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28.11.2022 16:45

Kriminalistik-Symposium: Spuren in die Zukunft

Kathrin Markus Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Northern Business School

    Am 24. November 2022 fand an der Karl-Franzens-Universität in Graz das Kriminalistik-Symposium 2022 unter der Überschrift "Spuren in die Zukunft" statt. Die Presseabteilung der NBS Northern Business School interviewte hierzu einen Experten aus eigenen Reihen und Teilnehmer der Veranstaltung: Prof. Dr. jur. André Schulz LL.M. M.A., Professor für Kriminalwissenschaften.

    NBS: Herr Prof. Dr. Schulz, erstmalig wurde vom neu gegründeten Hans Gross Zentrum für interdisziplinäre Kriminalwissenschaften (ZiK) am Institut für Strafrecht, Strafprozessrecht und Kriminologie an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Graz gemeinsam mit der Vereinigung Kriminaldienst Österreich (VKÖ) ein Kriminalistik-Symposium durchgeführt. Was hat die Veranstaltung so besonders gemacht?

    Prof. Dr. Schulz: Hans Gross wurde am 26. Dezember 1847 in Graz geboren. Nach seinem Studium der Rechtswissenschaften und der anschließenden Promotion ging Gross 1875 in den Gerichtsdienst und wurde Untersuchungsrichter. 1898 erhielt er seine erste Professur für Straf- und Strafprozessrecht an der Universität in Czernowitz (heute Ukraine), das damals zu Österreichisch-Ungarn gehörte. Ab 1902 lehrte Gross an der Deutschen Universität in Prag, hier war u. a. Franz Kafka einer seiner Studenten. 1905 kam er in seine Heimatstadt Graz zurück, wo er an der Karl-Franzens-Universität Professor wurde. Das Hauptwerk von Hans Gross ist das 1893 erstmals erschienene "Handbuch für Untersuchungsrichter", welches das Vorgehen am kriminalistischen Tatort beschreibt. Das Handbuch erschien in mehreren Auflagen und wurden in verschiedene Sprachen übersetzt. Bis in die 1970er Jahre diente es beispielsweise dem FBI als Ausbildungsgrundlage. Des Weiteren stellte Gross eine "Kommissionstasche" zusammen, die zahlreiche Utensilien enthielt, die ein Untersuchungsrichter an einem Tatort benötigt. Bereits 1896 richtete Gross in Graz eine Lehrmittelsammlung ein, die zur Ausbildung von Studierenden, Untersuchungsrichtern und Kriminalbeamten diente. Die Gegenstände sind heute Teil des "Hans Gross Kriminalmuseums" in Graz und dort ausgestellt. Gross gilt als Begründer der modernen Kriminalistik als eigenständige Wissenschaft. Eine Kriminalistik-Veranstaltung am Wirkungsort des Begründers der Kriminalistik ist für einen Kriminalwissenschaftler also etwas ganz Besonderes. Das ist in etwa so, als wenn Elvis Presley Fans Graceland besuchen.

    NBS: Kriminalistik, Kriminologie, Kriminalwissenschaften – für den Laien verwirrende Begrifflichkeiten. Können Sie mit wenigen Worten die Unterschiede erklären?

    Prof. Dr. Schulz: Kriminalistik und Kriminologie werden fast in jedem Krimi verwechselt bzw. synonym verwendet. Kriminalwissenschaften ist der Oberbegriff für die verschiedenen Disziplinen des Strafrechts und seiner Bezugswissenschaften, konkreter die Sammelbezeichnung für alle Disziplinen, die sich primär mit dem kriminellen Verhalten von Menschen befassen. Die Kriminalwissenschaften werden klassischerweise in juristische und nicht-juristische Kriminalwissenschaften unterteilt. Zu den juristischen Kriminalwissenschaften zählt man die Strafrechts- und die Strafprozessrechtswissenschaft, zu den nichtjuristischen die Kriminologie und die Kriminalistik. Während Kriminologie die "Lehre vom Verbrechen" ist und sich mit allen Akteuren kriminellen Handelns, den Institutionen der formellen Sozialkontrolle, also Polizei, Justiz und Politik, sowie der Gesetzesanalyse und Wirkung von Strafe beschäftigt, ist Kriminalistik die "Lehre von der Verbrechensbekämpfung", dient also mit ihren verschiedenen Methoden zur Sachverhaltserforschung und Aufklärung einer Straftat. Sherlock Holmes war beispielsweise Kriminalist und kein Kriminologe.

