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08.01.2026 13:00

Natur, Gesellschaft und Wirtschaft zusammendenken: Wissenschaftler:innen fordern neues Konzept nachhaltiger Entwicklung

Susanne Hufe Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung - UFZ

    Was bedeutet eigentlich der Begriff nachhaltige Entwicklung? Bislang basierte der Nachhaltigkeitsrahmen auf einem Drei-Säulen-Modell, das Natur, Gesellschaft und Wirtschaft voneinander trennt. Doch das scheint vor dem Hintergrund des beschleunigten Klimawandels, des Verlusts der biologischen Vielfalt und der Ungleichheiten zwischen den Menschen nicht mehr zweckmäßig. Eine Gruppe renommierter Forscher:innen, die sich so wie Prof. Dr. Josef Settele vom UFZ seit vielen Jahre im Weltbiodiversitätsrat (IPBES) engagieren, fordern in Nature Communications Sustainability eine grundlegende Neuausrichtung der Art und Weise, wie die Menschheit nachhaltige Entwicklung versteht und verfolgt.

    Die Autor:innen schlagen in ihrem Artikel ein neues Modell der nachhaltigen Entwicklung vor, das von unten nach oben die Natur als Grundlage positioniert, die Wirtschaft als nächste Ebene unterstützt und der Gesellschaft in der dritten Ebene Vorteile verschafft. Aus einer Top-down-Perspektive bestimmen gesellschaftliche Werte und Governance-Systeme, wie Menschen die Wirtschaft organisieren und wie sich diese auf die Natur auswirkt, von der sie ab hängig sind. „Wir müssen uns von der Vorstellung lösen, dass Natur, Wirtschaft und Gesellschaft getrennte Bereiche sind“, sagte Dr. David Obura, Direktor von CORDIO East Africa und Vorsitzender des Weltbiodiversitätsrates IPBES. „Unser Modell betrachtet sie als miteinander verbundene Ebenen eines integrierten Systems. Damit kann jedes Unternehmen, jede Gemeinde und jedes Land den Fluss der Vorteile aus der Natur über die Wirtschaftssektoren bis hin zu den Menschen verfolgen und sehen, wie sich unsere Entscheidungen auf die Natur auswirken.“

    Modellwechsel: Von isolierten Säulen zu integrierten Ebenen

    Seit seiner Einführung durch den Brundtland-Bericht „Unsere gemeinsame Zukunft“ der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung im Jahr 1987 hat das Konzept der nachhaltigen Entwicklung die globalen Bemühungen geleitet, ein Gleichgewicht zwischen menschlichem Wohlergehen, Wirtschaftswachstum und Umweltschutz zu erreichen. Mittlerweile zeigt sich jedoch, dass die Trennung von Natur, Wirtschaft und Gesellschaft zu fragmentierten, konkurrierenden Prioritäten geführt hat. Sie verschärft die Krisen, die eigentlich mit Nachhaltigkeit hätten gelöst werden sollen.

    In dem neuen Modell beschreiben die Autor:innen nachhaltige Entwicklung nun als ein einziges, dynamisches System. Das Modell geht davon aus, dass drei Arten von Kapital – natürliches, wirtschaftliches und soziales Kapital – die Grundlage für Nachhaltigkeit bilden und miteinander verbunden sind. Diese entscheiden darüber, ob sich Gesellschaften positiv entwickeln. Wenn sich eine Art von Kapital übermäßig entwickelt oder erschöpft ist, destabilisiert sich das System. Resilienz sowie langfristiges Wohlergehen und Sicherheit können aber nur möglich sein, wenn alle Arten von Kapital im Gleichgewicht sind.

    Das Modell zeigt, dass die heutigen Herausforderungen im Bereich der Nachhaltigkeit nicht nur auf Marktversagen zurückzuführen sind, sondern das Ergebnis tiefergreifender Werteversagen sind. Es wurde versäumt, die Werte und Entscheidungen in allen drei Bereichen zu berücksichtigen. Engstirnige wirtschaftliche Weltanschauungen, die auf Ausbeutung, Privatisierung und kurzfristigen Profit ausgerichtet sind, haben andere wesentliche Werte wie Fürsorge, Gegenseitigkeit und Respekt vor der Natur und vor anderen Menschen in den Hintergrund gedrängt. „Nachhaltige Entwicklung erfordert mehr als nur die Behebung von Marktversagen. Sie erfordert auch die Anerkennung und Integration der unterschiedlichen Werte verschiedener gesellschaftlicher Gruppen, um sicherzustellen, dass alle Stimmen bei der Gestaltung unserer gemeinsamen Zukunft berücksichtigt werden“, sagt Prof. Mike Christie von der Aberystwyth University und Co-Vorsitzender des IPBES-Werte-Assessments.

