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13.09.2004 08:32

Tsunami-Riesenwelle über Pfrondorf

Michael Seifert Hochschulkommunikation
Eberhard Karls Universität Tübingen

    Geowissenschaften

    Eine albtraumhafte Verwüstung der Erde führte vor rund 200 Millionen Jahren zu einem Massenaussterben. Über die Ursache der Katastrophe gibt es verschiedene Theorien. Nun hat der Geologe Dr. Michael Montenari nachgewiesen, dass zu dieser Zeit eine gigantische Flutwelle über das damals noch im Meer liegende Tübinger Gebiet gegangen sein muss. Die dafür notwendigen immensen Kräfte konnte nur ein Meteoriteneinschlag freisetzen.

    Folgen eines Meteoriteneinschlags vor 200 Millionen Jahren bei Tübingen nachgewiesen

    An der Wende des Trias- zum Jura-Zeitalter vor rund 200 Millionen Jahren wurden schlagartig drei Viertel aller damals vorkommenden Arten von Lebewesen ausgelöscht. Ausgelöst wurde die Katastrophe offenbar durch den Einschlag von einem oder vielleicht auch mehreren Meteoriten auf der Erde. Die Meteoriten schlugen im Meer ein und setzten gewaltige Flutwellen von wahrscheinlich mehreren Tausend Metern Höhe in Gang. "Tsunamis" (japanisch für "große Wogen") nennen Wissenschaftler solche unvorstellbar gigantischen Flutwellen. Dr. Michael Montenari vom Institut für Geowissenschaften der Universität Tübingen hat nun in einem Grabungsprofil im Natursteinwerk Hägnach bei Pfrondorf - nahe bei Tübingen - eine Schicht entdeckt, die belegt, dass ein Ausläufer eines solchen Tsunami dort vor rund 200 Millionen Jahren seine Kraft entfaltete.

    Seit mehr als einem Jahr untersucht Michael Montenari die Sedimentgeologie, die Ablagerung unterschiedlicher Gesteinsschichten, am Natursteinwerk in Pfrondorf. Durch den Abbau des unten liegenden Rhätsandsteins als Baustoff lassen sich dort im aufgegrabenen Profil die Gesteinsabfolgen besonders gut erkennen. "Der Sandstein hat sich zu einer Zeit abgelagert, als dieses Gebiet unter einem flachen Meer lag, unter tropischen Bedingungen und bei mäßiger Strömung", erklärt Montenari. Über dem Sandstein liege eine deutlich davon unterscheidbare Gesteinsschicht, die zu Beginn des Jura entstand, die so genannte Psilonotenbank. Diese Schicht müsse unter einem abruptem Wechsel der äußeren Bedingungen entstanden sein. "Plötzlich und für kurze Zeit muss eine sehr hohe Strömungsenergie geherrscht haben", so der Forscher. Schlagartig sei diese Strömung sozusagen an- und wieder ausgeschaltet worden, denn die über der Psilonotenbank liegenden Tonschichten lagerten sich nur ab, wenn die Strömung praktisch bei null liegt. "Immer wieder haben mich Studenten vor diesem Gesteinsprofil in Verlegenheit gebracht, denn diese merkwürdige Schicht zwischen Rhätsandstein und Tonablagerungen konnten wir nicht recht erklären", erzählt Montenari schmunzelnd. Er hätte zwar bereits früher auf eine gewaltige Sturmflut als Ursache getippt, aber so richtig habe die Schicht nicht ins Bild gepasst.

