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22.09.2022 10:12

Blasmusik ist weniger ansteckend als Chorgesang

Dr. Manuel Maidorn Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation

    Relativ viele Viren können aus der Klarinette kommen. Sie setzt deutlich mehr Aerosol frei, das Krankheitserreger wie Sars-CoV-2 enthalten kann, als etwa die Flöte. Generell ist das Übertragungsrisiko, das von einer infizierten Person an einem Blasinstrument ausgeht, jedoch deutlich geringer als bei singenden oder sprechenden Menschen. Zu diesem Schluss kommt ein Team des Göttinger Max-Planck-Instituts für Dynamik und Selbstorganisation (MPI-DS) und der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) in einer umfassenden Studie.Die Ergebnisse geben Anhaltspunkte, wie kulturelle Veranstaltungen auch während der Pandemie mit möglichst geringem Ansteckungsrisiko organisiert werden können.

    Das risikoreichste Instrument ist die Stimme, zumindest wenn es um die Verbreitung von Viren wie etwa Sars-CoV2 geht. Denn beim Singen und Sprechen bringen infizierte Personen in der gleichen Zeit mehr als 500-mal mehr Partikel in die Luft, die Viren enthalten können, als beim ruhigen Atmen.
    Ein Team unter Leitung von Mohsen Bagheri und Eberhard Bodenschatz, Direktor am MPI-DS und Professor an der Fakultät für Physik an der Universität Göttingen, hat das Musizieren mit Blasinstrumenten untersucht: Beim Spielen dieser Instrumente gelangt deutlich weniger Aerosol in die Umgebung als beim Singen – aber immer noch 5 bis 50-mal mehr als beim Atmen. Gemeinsam mit Kolleg*innen des Instituts für Krankenhaushygiene und Infektiologie an der UMG haben die Forschenden analysiert, wie viele Partikel welcher Größe beim Spielen von 20 verschiedenen Blasinstrumenten freigesetzt werden. Die Messungen nahmen sie unter kontrollierten Bedingungen in einem Reinraum vor und ermittelten aus den Ergebnissen jeweils die obere Grenze für das Infektionsrisiko mit der Omikronvariante von Sars-CoV-2. Die vollständige Studie ist frei zugänglich.

    Das Ansteckungsrisiko hängt vom Instrument ab

    „Wir haben überraschenderweise festgestellt, dass Musikinstrumente weniger riskant sind als Sprechen oder Singen", sagt Mohsen Bagheri, Leiter einer Forschungsgruppe zu Aerosolen am MPI-DS. Wie die Untersuchung des Göttinger Teams zeigt, bleiben vor allem die größeren für die Übertragung von Viren besonders wichtigen Atemtröpfchen in den Blasinstrumenten hängen. Die Instrumente wirken somit wie ein Filter für größere Partikel.
    Dass Blasmusik jedoch aus Sicht des Infektionsschutzes für die Musizierenden
    und das Publikum nicht ungefährlich ist, liegt daran, dass Partikel mit einer Größe
    von weniger als fünf Mikrometer weitestgehend aus dem Instrument nach außen
    dringen. Sie bleiben länger in der Luft und breiten sich weiter aus, sodass sie vor
    allem in ungelüfteten Räumen hohe Konzentrationen erreichen können. Wie viele
    solche kleinen Partikel die Blasmusik freisetzt, hängt dabei auch vom Instrument
    ab: Während das Team bei verschiedenen Flöten eine sehr geringe Konzentration
    freigesetzter Partikel gemessen hat, erreichte diese bei der Klarinette beinahe so
    hohe Werte wie beim Singen.
    So beträgt das Ansteckungsrisiko etwa bei der Klarinette und der Posaune in
    einem Abstand von anderthalb Metern nach vier Minuten bereits bis zu 50
    Prozent. Im selben Abstand zu einer Flöte wird dieses Infektionsrisiko erst nach
    drei Stunden erreicht. Alle anderen gemessenen Instrumente lagen dazwischen.

    Masken für Instrumente und Menschen schützen

    In seiner Studie untersuchte das Team auch, wie gut sich die Ansteckungsgefahr
    durch eigens angefertigte Partikelfilter, ähnlich dem Vlies von FFP2-Masken,
    reduzieren lässt. Die Prototypen der Masken setzten sie dabei auf die Enden der
    Blechblasinstrumente; Holzblasinstrumente umhüllten sie fast vollständig mit
    dem Filtermaterial. „Bei Blechblasinstrumenten funktionieren Masken auf dem
    Schallstück zuverlässig, um den Ausstoß infektiöser Partikel zu reduzieren“, sagt
    Oliver Schlenczek, Erstautor der Studie.
    Tragen darüber hinaus auch Zuhörer*innen eine FFP2-Maske liegt die
    Ansteckungsgefahr selbst nach einer Stunde bei maximal 0,2 Prozent.
    Simone Scheithauer, Direktorin des Instituts für Krankenhaushygiene und
    Infektiologie der UMG, bewertet diese Ergebnisse sehr positiv: „Auf dieser
    Grundlage können wir zukünftig viel gezielter Schutzmaßnahmen empfehlen und
    den musikalischen Kulturbetrieb auch in kritischen Situationen mit nur geringen
    Einschränkungen aufrechterhalten“, sagt sie.
    "Bei ausreichender Belüftung und dem Tragen von FFP2-Masken können
    Unterricht, Proben und Konzerte mit Blasinstrumenten sicher durchgeführt
    werden", schließt Aerosolforscher Eberhard Bodenschatz.


    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    Prof. Eberhard Bodeschatz, Dr. Gholamhossein Bagheri


    Originalpublikation:

    https://doi.org/10.1016/j.jaerosci.2022.106070


    Weitere Informationen:

    https://www.ds.mpg.de/3959178/220922_aerosols_instruments


    Bilder

    Beim Spielen von Blasinstrumenten entsteht weniger Viruslast als beim Sprechen oder Singen, da die Instrumente wie ein Filter für größere Partikel wirken. Zusätzlich können ein Instrumentfilter sowie das Tragen von Masken die Ansteckungsgefahr minimieren.
    Beim Spielen von Blasinstrumenten entsteht weniger Viruslast als beim Sprechen oder Singen, da die I ...

    Birte Thiede / MPI-DS


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Wissenschaftler, jedermann
    Medizin, Musik / Theater, Physik / Astronomie
    überregional
    Forschungsergebnisse
    Deutsch


     

    Beim Spielen von Blasinstrumenten entsteht weniger Viruslast als beim Sprechen oder Singen, da die Instrumente wie ein Filter für größere Partikel wirken. Zusätzlich können ein Instrumentfilter sowie das Tragen von Masken die Ansteckungsgefahr minimieren.


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