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01.04.2025 11:05

Booster für die zelluläre Immuntherapie: Immunologe Michel Sadelain mit Meyenburg-Preis ausgezeichnet

Dr. Sibylle Kohlstädt Strategische Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit
Deutsches Krebsforschungszentrum

    Der mit 50.000 Euro dotierte Meyenburg-Preis 2023/24 geht an Michel Sadelain von der Columbia University, New York. Der Arzt und Immunologe gilt als einer der Väter der CAR-T-Zell-Therapie. Mit dieser zellulären Immuntherapie können heute bestimmte Blutkrebs-Erkrankungen selbst im fortgeschrittenen Stadium wirksam behandelt werden. Der Meyenburg-Preis wird am Mittwoch, 2. April, bei einem Festsymposium* im Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) verliehen.

    2017 erteilte die US-amerikanische FDA erstmals eine Zulassung für eine völlig neue Behandlung von Blutkrebs bei Kindern, bei denen Chemotherapien nichts mehr ausrichten konnten: Sie erhielten eine Immuntherapie mit ihren eigenen, genetisch veränderten T-Zellen, so genannten CAR-T-Zellen. Bei den meisten Patienten sprach die Erkrankung sehr gut auf die Behandlung an – und bei vielen war der Therapieerfolg dauerhaft, über viele Jahre hinweg. Inzwischen gibt es eine zunehmende Zahl an CAR-T-Zell-Therapien zur Behandlung von Leukämien, Lymphomen und Myelomen, wenn die Standard-Therapie versagt. Sogar bestimmte Autoimmunerkrankungen konnten erfolgreich gelindert werden.

    Einer der „Väter“ der CAR-T-Zell-Therapien ist der Arzt und Immunologe Michel Sadelain, der heute an der Columbia University in New York forscht. „Michel Sadelain hat maßgeblichen Anteil daran, dass Patientinnen und Patienten mit Krebserkrankungen des Bluts, auch in fortgeschrittenen Krankheitsstadien, Hoffnung auf Heilung haben dürfen“, sagt Stefan Fröhling, Vorstand der Meyenburg-Stiftung und Geschäftsführender Direktor des NCT Heidelberg. „Der Meyenburg-Preis 2023 würdigt außerdem besonders, dass Sadelain seine Arbeit konsequent darauf ausrichtet, die Ergebnisse seiner Forschung schnell in die klinische Anwendung zu übertragen.“

    Die Idee, Immunzellen des Patienten außerhalb des Körpers genetisch aufzurüsten und damit ihre Schlagkraft gegen Tumoren zu steigern, wurde bereits in den 1980er Jahren entwickelt. Forscher statteten Abwehrzellen mit künstlich zusammengesetzten T-Zell-Rezeptoren aus. Dieses Baukastenprinzip war namensgebend für die Therapie: „CAR“ steht für „chimäre Antigen-Rezeptoren“. Deren nach außen ragende Anteile stammten von einem Antikörper. Das ermöglichte erstmals, T-Zellen gegen jedes beliebige Oberflächen-Antigen der Tumoren zu generieren. Allerdings: Die CAR-T-Zellen der ersten Generation waren kurzlebig und zeigten keine klinische Wirksamkeit.

    Booster für therapeutische Zellen

    „Der Durchbruch kam mit einer Idee von Michel Sadelain“, sagt Stefan Pfister, Direktor am Hopp-Kindertumorzentrum Heidelberg und ebenfalls im Vorstand der Meyenburg-Stifung. „Seinen Innovationen ist zu verdanken, dass sich die CAR-T-Zellen ausreichend im Körper vermehren und lange überleben – beides entscheidende Voraussetzungen für eine erfolgreiche Krebsbehandlung.“

    Sadelain, damals am Memorial Sloan Kettering Cancer Center in New York, erkannte, dass die CAR-T-Zellen der ersten Generation durch den Kontakt mit ihrem Antigen nicht ausreichend aktiviert wurden. Also baute er noch ein drittes Element in den chimären Rezeptor ein. Es wirkt wie ein Booster für das Aktivierungssignal, das über den T-Zell-Rezeptor in die Abwehrzelle geleitet wird. Das war der entscheidende Schritt, der die Schlagkraft der therapeutischen Zellen steigerte. Mit einer bahnbrechenden Arbeit konnten Sadelain und Kollegen 2003 zeigen, dass ihre CAR-T-Zellen der zweiten Generation in einem Mausmodell erfolgreich Leukämiezellen bekämpfen können.

    Hochwirksame Therapie weiter verbessern

    So überzeugend die Wirksamkeit der CAR-T-Zellen bei vielen Patienten auch ausfiel – es zeigten sich doch einige Schwächen, die immer wieder beobachtet wurden. Dazu zählt die gefürchtete Erschöpfung der therapeutischen Zellen, die häufig Ursache für Therapieversagen ist, oder die Entwicklung von Resistenzen der Krebszellen.

    Durch intelligente Weiterentwicklung der CAR-T-Zellen konnte Michel Sadelain die Behandlung wirksamer und sicherer machen: So ersetzte er die Viren, die bisher genutzt wurden, um das Genkonstrukt für den CAR in die Patientenzellen einzuschleusen, durch ein zielgerichtetes Verfahren mit der „Genschere“ CRISPR-Cas. Dadurch wird das Rezeptor-Gen gezielt in eine Region des Erbguts eingebaut, in der es von der Zelle besser reguliert werden kann – und damit der „Erschöpfung“ der Zellen vorgebeugt.

