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20.11.2023 17:03

Gen- und Isotopenanalysen zeigen: In Europa verkaufte Störprodukte wie Kaviar sind oft illegal – oder nicht einmal echt

Jan Zwilling Wissenschaftskommunikation
Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) im Forschungsverbund Berlin e.V.

    Wilder Kaviar aus fast allen Herkunftsgebieten ist seit Jahrzehnten illegal, da die Überfischung die Störe an den Rand des Aussterbens brachte. Heute darf Kaviar fast ausschließlich von gezüchteten Stören stammen und es gelten strenge Vorschriften zum Schutz der Störe. Mittels Gen- und Isotopenanalysen von Störproben aus Bulgarien, Rumänien, Serbien und der Ukraine – Ländern, die noch wilde Störpopulationen in der Donau beherbergen – fand ein internationales Team jedoch Beweise, dass diese Vorschriften aktiv gebrochen werden. Ihre Ergebnisse zeigen, dass die Hälfte der untersuchten Kaviar- und Störfleischproben illegal sind und einige nicht einmal eine Spur von Stör enthalten.

    Die Analysen sind heute in der Fachzeitschrift „Current Biology“ erschienen.

    „Der Erhaltungszustand der Störbestände in der Donau ist kritisch, daher ist jedes einzelne Exemplar wichtig für ihr Überleben. Die beobachtete Intensität der Wilderei untergräbt jedoch jegliche Schutzbemühungen“, schreiben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unter der Leitung von Prof. Arne Ludwig vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (Leibniz-IZW). „In der Donau kommen heute noch vier Störarten vor. Alle vier Arten sind seit 1998 durch das Washingtoner Artenschutzabkommen über den internationalen Handel mit gefährdeten, freilebenden Tier- und Pflanzenarten (CITES) geschützt“, sagt Ludwig. „Im Jahr 2000 wurde ihre CITES-Listung durch ein strenges internationales Kennzeichnungssystem für alle Kaviarprodukte ergänzt, welches den illegalen Handel unterbinden sollte.“ Trotz dieser Schutzmaßnahmen sei aus lokalen Erzählungen bekannt, dass es immer noch illegalen Fang von wilden Stören gebe, so das Team. Systematische Untersuchungen zu diesen Verdachtsfällen habe es bislang aber nicht gegeben.

    Um herauszufinden, woher die Produkte stammen, kauften die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowohl online als auch persönlich Kaviar und Störfleisch aus einer Vielzahl von Quellen – darunter lokalen Märkte, Geschäfte, Restaurants, Bars und Aquakulturanlagen. Sie untersuchten zudem fünf Proben, die von Behörden beschlagnahmt wurden. Insgesamt analysierte das Team das Erbgut sowie die Isotopenmuster von 149 Proben. 21 Prozent der Proben stammten von gewilderten Stören. Produkte aus wilden Stören wurden in allen vier Ländern illegal gehandelt. Weiterhin verstießen 11 Prozent der Proben gegen die CITES-Bestimmungen und EU-Handelsgesetze – darunter Kaviar, bei dem die falsche Störart oder das falsche Herkunftsland angegeben war. Insgesamt 32 Prozent der Proben wurden als „Kundenbetrug“ eingestuft – beispielsweise Proben, die als Wildprodukte deklariert waren, aber aus Aquakulturen stammten. Drei der Proben, die in Rumänien als „Störsuppe“ serviert wurden, enthielten keinerlei Störfleisch.

    „Unsere Ergebnisse deuten auf eine anhaltende Nachfrage nach Produkten aus wildlebenden Stören hin, was alarmierend ist, da diese Produkte die Bestände wildlebender Störarten gefährden“, sagt Jutta Jahrl, Managerin des Projekts „Life for Danube Sturgeons“ beim WWF Österreich. „Die anhaltende Nachfrage fördert die Wilderei und deutet darauf hin, dass die Verbraucher Aquakulturprodukte nicht als vollständigen Ersatz akzeptieren. Darüber hinaus stellt der Verkauf von Kaviar, der gegen die CITES- und EU-Verpflichtungen verstößt, die Wirksamkeit der Kontrollen im Allgemeinen und des Kennzeichnungssystems im Besonderen in Frage.“

    Das Autorenteam vermutet, dass das große Ausmaß der illegalen Fischerei auch ein Indikator dafür ist, dass es den lokalen Fischern an angemessenen Einkünften mangelt. Dies könnte den Druck erhöhen, sich an Wilderei zu beteiligen. Sie weisen in ihrem Beitrag in der Fachzeitschrift auch darauf hin, dass es in diesen Regionen offenbar an einer wirksamen Kontrolle und Strafverfolgung mangelt, entweder weil die Unterbindung der Wilderei für die lokalen Behörden keine Priorität habe oder weil sie nicht über die notwendigen Mittel verfügten, um die Illegalität der Herkunft eines Fisches nachzuweisen.
    Unabhängig von den Gründen betonen sie, wie wichtig es ist, schnell zu handeln: „Obwohl Wilderei und illegaler Wildtierhandel oft als Probleme von Entwicklungsländern angesehen werden, belegen diese Ergebnisse, dass auch in der EU und in Ländern, die als Beitrittskandidaten behandelt werden, gewildert wird“, schreibt das Team. „Die Kontrolle des Kaviar- und Störhandels in der EU und den Beitrittskandidaten muss dringend verbessert werden, um sicherzustellen, dass die Bestände der Störe in der Donau eine Zukunft haben.“


    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    Prof. Dr. Arne Ludwig
    Wissenschaftler in der Abteilung für Evolutionsgenetik
    Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (Leibniz-IZW)
    Alfred-Kowalke-Str. 17, 10315 Berlin
    Tel: +49(0)30 5168312
    E-Mail: ludwig@izw-berlin.de

    Jutta Jahrl
    Managerin des Projekts „Life for Danube Sturgeons“
    WWF Österreich
    Ottakringer Straße 114-116, A-1160 Wien
    Tel: +43/676/48817-264
    E-Mail: jutta.jahrl@wwf.at


    Originalpublikation:

    Ludwig A, Jahrl J, Congiu L, Gesser J, Friedrich T, Lieckfeldt D, Peng Z, Boner M (2023): Poaching and illegal trade of Danube sturgeons. Current Biology. DOI: 10.1016/j.cub.2023.09.067


    Bilder

    Stör auf einem osteuropäischen Fischmarkt
    Stör auf einem osteuropäischen Fischmarkt
    George Caracas
    George Caracas/WWF


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten
    Biologie, Gesellschaft, Politik, Tier / Land / Forst, Umwelt / Ökologie
    überregional
    Forschungsergebnisse
    Deutsch


     

    Stör auf einem osteuropäischen Fischmarkt


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