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04.04.2022 08:59

Tüpfelhyänen passen ihre Futtersuche an den Klimawandel an

Dipl. Soz. Steven Seet Wissenschaftskommunikation
Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) im Forschungsverbund Berlin e.V.

    Tüpfelhyänen passen ihre Futtersuche an, wenn in ihrem Revier aufgrund von Klimaveränderungen weniger Beutetiere vorkommen. Dies ist das Ergebnis einer in der Fachzeitschrift „Ecosphere“ veröffentlichten Arbeit von Wissenschaftler:innen des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung (Leibniz-IZW) und des Centre d’Ecologie Fonctionelle & Evolutive (CEFE). Anhand von Beobachtungsdaten aus drei Jahrzehnten konnten sie zeigen, dass eine Zunahme der jährlichen Niederschläge in dieser Zeit die Präsenz der großen Gnuherden innerhalb der Hyänenclan-Territorien halbierte. Dennoch machten die Clans ausreichend Beute, sodass die Hyänenweibchen ihre Jungtiere erfolgreich aufziehen konnten.

    Die Beobachtungen der Wissenschaftler:innen deuten auf eine hohe Plastizität des Futtersuchverhaltens von Hyänen in Reaktion auf veränderte Umweltbedingungen hin.
    Die Frage, wie gut Tiere in ihren Lebensräumen mit durch den Klimawandel verursachten Veränderungen umgehen können, welche Anpassungsmechanismen sie also besitzen, ist von zentralem Interesse der Forschung für den Artenschutz. Änderungen von Niederschlagsmenge oder -zeitpunkt wie in der berühmten Serengeti in Tansania können das Vegetationswachstum und damit die Wanderungen der großen Pflanzenfresser wie dem Streifengnu (Connochaetes taurinus) oder dem Steppenzebra (Equus quagga) beeinflussen. Der Klimawandel kann somit die Orte profitabler Nahrungsgebiete für Raubtiere wie Tüpfelhyänen verschieben, die sich von diesen Pflanzenfressern ernähren. Eine aktuelle wissenschaftliche Untersuchung zeigt, dass Tüpfelhyänen (Crocuta crocuta) im Serengeti-Nationalpark ihr Futtersuchverhalten an Veränderungen der Verbreitung der großen Gnuherden in ihrem Revier anpassen konnten, die auf substanziell angestiegene Niederschlagsmengen und veränderte -muster zurückgingen.

    Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Leibniz-IZW und des CEFE analysierten Daten aus dem Langzeitforschungsprojekt über drei Clans von Tüpfelhyänen im Zentrum des Nationalparks. Die Clans wurden zwischen 1990 und 2019 nahezu täglich beobachtet. Wetterdaten zeigen, dass der jährliche Niederschlag in der Serengeti in diesen drei Jahrzehnten erheblich zunahm. Die Anwesenheit der großen Gnuherden in den Territorien der Hyänenclans halbierte sich dadurch in diesem Zeitraum. „Um festzustellen, wie die Hyänen auf Veränderungen der Niederschlagsmenge und -muster und der Beuteverfügbarkeit in ihren Territorien reagierten, konzentrierten wir uns auf die Anwesenheit säugender Mütter am Gemeinschaftsbau“, sagt Morgane Gicquel, Erstautorin des Aufsatzes und Doktorandin am Leibniz-IZW.
    Wie das Team herausfand, nahm die Wahrscheinlichkeit, dass die großen wandernden Herden in den Clanterritorien vorkamen, während des Jahresverlaufes mit der Niederschlagsmenge zwei Monate zuvor zu. Gleichzeitig stieg die Anwesenheit der Hyänenmütter am Gemeinschaftsbau mit der Anwesenheit der großen Herden. Mit der über die Gesamtzeit erheblich angestiegenen Niederschlagsmenge halbierte sich die Präsenz der großen Herden in den Territorien der Hyänenclans, weil sich der Zusammenhang zwischen Niederschlag und Herdenvorkommen abschwächte. Überraschenderweise blieb die Anwesenheit von Hyänenmütter während des gesamten Untersuchungszeitraums konstant, so dass die Jungtiere im gleichen Maße gesäugt wurden.

    „Die Anwesenheit von Hyänenmüttern am Gemeinschaftsbau ist ein Schlüsselverhalten, das das Überleben der Jungtiere direkt beeinflußt. Tüpfelhyänen im Serengeti-Nationalpark pflanzen sich das ganze Jahr über fort. Ihre Jungen sind in den ersten sechs Lebensmonaten vollständig auf Milch angewiesen“, erklären Dr. Marion East und Prof. Heribert Hofer, Wissenschaftler:innen am Leibniz-IZW, die über den vollständigen Untersuchungszeitraum zu den Serengeti-Hyänen forschten. „Wenn große Gnuherden im Clanterritorium vorkommen, jagen und fressen alle Hyänenmütter zuhause und säugen täglich ihre Jungtiere. In Zeiten, in denen nur wenig Beute im eigenen Territorium verfügbar ist, pendeln die Weibchen regelmäßig in weit entfernte Gebiete bis zu den nächst gelegenen großen Gnuherden, um dort zu jagen und dann Milch produzieren zu können. Nach einem bis mehreren Tagen kehren sie zum Gemeinschaftsbau zurück, um dort ihre Jungen zu säugen.”