    Hans Gross hatte es nicht leicht. 1893 strebte er mit seinem "Handbuch für Untersuchungsrichter" eine Habilitation an der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät der Universität Graz an. Das Vorhaben scheiterte aber, weil das Kultusministerium die Ansicht vertrat, dass sich die Kriminalistik als Lehrgegenstand für Studierende nicht eignen würde, zudem sei die Kriminalistik keine eigene Wissenschaft, sondern ein Konglomerat aus verschiedenen anderen Wissenschaften.

    Die Kriminalistik teilt das Schicksal der Kriminologie. Die Kriminologie, die sich wie die Kriminalistik weiterer Bezugswissenschaften bedient, wie z. B. der Soziologie und der Psychologie, hat sich über die Jahre zu einer empirischen Wissenschaft fortentwickelt und ist somit auch keine "Hilfswissenschaft des Strafrechts", wie Franz von Liszt 1882 sie in seinem Ideal einer "Gesamten Strafrechtswissenschaft" einordnete, sondern mittlerweile als eigenständige "Schwesterwissenschaft" des Strafrechts anerkannt. Zwischen der Kriminologie und der Kriminalistik besteht ein enges Bezugsverhältnis. Erst durch den Erkenntnisgewinn mit Hilfe der Kriminalistik ist es der Kriminologie möglich, durch Forschung die unterschiedlichen Erscheinungsformen von Kriminalität zu analysieren sowie die persönlichen und gesellschaftlichen Ursachen für kriminelles Verhalten festzustellen und daraus allgemeingültige Theorien abzuleiten. Die Kriminalistik ist aufgrund ihrer naturwissenschaftlichen Basis mittlerweile international anerkannt, kämpft aber bis heute immer noch um ihre Existenzberechtigung als eigenständige Wissenschaft. Man kann und muss jedoch konstatieren, dass die Kriminalistik alles für die Begründung einer eigenständigen Wissenschaft mitbringt, derzeit nur immer noch daran scheitert, dass sie aufgrund fehlender Lehrstühle keine "Heimat", keine systematische Theorie und keine wirkliche Grundlagenforschung besitzt. In Osteuropa sieht die Situation der wissenschaftlichen Kriminalistik wesentlich besser aus, dort gibt es an zahlreichen Universitäten entsprechende Lehrstühle, beispielsweise in Warschau, Vilnius und Moskau. Aktuell wird Kriminalistik fast ausschließlich an polizeilichen Bildungseinrichtungen gelehrt. Darüber hinaus finden sich nur einige wenige "Kriminalistik-Inseln" auf der deutschsprachigen Landkarte, so z. B. an der Ruhr-Universität in Bochum und nun auch als Schwerpunkt am Zentrum für interdisziplinäre Kriminalwissenschaften an der Universität Graz.

    NBS: Welche Erkenntnisse haben Sie von dem Symposium mitgenommen?

