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12.09.2022 11:43

Verhaltensforschung: Versuche mit Studierenden sind nur begrenzt aussagekräftig

Tom Leonhardt Stabsstelle Zentrale Kommunikation
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

    Studierende sind beliebte Versuchspersonen für Studien, treffen im Durchschnitt aber nicht immer dieselben Entscheidungen wie andere Bevölkerungsgruppen. Studien, die mit ihnen durchgeführt wurden, verraten also nur bedingt etwas über das Verhalten der anderen. Das zeigt ein Team von Verhaltensforschenden der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU) in einer neuen umfangreichen Studie mit 36 Experimenten. Die Ergebnisse offenbaren ein generelles Problem in der Verhaltensforschung, weil viele Untersuchungen zu sozialem Verhalten nur mit Studierenden durchgeführt werden. Die Studie erschien im "Australian Journal of Agricultural and Resource Economics".

    Studierende sind beliebte Versuchspersonen, vor allem in der Verhaltensökonomie. "Das ist naheliegend, weil Studierende wissenschaftlichen Studien gegenüber aufgeschlossen sind, sich ohnehin im universitären Umfeld bewegen und empfänglich für finanzielle Anreize sind", sagt Dr. Sven Grüner vom Institut für Agrar- und Ernährungswissenschaften der MLU. "Allerdings stellt sich die Frage, ob Studierende repräsentativ für andere Bevölkerungsgruppen sind - schließlich unterscheiden sie sich in wichtigen Merkmalen, etwa im Alter oder im Einkommen." Um diese Frage zu beantworten, hat der Verhaltensökonom eine aufwendige Studie mit 300 Probanden durchgeführt. Das Ergebnis: Von Studierenden lässt sich nur begrenzt auf das Verhalten anderer Menschen schließen.

    In insgesamt 36 Teilexperimenten hat Grüner die Entscheidungen von Studierenden der Agrarwissenschaften mit denen von Landwirten verglichen. Untersucht wurden individuelle Eigenschaften, wie Risikobereitschaft, Ungeduld, Altruismus, Vertrauen, oder die Bestrafung unfairen und die Belohnung großzügigen Verhaltens. "Wir haben dafür auf etablierte ökonomische Experimente aus der Entscheidungs- und Spieltheorie zurückgegriffen", erklärt Grüner. So wurden beispielsweise bei der Ermittlung der Risikobereitschaft die Probanden vor die Wahl gestellt, einen geringen Geldbetrag mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit oder einen höheren Betrag mit geringerer Wahrscheinlichkeit zu gewinnen. "Bei allen Experimenten haben wir die monetären Anreize stufenweise erhöht, um zu sehen, welchen Einfluss die zu erwartende Summe auf die Entscheidungen hat", sagt Grüner. Das Geld wurde übrigens tatsächlich ausgezahlt, weil fiktive Summen die Ergebnisse verfälschen - die Probanden zeigen dann in stärkerem Maße sozial erwünschtes Verhalten.

    Die Auswertung der Experimente ergab ein sehr durchwachsenes Bild: Bei der Risikobereitschaft etwa konnten keine deutlichen Unterschiede zwischen den Gruppen festgestellt werden. "Das widerspricht früheren Studien, in denen sich Studierende im Vergleich zu Landwirten als risikoscheuer erwiesen hatten", sagt Grüner. Auch bei der Belohnung großzügigen Verhaltens und beim Vertrauen waren die Unterschiede gering. Größere Unterschiede gab es bei der Geduld: Die Landwirte entschieden sich viel häufiger für die frühe Option mit geringerem Auszahlungsbetrag und höherer Chance, die Studierenden erwiesen sich durchgehend als geduldiger. Zugleich schlugen die Landwirte häufiger unfaire Angebote aus, auch wenn sie dafür selbst auf Geld verzichten mussten. Dieser Befund stehe nicht im Einklang mit früheren Studien, die ein ähnliches Verhalten von Studierenden und anderen Bevölkerungsgruppen zeigten, sagt Grüner.

    "Unsere Untersuchung zeigt, dass es grundsätzlich problematisch ist, das Verhalten von Studierenden auf reale Akteure zu übertragen. Das könnte die Ergebnisse bisheriger Studien infrage stellen - nicht nur in den Agrarwissenschaften, sondern fachübergreifend", so Grüner weiter. Das sei auch deshalb ein sensibles Thema, weil mit Erhebungen zur individuellen Entscheidungsfindung wichtige Zukunftsfragen untersucht werden - Risikoverhalten und Geduld etwa seien entscheidende Kriterien für die Investition in nachhaltige Produktionsstrukturen, die sich in der Regel erst nach vielen Jahren amortisiert. Die neue Studie helfe dabei, Faktoren zu ermitteln, mit denen sich die Ergebnisse gewichten lassen.

    Die Studie wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert.


    Originalpublikation:

    Studie: Grüner S., Lehberger M., Hirschauer N., Mußhoff O. How (un-)informative are experiments with students for other social groups? A study of agricultural students and farmers. Australian Journal of Agricultural and Resource Economics (2022). doi.org/10.1111/1467-8489.12485
    https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/1467-8489.12485


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    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, jedermann
    Gesellschaft, Psychologie, Tier / Land / Forst, Umwelt / Ökologie
    überregional
    Forschungsergebnisse
    Deutsch


     

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