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29.06.2022 08:34

Negativrekord: Gletscherbilanz rutscht immer früher ins Minus

Melanie Bartos Büro für Öffentlichkeitsarbeit
Universität Innsbruck

    So früh wie noch nie hat der Hintereisferner im Tiroler Ötztal den „Glacier Loss Day“ erreicht: Seit dem 22. Juni 2022 steuert der Gletscher auf eine negative Jahresbilanz zu. Und das obwohl die Sommermonate erst noch bevorstehen. Der Innsbrucker Gletscherforscher Rainer Prinz erwartet heuer einen noch nie dagewesenen Massenverlust für den Gletscher. Laut Berechnungen wird der Hintereisferner bereits in den nächsten 10 bis 15 Jahren die Hälfte seines Eises verlieren. Die Ursache dafür liegt im menschengemachten Klimawandel.

    Der Hintereisferner in den hinteren Ötztaler Alpen zählt zu den größten Gletschern Tirols. Seit mehr als 100 Jahren wird er genau beobachtet, seit 1952 gibt es kontinuierliche Aufzeichnungen über seine Massenbilanz-Entwicklung – und damit eine der längsten durchgehenden Messreihen eines Gletschers weltweit. „Wir messen, wie viel Masse der Gletscher im Winter gewinnt und im Sommer verliert“, erklärt der Gletscherforscher Rainer Prinz vom Institut für Atmosphären- und Kryosphärenwissenschaften der Universität Innsbruck. Die Gletschermassenbilanz wird immer vom 1. Oktober des Vorjahres bis zum 30. September des aktuellen Jahres berechnet. „Vergleichbar mit den Ein- und Auszahlungen auf einem Bankkonto ist die Jahresbilanz positiv, wenn der Gletscher in diesem Zeitraum an Masse gewinnt, und negativ, wenn er verliert“, verdeutlicht Prinz.

    Glacier Loss Day erstmals zum Sommerbeginn erreicht

    Das Team der Arbeitsgruppe „Eis und Klima“ untersucht den Hintereisferner seit 2016 mit einem hochmodernen System, das weltweit einzigartig ist. Mit so genannten terrestrischen Laserscannern wird die Oberfläche des Gletschers täglich abgetastet und damit die Veränderung der Masse des Hintereisferners vermessen. Das erlaubt den Forscher*innen genaue Aussagen über die Massenbilanz und die präzise Ermittlung jenes Tages im Jahr, ab dem der Gletscher bis zum Beginn der kälteren Jahreszeit nur noch an Masse verliert. Dazu berechnet die Gletscherforscherin Annelies Voordendag den Tag der ausgeglichenen Bilanz in Referenz zum Oktober des Vorjahres. „Um bei dem Beispiel mit dem Bankkonto bleiben: Ideal wäre eine ausgeglichene Bilanz, oder sogar eine positive. Eine ausgeglichene Bilanz hätten wir, wenn der Gletscher nach einem Jahr gleich viel Masse verloren wie gewonnen hat. Das Konto des Hintereisferners rutscht allerdings immer früher ins Minus.“ Je früher im Jahr dieser Tag – der Glacier Loss Day – erreicht ist, desto schlechter ist das für die Massenbilanz des Gletschers.
    Der Glacier Loss Day wurde heuer am Hintereisferner am 22. Juni erreicht, so früh wie noch nie seit Beginn der Aufzeichnungen. „Der Hintereisferner hat aufgrund des schneearmen Winters und des warmen Frühlings bereits zur Sommersonnwende seine ausgeglichene Bilanz im Vergleich zum vorigen Herbst erreicht. In den letzten zwei Jahren war der Glacier Loss Day erst etwa Ende August. Selbst in den Jahren mit negativen Bilanzextremen – wie zum Beispiel 2003 und 2018 – wurde dieser Tag erst Ende Juli erreicht“, so Prinz.

