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12.01.2026 14:39

DGKL-Vorstand Jan Wolter fordert totalen Reset des deutschen Gesundheitssystems

Markus Wolters Geschäftsstelle
Deutsche Gesellschaft für Klinische Chemie und Laboratoriumsmedizin e. V.

    Deutschland braucht einen totalen Reset des Gesundheitssystems. Darauf macht der Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Klinische Chemie und Laboratoriumsmedizin, Jan Wolter, im Exklusiv-Interview mit MedLabPortal aufmerksam. Der studierte Politologe wurde vom Präsidium der Fachgesellschaft einstimmig zum Vorstand bestellt und bekleidet seit Januar 2026 diesen Posten.

    MedLabPortal: Herr Wolter, wir kennen eine angestellte Ärztin, die über 1000 Euro im Monat für die GKV entrichtet, aber als „Kassenpatientin“ sieben Monate auf einen Augenarzttermin warten musste. Was läuft im deutschen Gesundheitssystem falsch?

    Wolter: Ist das eine Aufforderung, ein Buch zu schreiben? Ohne Frage krankt es im deutschen Gesundheitssystem an vielen Stellen und Sie werden sicherlich zahlreiche weitere Fälle benennen können, wo es hakt.

    MedLabPortal: Wir kennen auch eine 91-jährige Dame, die im Pflegeheim seit 2 Jahren auf eine spezielle Lesehilfe wartet. Sie ist fast blind, und die Kasse würde das Gerät bezahlen – wenn sie die Antragsformulare korrekt ausfüllen würde. Weil sie das ohne Lesehilfe aber nicht kann, gibt es auch in Zukunft keine Lesehilfe. Was sagen Sie zu solchen Fällen?

    Wolter: Willkommen in Absurdistan! Das grundlegende Problem unseres Gesundheitssystems – und das können Sie vermutlich auf so ziemlich jedes andere System unseres Staats übertragen – ist, dass wir uns um Symptome, Einzelfälle, Details kümmern. Unser System ist über die letzten Jahrzehnte gewachsen. Es wurden neue diagnostische Verfahren entwickelt, neue Therapien. Gleichzeitig sind neue Krankheiten aufgetaucht, die Gesellschaft hat sich verändert und die Technologie – auch in der Verwaltung – ist mit der von vor 50 Jahren nicht mehr vergleichbar. Natürlich haben sich dabei auch Regularien und Vorschriften geändert, die Bürokratie ist gewachsen. Und das ist absolut verständlich: Neue Technologien müssen reguliert und das alles muss überwacht werden. Dadurch wurde das Gesamtsystem aber enorm komplex, langsam, fehleranfällig und zunehmend dysfunktional. An dieser Stelle wird dann gerne davon gesprochen, dass wir Bürokratie abbauen müssen oder Vorschriften wieder abschaffen. Das geht aber am Kern der Sache vorbei. Denn die allermeisten Vorschriften und Regularien haben ja ihre Berechtigung. Wir müssen unser System also nicht von Bürokratie befreien. Wir brauchen ein neues System.

    MedLabPortal: Verstehen wir Sie richtig? Sie fordern einen totalen Reset des Deutschen Gesundheitssystems?

    Wolter: Nichts weniger als das, ja. Wir brauchen einen kompletten Neustart. Wir müssen alles von Grund auf neu denken. Unsere Prozesse sind doch im Wesentlichen noch die aus Zeiten des Kaiserreiches. Gleichzeitig werden Laborproben mit Drohnen geflogen und künstliche Intelligenz erkennt Krebszellen – Technologien, die damals als Zauberei gegolten hätten. Das Herumdoktern am System muss ein Ende haben. Die Wiedereinführung der Praxisgebühr – in welcher Form auch immer –, die teilweise Abschaffung der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall oder ein Ende der Krankschreibung per Telefon. Das ist alles ideenlose Flickschusterei, die uns nicht im Geringsten nach vorne bringt.

    MedLabPortal: Nun ist es aber so, dass in Deutschland mittlerweile jeder etwas fordert. Haben Sie auch konkrete Anregungen für eine pragmatische Umsetzung?

    Wolter: Das BMG sollte einen Forschungsauftrag erteilen „Neuentwicklung des deutschen Gesundheitssystems“. Oder besser noch breiter: Die Politik definiert Ziele, was in 10 oder 15 Jahren erreicht werden soll, wie z.B. Anhebung der Lebenserwartung um X Jahre oder Reduktion bestimmter Krankheiten um Y Prozent. Dann müsste zuerst geschaut werden, welche Faktoren darauf einen Einfluss haben, womit deutlich würde, dass unser Gesundheitssystem allein nur einen begrenzten Einfluss auf unsere Gesundheit hat. Dazu gehören auch Verkehrspolitik, Bildungspolitik, Sozialpolitik etc. Wenn man dann beim Gesundheitssystem angekommen ist, gilt es, dieses von Grunde auf neu zu denken. Das gesamte Antragswesen dürfte dabei vermutlich um 99 Prozent kleiner ausfallen als heutzutage. Digitalisierung bedeutet nämlich nicht, am Computer Dinge zu schreiben und auf dem Drucker auszudrucken, anstatt mit der Schreibmaschine zu arbeiten. Auch die Terminvereinbarung beim Arzt ist doch völlig antiquiert. Aber das alles sind einzelne Felder, die nicht einzeln bearbeitet werden dürfen. Wie gesagt, müssen wir unser Gesundheitssystem vollständig neu entwickeln.