    Es wäre zu erwarten, dass ein Rückgang der Beutepräsenz innerhalb des Clanterritoriums dazu führt, dass Mütter weniger Zeit bei ihren Jungen verbringen können, da sie in weiter entfernten Gebieten nach Beute suchen müssen. Die Anwesenheit von Hyänenmüttern am Gemeinschaftsbau müsste folglich abnehmen. Warum blieb sie also in den untersuchten Hyänenclans konstant? „Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass sich säugende Weibchen nicht so sehr auf eine konkrete Erwartung verlassen, wo sich Ansammlungen großer Gnuherden in einem bestimmten Monat befinden könnten, sondern eher andere Mittel einsetzen, um beim Pendeln gute Nahrungsgebiete zu finden“, sagt Dr. Sarah Benhaiem, Seniorautorin des Aufsatzes und Wissenschaftlerin am Leibniz-IZW. Eine Hyäne könnte Informationen über die beste Richtung für ihre Nahrungssuche erhalten, indem sie sich an der Richtung orientiert, aus der gut genährte Clanmitglieder an den Bau zurückkehren, oder an der Duftspur, die diese Mitglieder hinterlassen. Frühere Arbeiten des Leibniz-IZW-Teams zeigten, dass Serengeti-Tüpfelhyänen gut etablierte Pendelrouten nutzen, die viele Territorien durchqueren. „Die Nutzung dieser Routen könnte es den Hyänen ermöglichen, Informationen über den Nahrungserfolg von Tieren aus verschiedenen Clans zu erhalten, denen sie unterwegs begegnen“, erklärt Dr. Benhaiem. „Dies könnte dazu beitragen, ihre Effizienz beim Aufspüren weit entfernter Gnuherden zu verbessern".

    „Unsere Untersuchungen weisen darauf hin, dass Hyänen offenbar gut in der Lage sind, mit den durch den Klimawandel bedingten Veränderungen in der Beutepräsenz in ihrem Territorium umzugehen“, sagt Morgane Gicquel. „Diese Raubtiere scheinen über eine hohe Plastizität in ihrem Nahrungssuchverhalten zu verfügen, was sie dazu befähigt, gut auf Umweltschwankungen reagieren zu können“, ergänzt Dr. Sarah Cubaynes, Wissenschaftlerin am CEFE und Mitautorin des Aufsatzes. Obwohl die großen Herden im Serengeti-Nationalpark die Hauptbeute mehrerer großer Raubtierarten sind, wenn sie in ihren Revieren vorkommen, pendeln nur Hyänen regelmäßig über weite Strecken, um auch außerhalb ihres Territoriums nach Beute zu suchen. Daher könnten mögliche Veränderungen der Wanderungen der großen Herden auch Auswirkungen auf andere Raubtiere in diesem Ökosystem haben.


    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (Leibniz-IZW)

    _ Morgane Gicquel
    Doktorandin in der Abteilung für Ökologische Dynamik
    Tel.: +49 (0)30 5168453
    E-Mail: gicquel@izw-berlin.de

    _ Prof. Dr. Heribert Hofer
    Direktor
    Tel.: +49 (0)30 51685100
    E-Mail: direktor@izw-berlin.de

    _ Dr. Sarah Benhaiem
    Wissenschaftlerin in der Abteilung für Ökologische Dynamik
    Tel.: +49 (0)30 5168466
    E-Mail: benhaiem@izw-berlin.de

    Centre d'Ecologie Fonctionnelle et Evolutive (CEFE)

    _ Sarah Cubaynes
    Wissenschaftlerin in der Abteilung für Dynamik und Schutz der Biodiversität
    Tel.: +33 (0)4 67 61 33 07
    E-Mail: sarah.cubaynes@cefe.cnrs.fr


    Originalpublikation:

    Gicquel M, East ML, Hofer H, Cubaynes S, Benhaiem S (2022): Climate change does not decouple interactions between a central place foraging predator and its migratory prey. Ecosphere 13/4. DOI: 10.1002/ecs2.4012


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten
    Biologie, Umwelt / Ökologie
    überregional
    Forschungsergebnisse
    Deutsch


    Hyänen am Gemeinschaftsbau eines Clans in Tansania


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