonbons‘, ‚Guddi‘ oder ‚Zuckerl‘ bezeichnet werden“, betont Professor Berthold Koletzko und fügt ergänzend hinzu: „Auch flüssige Medikamente sollten niemals als ‚Fruchtsaft‘ oder ‚süß‘ angepriesen werden, um sie dem Kind schmackhaft zu machen! Solche Verharmlosungen erhöhen die Gefahr, dass herumliegende Medikamente in einem unbeobachteten Augenblick vom Kind geschluckt oder getrunken werden“.

    Die Stiftung Kindergesundheit weist außerdem auf eine selten bedachte Gefahrenquelle hin, nämlich auf den Haushalt von Opa und Oma. Der ist nämlich leider nur selten kindersicher: Die von den Großeltern benötigten Medikamente werden häufig sichtbar auf einem Tisch oder in einem leicht zugänglichen Schrank aufbewahrt. Auch die Taschen von Oma und Opa werden von Kindern unbemerkt durchstöbert und die bunten vermeintlichen Süßigkeiten probiert.

    Zu den für Kinder gefährlichen Arzneimitteln zählen vor allem Medikamente, die gegen Herzrhythmusstörungen genommen werden wie z. B. Antiarrhythmika, Betablocker oder Kalziumantagonisten. Riskant sind auch starke Schmerzmittel wie Opiate, Diabetesmittel, sowie hohe Dosen von Paracetamol und von Nasentropfen mit dem Wirkstoff Xylometazolin. In den meisten Fällen unbedenklich ist dagegen das Naschen der Verhütungspille der Mutter.

    Nicht erbrechen lassen!
    Wenn ein Kind in einem unbeaufsichtigten Augenblick ein Medikament geschluckt oder getrunken hat, sollte man gleich versuchen, seinen Mund mit Wasser auszuspülen, um die Reste aus dem Mund zu entfernen. Danach sollte man dem Kind sofort viel zu trinken geben: ein Glas Leitungswasser, Tee oder Saft. Damit wird die eingenommene Substanz zumindest verdünnt.

    Wichtig: Keine Milch zu trinken geben! Milch beschleunigt unter Umständen die Giftaufnahme durch den Darm.

    Kinder, die Medikamente zu sich genommen haben, sollten auf keinen Fall zum Erbrechen gebracht werden, betont die Stiftung Kindergesundheit. Es besteht sonst die Gefahr, dass das Erbrochene in die Lungen gerät und zu einer Lungenentzündung führt.

    Gewarnt wird auch vom „Hausmittel“ Salzwasser: Zu viel Salz kann gerade bei kleinen Kindern zu einer gefährlichen Verschiebung der Elektrolyte und sogar zu einer lebensbedrohlichen Natriumvergiftung führen.

    Nicht zögern, Giftnotruf anrufen!
    Die häufigsten Symptome für die meisten Vergiftungen sind Übelkeit, Erbrechen und Durchfall. Bei Vergiftungen mit Medikamenten können auch Bewusstseinstrübung oder Bewusstlosigkeit bis hin zu einem komaähnlichen Tiefschlaf auftreten, auch Störungen von Atmung und Kreislauf sind häufig.

    Doch selbst beim leisesten Verdacht, das Kind könnte gefährliche Mengen einer giftigen Substanz eingenommen haben, sollte man auf keinen Fall erst auf eventuelle Anzeichen einer Vergiftung warten, sondern sofort handeln. Das heißt: Sich so schnell wie möglich mit einem Arzt oder mit einem der Giftinformationszentren in Verbindung setzen. Diese können den anrufenden Eltern meist sofort erklären, ob eine akute Gefahr besteht und was gegebenenfalls zu unternehmen ist. Sie vermitteln auch die Information, ob ein Arzt- oder Krankenhausbesuch notwendig ist.

    Hat man die Nummer nicht zur Hand oder treten bereits Symptome einer Vergiftung auf, wählt man besser gleich die 112.

    Die meisten Unfälle mit Medikamenten sind glücklicherweise harmloser als befürchtet, betont die Stiftung Kindergesundheit. Dennoch sollte der Verdacht auf eine mögliche Vergiftung nie auf die leichte Schulter genommen werden: Es sollte in jedem Fall ärztlicher Rat eingeholt werden.

    Welche Fragen stellt der Giftnotruf?
    • Wer ist betroffen? Kind, Erwachsener?
    • Was wurde eingenommen? Genaue Bezeichnung des Mittels (was steht auf der Packung), Firma, Name des Produkts.
    • Wie viel wurde eingenommen? Wie viel Stück waren in der Packung? Wie viel ist noch vorhanden? Wie viel kann das Kind maximal eingenommen haben? Wie war es verpackt?
    • Wie wurde es eingenommen? Geschluckt? Eingeatmet?
    • Wann wurde es eingenommen?
    • Wie alt ist das Kind?
    • Wie viel wiegt das Kind ungefähr?
    • Wie geht es dem Kind? Husten? Erbrechen? Muskelzuckungen? Berauscht? Benommen? Schmerzen?
    • Name und Telefonnummer (für Rückfragen)?

    Giftnotruf: Diese Nummern sollten Sie kennen
    Die Giftinformationszentren sind unter folgenden Telefonnummern zu erreichen: Berlin 030/19240; Bonn 0228/19240; Erfurt 0361/730730; Freiburg 0761/19240; Göttingen 0551/19240; Homburg/Saar 06841/19240; Mainz 06131/19240; München 089/19240; Wien +43-1-406 43 43; Zürich +41-44-251 51 51.

    Das Bundesinstitut für Risikobewertung BfR hat eine App als Informations- und Nachschlagewerk für Vergiftungsunfälle bei Kindern und für deren Vermeidung entwickelt. Im Notfall kann direkt aus der App ein für das jeweilige Bundesland zuständiges Giftinformationszentrum angerufen werden. Die BfR-App wurde für Smartphones mit den Betriebssystemen Android und iOS entwickelt. In den jeweiligen App-Stores steht sie kostenlos zum Download zur Verfügung.


    Bilder

    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, jedermann
    Ernährung / Gesundheit / Pflege, Gesellschaft, Medizin, Pädagogik / Bildung
    überregional
    Buntes aus der Wissenschaft, Forschungs- / Wissenstransfer
    Deutsch


     

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