idw – Informationsdienst Wissenschaft

Nachrichten, Termine, Experten

Grafik: idw-Logo
idw-Abo

idw-News App:

AppStore

Google Play Store



Instanz:
Teilen: 
08.01.2026 08:50

Meeresverschmutzung stört die zelluläre Energieproduktion von Seevögeln

Dr. Sabine Spehn Kommunikation (PR)
Max-Planck-Institut für biologische Intelligenz

    • Quecksilber führt zu einer ineffizienten Energieverwertung in den Zellen von Sepiasturmtauchern. Bestimmte per- und polyfluorierte Alkylverbindungen (PFAS) können Schutzreaktionen auf Zellstress verhindern.
    • Ältere und männliche Vögel weisen aufgrund der Ernährung und lebenslanger Anreicherung im Blut einen höheren Quecksilbergehalt auf. Bei PFAS zeigt sich dieser Zusammenhang nicht, was auf unterschiedliche Kontaminationswege hindeutet.
    • Forschende befürchten, dass sich die zellulären Effekte mit anderen Bedrohungen (z.B. globale Erwärmung und Überfischung) verstärken könnten. Dies wirft Fragen zu den langfristigen Auswirkungen auf die Fortpflanzung und das Überleben der Vögel auf.

    Neue Forschungsergebnisse zeigen, dass gängige Schadstoffe die zelluläre Energieproduktion bei wildlebenden Seevögeln stören und möglicherweise deren Fitness beeinträchtigen. Die in Environment & Health veröffentlichte Studie konzentrierte sich auf Sepiasturmtaucher. Diese Vögel brüten auf Linosa, einer kleinen und abgelegenen Vulkaninsel im Kanal von Sizilien. Die Forschenden fanden heraus, dass weit verbreitete Schadstoffe wie Quecksilber und bestimmte per- und polyfluorierte Alkylverbindungen (PFAS) die Funktion der Mitochondrien beeinträchtigen. Das sind die winzigen Kraftwerke in den Zellen, die Energie für Aktivitäten vom Flug bis zur Fortpflanzung erzeugen.

    In den Ozeanen wird Quecksilber durch Bakterien häufig in das hochgefährliche Methylquecksilber umgewandelt. Dieses reichert sich im Gewebe an und konzentriert sich in der Nahrungskette, sodass die höchsten Werte bei Spitzenprädatoren (Räuber an der Spitze der Nahrungspyramide) gemessen werden. PFAS sind synthetische „ewige Chemikalien“, die unter anderem in antihaftbeschichtetem Kochgeschirr und schmutzabweisenden Stoffen enthalten sind. Trotz internationaler Bemühungen, ihre Verwendung zu kontrollieren, reichern sie sich in immer größeren Mengen an. Diese Schadstoffe sind bereits in geringen Konzentrationen hochgiftig und gelangen über die Atmosphäre sowie den Oberflächenabfluss in die Ozeane. Laborstudien haben gezeigt, dass sie die Energieerzeugung in den Mitochondrien beeinträchtigen können. Allerdings spiegeln diese Studien möglicherweise nicht die aktuellen Schadstoffkonzentrationen in Ökosystemen wider. Zudem waren die Auswirkungen auf Wildtiere bisher unbekannt.

    Ein internationales Team, geleitet von Stefania Casagrande, Wissenschaftlerin am Max-Planck-Institut für biologische Intelligenz, hat sowohl die Schadstoffwerte als auch die Mitochondrienfunktion bei Sepiasturmtauchern gemessen. Mitochondrien bauen eine elektrische Ladung auf, die die Produktion von Adenosintriphosphat (ATP), der zellulären Energiequelle, antreibt. Bei Vögeln mit höheren Quecksilberwerten werden die Mitochondrienmembranen durch einen als „Protonenleck” bekannten Prozess poröser: Dadurch geht mehr Energie verloren, ohne dass ATP produziert wird – ähnlich wie Wasser, das an den Turbinen eines Wasserkraftwerks vorbeifließt. Hohe Konzentrationen bestimmter PFAS haben den gegenteiligen Effekt: Sie versteifen die Membranen und reduzieren den Energieverlust, blockieren jedoch ein Sicherheitsventil, das die Ansammlung schädlicher Moleküle verhindert. Dies kann möglicherweise zu einer anderen Art von oxidativem Zellschaden führen.

    „Schadstoffe von globaler Bedeutung, wie PFAS und Quecksilber, sind bekanntermaßen giftig. Doch erst jetzt ermöglichen uns Fortschritte in der Feinmesstechnik und minimalinvasive Methoden im Feld, ihre Auswirkungen auf Wildtiere auf Ökosystemebene zu verstehen. Dies hat wichtige Implikationen für die Entwicklung von Umweltschutzkonzepten“, sagt Guadalupe Lopez-Nava, Erstautorin und Doktorandin am Max-Planck-Institut für biologische Intelligenz. „Wir haben festgestellt, dass Quecksilber und bestimmte PFAS die Energieproduktion in den Zellen von wildlebenden Sturmtauchern stören und die Energieeffizienz der Zellen beeinträchtigen. Die Zellen können dies zwar durch eine Steigerung der Energieproduktion kompensieren, doch das ist mit hohen Kosten verbunden – selbst geringfügige Veränderungen der Zelleffizienz können die Fitness unbemerkt beeinträchtigen.“