    Prof. Dr. Schulz: Man muss dem Veranstaltungsteam des Symposiums dankbar sein, dass sie mit dieser Auftaktveranstaltung den verschiedenen Vertreterinnen und Vertretern aus Wissenschaft und Praxis eine Möglichkeit für den Austausch gegeben haben. Der Titel der Veranstaltung war mit "Spuren in die Zukunft" bewusst mehrdeutig gewählt. Es ging zum einen durchaus um klassische Spuren und kriminaltechnische Innovationen, zum anderen aber um das Aufspüren der Kriminalistik in Wissenschaft und Forschung. Im Rahmen des Symposiums wurde in verschiedenen Vorträgen die Vergangenheit und Gegenwart der kriminalistischen Aus- und Fortbildung im deutschsprachigen Raum von verschiedenen Seiten beleuchtet. Dabei wurden die Defizite um die Vermittlung der Kriminalistik mehr als deutlich. Die Inhalte der Kriminalistik sind das Handwerkszeug für Juristen, Polizisten und private Sicherheitsdienstleister. "Learning-by-Doing" reicht heutzutage aufgrund der komplexen Herausforderungen im Sicherheitsbereich nicht mehr aus, um erfolgreich arbeiten zu können. Es bedarf zwingend der Schaffung einer Heimat für die Kriminalistik, sprich der Einrichtung von Lehrstühlen. Dazu fehlt derzeit aber den Entscheidungsinstanzen immer noch der notwendige Wille und Mut. Der hierfür erforderliche Druck kann aber aus Wirtschaft und Industrie heraus entstehen. Zertifizierte Wochenendseminare werden zukünftig nicht mehr ausreichen, um den Sicherheitsanforderungen in einem Unternehmen gerecht werden zu können. Es bedarf stattdessen einer fundierten Vermittlung kriminalwissenschaftlicher Disziplinen, vor allem der Kriminalistik. Im Studiengang Sicherheitsmanagement (B.A.) an der Northern Business School vermitteln wir den Studierenden die Grundlagen der Kriminalwissenschaften und lehren das sogenannte "Kriminalistische Denken". Damit sind die Absolventinnen und Absolventen bestens auf die Anforderungen aus der unternehmerischen Praxis vorbereitet.

    Die NBS Northern Business School – University of Applied Sciences ist eine staatlich anerkannte Hochschule, die Vollzeit-Studiengänge sowie berufs- und ausbildungs-begleitende Studiengänge in Hamburg anbietet. Zum derzeitigen Studienangebot gehören die Studiengänge Betriebswirtschaft (B.A.), Sicherheitsmanagement (B.A.), Soziale Arbeit (B.A.), Real Estate Management (M.Sc.) und Controlling & Finance (M.Sc.)

    Ihr Ansprechpartner für die Pressearbeit an der NBS Hochschule ist Frau Kathrin Markus (markus@nbs.de). Sie finden den Pressedienst der NBS mit allen Fachthemen, die unsere Wissenschaftler abdecken, unter www.nbs.de/die-nbs/presse/pressedienst.


    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    Prof. Dr. André Schulz, schulz@nbs.de


    Originalpublikation:

    https://www.nbs.de/die-nbs/aktuelles/news/details/news/kriminalistik-symposium-s...


    Bilder

    Büste von Hans Gross und eine Original-"Kommissionstasche" im Hans Gross Kriminalmuseum in Graz.
    Büste von Hans Gross und eine Original-"Kommissionstasche" im Hans Gross Kriminalmuseum in Graz.

    (v.l.n.r.) Prof. Dr. André Schulz (NBS, Hamburg), Dr. Nina Kaiser (Projektleiterin ZiK, Graz) und Oberstleutnant Martin Roudny (VKÖ, Leiter LKA-Außenstelle Zentrum Ost, Wien)
    (v.l.n.r.) Prof. Dr. André Schulz (NBS, Hamburg), Dr. Nina Kaiser (Projektleiterin ZiK, Graz) und Ob ...


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Studierende, Wissenschaftler
    Gesellschaft, Psychologie, Recht, Wirtschaft
    überregional
    Wissenschaftliche Tagungen
    Deutsch


     

    Büste von Hans Gross und eine Original-"Kommissionstasche" im Hans Gross Kriminalmuseum in Graz.


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    (v.l.n.r.) Prof. Dr. André Schulz (NBS, Hamburg), Dr. Nina Kaiser (Projektleiterin ZiK, Graz) und Oberstleutnant Martin Roudny (VKÖ, Leiter LKA-Außenstelle Zentrum Ost, Wien)


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