    Vielfach entkommen Tumorzellen den CAR-T-Zellen, indem sie das Zielantigen von ihrer Zelloberfläche verschwinden lassen. Auch diesem häufig beobachteten Resistenzmechanismus konnte Sadelain einen Riegel vorschieben, indem er mit einem genetischen Trick die Empfindlichkeit der therapeutischen Zellen zehnfach steigerte.

    „Heute laufen weltweit weit über tausend klinische Studien mit verschiedenen CAR-T-Zellen gegen verschiedene Krebsarten in unterschiedlichen Stadien. Die Methode hat großes Potenzial, scheitert aber zum Beispiel noch an soliden Tumoren“, sagt Fröhling. „Wir alle wünschen und hoffen, dass Michel Sadelain noch viele weitere Ideen auf Lager hat, damit diese hochwirksame Therapieform in Zukunft noch mehr Krebspatienten zugutekommen kann.“

    Über Michel Sadelain

    Michel Sadelain wurde 1984 von der Universität Paris zum Doktor der Medizin promoviert, und erhielt 1989 seinen Ph.D. an der Universität Alberta, Kanada. Nach Abschluss seiner Facharztausbildung in Paris forschte Sadelain als Postdoc-Stipendiat am Whitehead Institute for Biomedical Research des Massachusetts Institute of Technology (MIT), bevor er 1994 an das Memorial Sloan Kettering Cancer Center in New York wechselte. Im Herbst 2024 wechselte er an die Columbia University, New York.

    Sadelain hat zahlreiche Auszeichnungen erhalten, darunter den William B. Coley Award for Distinguished Research in Tumor Immunology, den Pasteur/Weizmann Award, den Leopold Griffuel Award sowie 2024 gemeinsam mit Carl H. June den Breakthrough Prize in Life Sciences.

    Über den Meyenburg-Preis

    Die Meyenburg-Stiftung unter dem Dach des DKFZ vergibt den Preis seit 1981. Die Auszeichnung, die für herausragende Leistungen in der Krebsforschung verliehen wird, gehört zu den am höchsten dotierten Wissenschaftspreisen und zu den bedeutendsten Auszeichnungen für Krebsforschung in Deutschland.

    Der Stellenwert der Auszeichnung zeigt sich auch daran, dass bereits zahlreiche Meyenburg-Preisträgerinnen und Preisträger später mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurden: Andrew Fire, Meyenburg-Preisträger 2002 (Nobelpreis für Medizin 2006), Elizabeth Blackburn, Meyenburg-Preisträgerin des Jahres 2006 (Nobelpreis für Medizin 2009), Shinya Yamanaka, Meyenburg-Preisträger 2007 (Nobelpreis für Medizin 2012), Stefan Hell, Meyenburg-Preisträger 2011 (Nobelpreis für Chemie 2014), Katalin Karikó, Meyenburg-Preisträgerin 2021/22 (Nobelpreis für Medizin 2023).

    *Das Meyenburg-Symposium findet am 2. April 2025, ab15:30 Uhr, im Kommunikationszentrum des DKFZ statt. Interessierte sind herzlich eingeladen.

    Die Sprecher sind:
    Michel Sadelain (Columbia University, New York)
    Andreas Mackensen (Universität Erlangen)
    Fabrice André (Institut Gustave Roussy)
    Hafsa Munir (DKFZ und HI-TRON Mainz)
    Franziska Blaeschke (DKFZ und Hopp-Kindertumorzentrum Heidelberg)

    Das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) ist mit mehr als 3.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die größte biomedizinische Forschungseinrichtung in Deutschland. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erforschen im DKFZ, wie Krebs entsteht, erfassen Krebsrisikofaktoren und suchen nach neuen Strategien, die verhindern, dass Menschen an Krebs erkranken. Sie entwickeln neue Methoden, mit denen Tumoren präziser diagnostiziert und Krebspatienten erfolgreicher behandelt werden können. Beim Krebsinformationsdienst (KID) des DKFZ erhalten Betroffene, Interessierte und Fachkreise individuelle Antworten auf alle Fragen zum Thema Krebs.

    Um vielversprechende Ansätze aus der Krebsforschung in die Klinik zu übertragen und so die Chancen von Patientinnen und Patienten zu verbessern, betreibt das DKFZ gemeinsam mit exzellenten Universitätskliniken und Forschungseinrichtungen in ganz Deutschland Translationszentren:

    Nationales Centrum für Tumorerkrankungen (NCT, 6 Standorte)
    Deutsches Konsortium für Translationale Krebsforschung (DKTK, 8 Standorte)
    Hopp-Kindertumorzentrum (KiTZ) Heidelberg
    Helmholtz-Institut für translationale Onkologie (HI-TRON) Mainz – ein Helmholtz-Institut des DKFZ
    DKFZ-Hector Krebsinstitut an der Universitätsmedizin Mannheim
    Nationales Krebspräventionszentrum (gemeinsam mit der Deutschen Krebshilfe)

    Das DKFZ wird zu 90 Prozent vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und zu 10 Prozent vom Land Baden-Württemberg finanziert und ist Mitglied in der Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren.

    Ansprechpartner für die Presse:

    Dr. Sibylle Kohlstädt
    Pressesprecherin
    Strategische Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit
    Deutsches Krebsforschungszentrum
    Im Neuenheimer Feld 280
    69120 Heidelberg
    T: +49 6221 42 2843
    E-Mail: S.Kohlstaedt@dkfz.de
    E-Mail: presse@dkfz.de
    www.dkfz.de


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    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten
    Biologie, Medizin
    überregional
    Personalia, Wettbewerbe / Auszeichnungen
    Deutsch


     

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