    Zusammenhang zwischen Ernährung, Exposition und Zellschäden

    Als Spitzenprädatoren mit einer Lebensdauer von mehreren Jahrzehnten reichern Sturmtaucher im Laufe der Zeit Schadstoffe an und sind somit Indikatoren für die Gesundheit der Ozeane. Das Team untersuchte in zwei Saisonen 52 brütende, ausgewachsene Vögel. Es maß bei allen Vögeln den Quecksilbergehalt und die Mitochondrienfunktion und analysierte bei 20 Vögeln aus einer Saison den PFAS-Gehalt. Stabile Isotope – chemische Fingerabdrücke, die Aufschluss über die Ernährung und die Futterstellen geben – stellten einen Zusammenhang zwischen der Ernährung der Vögel und ihrer Schadstoffbelastung sowie den Auswirkungen auf ihre Zellen her. Der Quecksilbergehalt war bei älteren Vögeln und Männchen höher (Weibchen scheiden Quecksilber durch die Eiablage aus). Bei PFAS zeigte sich kein Zusammenhang mit Alter, Geschlecht oder Ernährung, was auf grundlegend andere Kontaminationswege als bei Quecksilber hindeutet. Das Verständnis dieser unterschiedlichen Expositionswege trägt entscheidend zum Schutz der Seevogelpopulationen und der Entwicklung gezielter Strategien zur Verringerung der Umweltverschmutzung bei.

    „Chemische Verschmutzung ist aufgrund ihrer Unauffälligkeit und vielfältigen Auswirkungen eine der komplexeren Bedrohungen für marine Ökosysteme“, sagt Lucie Michel, Erstautorin und Doktorandin and der Universität Giessen. „Die Brutzeit ist für erwachsene Vögel besonders anspruchsvoll: Sie wechseln zwischen langen Selbstversorgungstouren und kurzen Futtersuchexpeditionen und versorgen gleichzeitig ihre Küken. In dieser Zeit könnten die Energiekosten aufgrund der Schadstoffbelastung besonders hoch sein. Zukünftige Arbeiten müssen nun die Auswirkungen auf das Überleben, den Bruterfolg und die allgemeine Fitness untersuchen. Es ist auch wichtig, diese Auswirkungen im Zusammenhang mit anderen Bedrohungen für die Tierwelt zu verstehen, wie zum Beispiel Überfischung, Plastikverschmutzung und globale Erwärmung. Dazu ist eine langfristige Überwachung unerlässlich – was auch Einfluss auf das Verständnis der menschlichen Gesundheit hat, da wir ähnlichen Belastungen ausgesetzt sind.“


    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    Dr. Stefania Casagrande
    Wissenschaftlerin
    MPI für biologische Intelligenz
    stefania.casagrande@bi.mpg.de


    Originalpublikation:

    Pollutant Exposure Shapes Mitochondrial Bioenergetics in a Wild Seabird

    Guadalupe Lopez-Nava*, Lucie Michel*, Giacomo Dell’Omo, Petra Quillfeldt, Paco Bustamante, Stefania Casagrande
    * contributed equally to this work

    Environment & Health, online 22 December 2025

    DOI: 10.1021/envhealth.5c00297


    Weitere Informationen:

    https://www.bi.mpg.de/hau/de - Webseite der Forschungsgruppe


    Bilder

    Forschende fanden heraus, dass gängige Schadstoffe wie Quecksilber und PFAS (Ewigkeitschemikalien) die Funktion der Mitochondrien bei wildlebenden Sepiasturmtauchern beeinträchtigen.
    Forschende fanden heraus, dass gängige Schadstoffe wie Quecksilber und PFAS (Ewigkeitschemikalien) d ...

    Copyright: © MPI für biologische Intelligenz / Guadalupe Lopez-Nava

    In zwei Saisonen untersuchte das Team den Quecksilber- und PFAS-Gehalt sowie die Mitochondrienfunktion von ausgewachsenen, brütenden Vögeln.
    In zwei Saisonen untersuchte das Team den Quecksilber- und PFAS-Gehalt sowie die Mitochondrienfunkti ...

    Copyright: © MPI für biologische Intelligenz / Guadalupe Lopez-Nava


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Lehrer/Schüler, Studierende, Wissenschaftler, jedermann
    Biologie, Meer / Klima, Umwelt / Ökologie
    überregional
    Forschungsergebnisse, Wissenschaftliche Publikationen
    Deutsch


     

    Forschende fanden heraus, dass gängige Schadstoffe wie Quecksilber und PFAS (Ewigkeitschemikalien) die Funktion der Mitochondrien bei wildlebenden Sepiasturmtauchern beeinträchtigen.


    Zum Download

    x

    In zwei Saisonen untersuchte das Team den Quecksilber- und PFAS-Gehalt sowie die Mitochondrienfunktion von ausgewachsenen, brütenden Vögeln.


    Zum Download

    x

    Hilfe

    Die Suche / Erweiterte Suche im idw-Archiv
    Verknüpfungen

    Sie können Suchbegriffe mit und, oder und / oder nicht verknüpfen, z. B. Philo nicht logie.

    Klammern

    Verknüpfungen können Sie mit Klammern voneinander trennen, z. B. (Philo nicht logie) oder (Psycho und logie).

    Wortgruppen

    Zusammenhängende Worte werden als Wortgruppe gesucht, wenn Sie sie in Anführungsstriche setzen, z. B. „Bundesrepublik Deutschland“.

    Auswahlkriterien

    Die Erweiterte Suche können Sie auch nutzen, ohne Suchbegriffe einzugeben. Sie orientiert sich dann an den Kriterien, die Sie ausgewählt haben (z. B. nach dem Land oder dem Sachgebiet).

    Haben Sie in einer Kategorie kein Kriterium ausgewählt, wird die gesamte Kategorie durchsucht (z.B. alle Sachgebiete oder alle Länder).