    Außerhalb der bisher bekannten Schwankungsbreiten

    Insgesamt rechnet der Gletscherforscher daher mit einer extrem negativen Massenbilanz für den Hintereisferner. „Selbst wenn der Sommer 2022 ein ‚normal warmer’ Sommer werden sollte, wird sehr viel Gletschereis schmelzen. Es ist jetzt bereits mehr als die Hälfte des Gletschers nicht mehr mit Schnee bedeckt und somit der Sonnenergie schutzlos ausgeliefert“, so Rainer Prinz. „Diese Entwicklung liegt außerhalb von bisher bekannten Schwankungsbreiten – sowohl der Massenbilanz als auch des Klimas. Es handelt sich um eindeutige Klimawandel-Signale, die auf die menschengemachte Klimaerwärmung zurückzuführen sind. Das sind Folgen unserer Treibhausgasemissionen, die uns heute bereits voll treffen“, betont Prinz.
    Auch die Zukunftsprojektionen der Entwicklung zeichnen kein ermutigendes Bild. Die Gletscherforscher*innen Lilian Schuster und Fabien Maussion, ebenfalls vom Institut für Atmosphären- und Kryosphärenwissenschaften, sind federführend in der Anwendung und Weiterentwicklung des Open Global Glacier Model OGGM in Innsbruck engagiert. Dabei handelt es sich um das erste offen zugängliche globale Modell zur Simulation der Entwicklung aller Gletscher weltweit. Es ist in der Lage, vergangene und künftige Massenbilanzen, das Volumen und auch die Geometrie von jedem Gletscher der Erde darzustellen. „Warme Frühlinge und Sommer werden künftig weiter zunehmen. Effektive und rasche Klimaschutzmaßnahmen können noch einen entscheidenden Einfluss auf viele Gletscher der Welt haben, zum Beispiel in Hochasien. Allerdings wissen wir jetzt schon, dass der Hintereisferner in den nächsten Jahren im Schnitt fünf Prozent seines heutigen Volumens jedes Jahr verlieren wird. Damit wird er schon bis zur Hälfte des Jahrhunderts bestenfalls nur noch extrem wenig Gletschereis in Österreich übrig sein“, erklärt Fabien Maussion.

    Für diese Pressemitteilung steht unter diesem Link noch weiteres Bild- und Videomaterial zum Download zur Verfügung: https://fileshare.uibk.ac.at/d/0c6a61a3d1c746ccba8c/
    Quelle: foto-webcam.eu

    Links:
    Rainer Prinz: https://www.uibk.ac.at/acinn/people/rainer-prinz.html.en
    Fabien Maussion: https://www.uibk.ac.at/acinn/people/fabien-maussion.html.en
    Institut für Atmosphären- und Kryosphärenwissenschaften der Universität Innsbruck: https://www.uibk.ac.at/acinn/
    OGGM Open Global Glacier Model: https://oggm.org/


    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    Rainer Prinz
    Institut für Atmosphären- und Kryosphärenwissenschaften
    Universität Innsbruck
    Tel.: +43 512 507 54415
    Mail: rainer.prinz@uibk.ac.at

    Fabien Maussion
    Institut für Atmosphären- und Kryosphärenwissenschaften
    Universität Innsbruck
    Tel.: +43 512 507 54411
    Mail: fabien.maussion@uibk.ac.at


    Bilder

    Blick auf den Hintereisferner am 23. Juni 2018 (links) und am 23. Juni 2022 (rechts). 2018 gilt als schlechtes Jahr für die Massenbilanz. 2022 ist die Situation aber dramatisch schlechter, da bereits im Juni kaum mehr eine Schneedecke vorhanden ist.
    Blick auf den Hintereisferner am 23. Juni 2018 (links) und am 23. Juni 2022 (rechts). 2018 gilt als ...

    www.foto-webcam.eu


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, jedermann
    Geowissenschaften, Meer / Klima, Umwelt / Ökologie
    überregional
    Forschungsergebnisse
    Deutsch


     

    Blick auf den Hintereisferner am 23. Juni 2018 (links) und am 23. Juni 2022 (rechts). 2018 gilt als schlechtes Jahr für die Massenbilanz. 2022 ist die Situation aber dramatisch schlechter, da bereits im Juni kaum mehr eine Schneedecke vorhanden ist.


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