    Was muss sich ändern?

    Indem das Modell die Beziehungen zwischen Natur, Wirtschaft und Gesellschaft stärkt, entwickelt es den aktuellen Rahmen für nachhaltige Entwicklung und seine Ziele (SDGs) weiter. Dabei unterstützt es auch die Diskussionen über eine globale Nachhaltigkeitsagenda für die Zeit nach 2030, die sich an einem Gleichgewicht der Systeme und vielfältigen Werten orientiert. „Bereits im ersten Globalen Bericht von IPBES war eine der im internationalen Konsens getroffenen Kernaussagen, dass ein wesentlicher Bestandteil nachhaltiger Entwicklungspfade die Weiterentwicklung der globalen Finanz- und Wirtschaftssysteme zum Aufbau einer globalen nachhaltigen Wirtschaft ist, die von dem derzeitigen begrenzten Leitbild des Wirtschaftswachstums weggelenkt wird”, sagt Prof. Josef Settele.

    Die Autor:innen fordern nun, die Entwicklung neu auszurichten – nicht nur aus Sicht der Regierungen, sondern ebenso für Unternehmen und die gesamte Gesellschaft –, um ein Gleichgewicht zwischen Natur, Wirtschaft und Gesellschaft herzustellen. Um diese Transformation zu erreichen, muss man über fragmentierte, wachstumsorientierte Ansätze hinausgehen, die sich ausschließlich auf die Wirtschaft konzentrieren. „Nachhaltigkeit kann nicht erreicht werden, indem Natur, Wirtschaft und Gesellschaft als getrennte Bereiche betrachtet werden. Ein systemischer Ansatz zeigt, dass sie Teile eines einzigen, voneinander abhängigen Ganzen sind“, sagt Prof. Paula Harrison vom UK Centre for Ecology & Hydrology und Co-Vorsitzende der IPBES Nexus Assessment.

    Um dies zu erreichen, empfehlen die Autor:innen vier wesentliche Veränderungen:

    1. Neudefinition von Nachhaltigkeit im Hinblick auf das Gleichgewicht der Systeme: Die Tatsache anerkennen, dass alle menschlichen Aktivitäten von ökologischer Stabilität abhängig sind.
    2. Einbeziehung pluralistischer Werte: Die Berücksichtigung indigener, kultureller und relationaler Weltanschauungen in der Nachhaltigkeitspolitik und -quantifizierung.
    3. Einführung einer systembasierten Governance: Die Gestaltung von Strategien, die gegenseitige Abhängigkeiten und Rückkopplungen zwischen sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Prozessen berücksichtigen.
    4. Neudefinition von Fortschritt: Über das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts hinausgehen, hin zu Messgrößen, die den Zustand jedes Kapitals und die Ströme zwischen ihnen widerspiegeln. Das schließt auch die ökologische Gesundheit, Gerechtigkeit und das langfristige menschliche Wohlergehen ein.


    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    Prof. Dr. Josef Settele
    josef.settele@ufz.de
    Leiter UFZ-Department Naturschutzforschung

    Dr. David Obura
    Director CORDIO East Africa / IPBES-Vorsitzender
    dobura@cordioea.net


    Originalpublikation:

    Obura, D.O.; Agrawal, A.; Christie, M.; Fromentin, J.-M.; Harrison, P.A.; Jones, M.; O’Brien, K.; Pauchard, A.; Roy, H.E.; Settele, J.; Stoett, P. (2025). “A Systems Reset for Sustainable Development.”, Nature Communications Sustainability, https://doi.org/10.1038/s44458-025-00009-3


    Weitere Informationen:

    https://sustainabledevelopment.un.org/content/documents/5987our-common-future.pd...
    https://zenodo.org/records/5502690


    Bilder

    Das neue Modell nachhaltiger Entwicklung: Natur, Wirtschaft und Gesellschaft inkl. Rückkopplungsschleifen.
    Das neue Modell nachhaltiger Entwicklung: Natur, Wirtschaft und Gesellschaft inkl. Rückkopplungsschl ...

    Copyright: CORDIO East Africa


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Lehrer/Schüler, Studierende, Wirtschaftsvertreter, Wissenschaftler, jedermann
    Biologie, Gesellschaft, Meer / Klima, Umwelt / Ökologie, Wirtschaft
    überregional
    Forschungsergebnisse, Wissenschaftliche Publikationen
    Deutsch


     

    Das neue Modell nachhaltiger Entwicklung: Natur, Wirtschaft und Gesellschaft inkl. Rückkopplungsschleifen.


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