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03.03.2022 17:22

Ausfall eines Satellitenkommunikationssystems durch vermutlichen Cyber-Angriff

Michael Brauns Pressestelle
Universität der Bundeswehr München

    Der größte deutsche Windanlagenhersteller ENERCON hat am Montag, dem 28. Februar 2022 bestätigt, dass es zum Ausfall tausender Windenergieanlagen in Zentraleuropa aufgrund eines vermuteten Cyberangriffs der Russen kam, der im Zusammenhang mit der Ukraine-Krise gesehen wird. Angegriffen wurde das KA-SAT Satellitensystem des US-amerikanischen Eigentümers ViaSat, das in Kooperation mit dem französischen Satellitenbetreiber EUTELSAT in Europa betrieben wird. KA-SAT versorgt Europa und die Mittelmeerregion mit Satelliteninternet und wird aufgrund seiner Unabhängigkeit von terrestrischer Infrastruktur auch zur Anbindung von technischen Anlagen in abgelegenen Gebieten genutzt.

    Diese Unabhängigkeit macht das Satelliteninternet derzeit auch in der Ukraine zum wichtigsten Kommunikationsmittel. KA-SAT verfügt über 82 sogenannte „Spot-Beams“, also spezielle Antennen, die ein Raster von Kreisen bzw. Ellipsen auf der Erdoberfläche erzeugen. Ein solcher Beam liegt beispielsweise über Kiew, ein anderer über Berlin. Auf der Erde werden diese Beams über acht europaweit verteilte Gatewaystationen angebunden, und genau hier liegt ein entscheidendes Problem: Zwar sind die Beams untereinander relativ unabhängig, d.h. Störungen wirken sich wechselseitig nicht sofort aus, aber wenn ein Gateway durch einen Cyber-Angriff ausfällt, sind alle damit verbundenen Beams betroffen. Und so kann es sein, dass die Russen eigentlich die Internetverbindungen in der Ukraine kappen wollten, aber damit auch die Windanlagen in Zentraleuropa vom Internet getrennt haben.

    Autarke Versorgung von großer Bedeutung

    Diese Ereignisse zeigen einmal mehr wie wichtig es für unsere Gesellschaft ist, bei kritischen Infrastrukturen autark und resilient aufgestellt zu sein und Wechselwirkungen sowie Abhängigkeiten zu vermeiden. Kommunikationssatelliten sind zweifellos aufgrund ihrer Unabhängigkeit von terrestrischer Infrastruktur, insbesondere der Stromversorgung, eine kritische Infrastruktur. Zahlreiche Krisen und Naturkatastrophen haben das gezeigt, zuletzt die Überschwemmungen im Ahrtal, wo nur noch das Satelliteninternet der US-amerikanischen Firma Starlink (Elon Musk) für die Versorgung der besonders betroffenen Gebiete zur Verfügung stand. Umso alarmierter müssen wir heute sein, dass Deutschland weder über einen eigenen Satellitenbetreiber noch über eigene Kommunikationssatelliteninfrastruktur außerhalb des Militärs bzw. der Bundeswehr verfügt. Mit der von der Vorgängerregierung getroffenen politischen Entscheidung, das Breitbandinternet ausschließlich terrestrisch über Glasfasernetze und Mobilfunkverdichtung auszubauen, wurde das Satelliteninternet im Gegensatz zu beispielsweise Frankreich oder der USA nicht weiter forciert. In der Folge sind deutsche Unternehmen, aber auch Privatpersonen, Kommunen und Sicherheitsbehörden bis hin zur Polizei heute auf ausländische Anbieter von Satellitenservices und Weltrauminfrastruktur angewiesen. Resilienz und autarke Versorgung können so aber schwerlich sichergestellt werden, wie das aktuelle Beispiel zeigt. Wenn die nationale Energieversorgung von ausländischen Internetanbietern abhängt, müssen politische Entscheidungsträger alarmiert sein.

    Investitionen in die Raumfahrt stärken und auf mehr Unabhängigkeit hinwirken
    Das Forschungszentrum SPACE der Universität der Bundeswehr München hat in mehreren Studien die Chancen einer eigenen weltraumbasierten Kommunikationsinfrastruktur für Deutschland aufgezeigt, auch im europäischen Kontext, und zugleich auf die Risiken einer zunehmenden Abhängigkeit von ausländischen Betreibern, aber auch von ausländischer Technologie hingewiesen. Wie im Bereich der technischen Ausstattung der Bundeswehr, sollte die aktuelle Krise zum Anlass genommen werden, die Investitionen in die Raumfahrt zu stärken und auf mehr Unabhängigkeit hinzuwirken, insbesondere bei Schlüsseltechnologien und kritischer Infrastruktur. Vor allem aber sollte mit dem Staat als „Seed Investor“ endlich ein privatwirtschaftlich organisierter, nationaler Satellitenbetreiber etabliert werden, dies wäre ein notwendiger und überfälliger Schritt in Richtung einer nationalen Systemfähigkeit.

    Ein Kommentar von Prof. Andreas Knopp, Gründungsmitglied des Forschungszentrums SPACE und Inhaber der Professur für Informationsverarbeitung am Institut für Informationstechnik.


    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    Prof. Andreas Knopp


    Weitere Informationen:

    https://www.unibw.de/space


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Lehrer/Schüler, Studierende, Wirtschaftsvertreter, Wissenschaftler, jedermann
    Elektrotechnik, Physik / Astronomie
    überregional
    Forschungs- / Wissenstransfer, Forschungsprojekte
    Deutsch


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