    "Der entscheidende Hinweis, der mich auf einen Tsunami nach Meteoriteneinschlägen als Ursache gebracht hat, kam von britischen Kollegen, die Hochenergieereignisse untersuchen", sagt der Tübinger Geologe. Die Briten hätten das gleiche geologische Problem vor der eigenen Haustür: Gesteinsabfolgen gleichen Alters von Nordirland, über Südwales bis Südwestengland ließen sich mit den Pfrondorfer Verhältnissen vergleichen. "Auf den britischen Inseln ist die Tsunamit-Schicht, die durch einen Tsunami entstanden ist, sogar bis zu zweieinhalb Meter dick, bei uns in Pfrondorf sind es nur 20 bis 30 Zentimeter." Eine solche Tsunamit-Schicht besteht aus zusammengeschwemmtem Material, allem, was eine Riesenwelle vor sich her getrieben hat - Sand, Schlamm, auch viele organische Reste von Lebewesen sind darunter. Die Schicht mit den verräterischen Anzeichen der Todeswelle in Pfrondorf ist nach außen unscheinbar und setzt sich bei genauerer Untersuchung aus dunklen bis rabenschwarzen Kalken zusammen, in denen extrem viele Schalenbruchstücke von ehemaligen Muscheln vorkommen. "Die Klappen der Muscheln zeigen mit ihrer Wölbung nach oben - ein Anzeiger dafür, dass sie unter einer starken Strömung zusammengeschwemmt wurden", sagt der Forscher. Dass es an der Grenze von Trias und Jura Meteoriteneinschläge gegeben haben muss, konnten Wissenschaftler durch den Nachweis seltener chemischer Elemente wie beispielsweise Iridium und durch ungewöhnliche Verhältnisse leichterer und schwerer Atome bestimmter Elemente belegen.

    Der Tsunami, der vor allem in Richtung Nordwesten in Großbritannien und in Nordamerika gewütet hat, hat die Tübinger Gegend wohl nur in Ausläufern erreicht. Er müsse gigantische, unvorstellbare Ausmaße gehabt haben, sagt Montenari. Zum Vergleich beschreibt er die Explosion der Insel Krakatau am Ende des 19. Jahrhunderts: "Ein Vulkanausbruch hat die Insel praktisch weggesprengt. Die mächtige Flutwelle, die dadurch entstand, ist vier Mal um die Erde gelaufen. Sie war sogar in mehreren 10 000 Kilometern Entfernung im Londoner Hafenbecken deutlich zu merken." Diese gewaltige Welle habe Tsunamit-Ablagerungen ergeben, die gerade mal sieben Zentimeter mächtig seien. "Wenn man bedenkt, dass die Tsunamit-Schichten auf den britischen Inseln und auch in Pfrondorf in den Jahrmillionen zusammengepresst worden sind, müssen sie zur Zeit ihrer Entstehung mindestens drei Mal mächtiger gewesen sein, in Pfrondorf also vielleicht einen Meter hoch." Eine solcher Tsunami könne nicht durch einen Vulkanausbruch entstanden sein. Heutige Tsunamis im Pazifik hätten eine Höhe von 50 oder 60 Metern, Seebeben oder Erdbeben träten bis zur Stärke neun auf. "Vor 200 Millionen Jahren hätte das Seebeben eine angenommene Stärke von 20 haben müssen. Das lässt sich zwar theoretisch berechnen, doch auf der Erde gibt es die physikalischen Gegebenheiten dafür nicht." Wegen der hohen freigesetzten Energie blieben eigentlich nur Meteoriteneinschläge als Ursache des Tsunami übrig. Denn die Erde wurde völlig verwüstet. Wo genau die Meteoriten eingeschlagen sind, wissen die Forscher nicht. Die Spuren des gewaltigen Tsunami könnten jedoch theoretisch noch an weiteren Stellen auf der Erde zu finden sein, vor allem, wenn diese damals im Meer lagen.

    "Massenaussterben hat es in den letzten 500 Millionen Jahren fünf Mal gegeben. Am verheerendsten muss es am Ende des Perm, Beginn der Trias vor etwa 235 Millionen Jahren gewesen sein. Da stand das Leben auf der Erde kurz vor der Vernichtung. Am bekanntesten ist aber wohl das letzte Massenaussterben in der Kreidezeit, als die Dinosaurier ausgestorben sind", sagt Montenari. Theoretisch, so der Wissenschaftler, könnten sich ein Meteoritenabsturz und ein Tsunami jederzeit wiederholen. "Es gibt genügend Objekte, die auf ihrem Flug durch das All die Bahn unserer Erde kreuzen und vielleicht mit uns zusammenstoßen - aber momentan besteht kein Grund zur Sorge." (6120 Zeichen)

    Nähere Informationen:

    Dr. Michael Montenari
    Institut für Geowissenschaften
    Arbeitsbereich
    Hölderlinstraße 16
    72076 Tübingen
    Tel. 0 70 71/2 97 31 40
    E-Mail: michael.montenari@uni-tuebingen.de

    Unter dieser Adresse sind auch Bilder zu finden, die auf Anfrage in der Pressestelle per E-Mail zugeschickt werden können.


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Geowissenschaften
    überregional
    Forschungsergebnisse
    Deutsch


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