    MedLabPortal: Sie sind Vorstand der DGKL. In dieser Funktion hat Ihr Wort Gewicht – werden Sie mit Bundesgesundheitsministerin Nina Warken über Ihre Reset-Vorschläge reden?

    Wolter: Die Labormedizin spielt in der Gesundheitsversorgung eine entscheidende Rolle, von daher kann man ihr den Dialog mit der DGKL ohnehin empfehlen.

    MedLabPortal: Warum so zaghaft? Die Ministerin glänzte bisher eher durch Remakes der 2000er, wir denken da an die angedachte Praxisgebühr. Die Ministerin könnte doch ein paar disruptive Inputs gut gebrauchen…

    Wolter: Das könnte die gesamte Bundesregierung gut gebrauchen. Aber Frau Warken könnte ja mit gutem Beispiel vorangehen.

    MedLabPortal: Aus Ihrer Feder stammten bisher der Nationale Strategieplan der DGKL und die Skizzierung des Cybercent-Modells für die Etablierung eines Cyberdefense-Schutzschilds im Bereich der Labormedizin. Große Medien wie der Tagesspiegel haben darüber berichtet – wie hat die Politik reagiert?

    Wolter: Meine Erfahrung mit der Politik ist, dass sie eher auf Absender reagiert als auf Inhalte. Wenn also eine wählerstarke Gruppe mit einem dünnen Vorschlag um die Ecke kommt, wird darauf eher reagiert, als wenn eine kleine Fachgesellschaft eine substanzielle Idee einbringt. Aber ich lasse mich gerne überraschen.

    MedLabPortal: Der von Ihnen jetzt vorgeschlagene Reset würde vermutlich Milliarden einsparen und Patienten eine bessere Versorgung ermöglichen – haben Sie keine Angst, dass Sie jene, die infolge des Bürokratieabbaus diese Milliarden nicht mehr verdienen würden, gegen sich aufbringen?

    Wolter: Ohne Zweifel könnten wir mit einem neuen Ansatz Milliarden in der Gesundheitsversorgung sparen und die Menschen würden gleichzeitig länger und gesünder leben. Und sicherlich tritt man dabei vielen auf die Füße, weil sie sich umstellen müssen. Aber mit Bürokratie wird in der Regel kein Geld verdient, sondern Geld verbrannt. In den nächsten Jahren gehen Millionen Menschen in der Verwaltung in Rente. Und gleichzeitig fehlt es uns an Fachkräften, die einen guten Teil ihrer Zeit mit Bürokratie zubringen müssen, statt das zu tun, für was sie ausgebildet wurden oder studiert haben.

    MedLabPortal: Bekanntlich ist Gesundheitspolitik Ländersache. Sie müssten demnach nicht nur Nina Warken, sondern womöglich auch auf Länderebene für Ihr Modell werben. Unter welchen Umständen wäre ein Pilot-Modell in einem kleinen Bundesland wie beispielsweise Bremen oder Saarland, sinnvoll?

    Wolter: Sicherlich wird man ein neues Gesundheitssystem nicht am Reißbrett entwickeln und dann auf einen Schlag ausrollen können. Man braucht Übergangslösungen, einen Transformationsprozess. Das wird alles andere als einfach. Und dabei wird man Teile des neuen Systems in Pilotversuchen in einem begrenzten Umfang ausrollen können. Das ist sicherlich sinnvoll. Wichtig ist aber, dass man keine Insel- oder Teillösungen schafft.

    MedLabPortal: Unsere letzte Frage: Wie lange warten Sie auf einen Facharzttermin in Berlin?

    Wolter: Zum Glück brauche ich gerade keinen.

    MedLabPortal: Vielen Dank für Ihre Zeit.

    Die Fragen stellte Vlad Georgescu.

    Abdruck inkl. Bild bei Nennung der Quelle www.medlabportal.de honorarfrei.


    Weitere Informationen:

    https://medlabportal.de/dgkl-vorstand-jan-wolter-fordert-totalen-reset-des-deuts...


    Bilder

    Jan Wolter, Vorstand der DGKL
    Jan Wolter, Vorstand der DGKL

    Copyright: DGKL


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Studierende, Wirtschaftsvertreter, Wissenschaftler, jedermann
    Medizin, Politik
    überregional
    Buntes aus der Wissenschaft
    Deutsch


     

    Jan Wolter, Vorstand der DGKL


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