idw – Informationsdienst Wissenschaft

Nachrichten, Termine, Experten

Grafik: idw-Logo
idw-Abo

idw-News App:

AppStore

Google Play Store



Instanz:
Teilen: 
13.01.2026 13:03

Nicht nur toxisch, sondern auch Nährstoff: Guanidin als Stickstoffquelle

Susanne Hufe Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung - UFZ

    Guanidin ist eine chemische Verbindung, die zur Stoffgruppe der organischen Basen zählt und in der Forschung bisher vor allem als toxisches Reagenz zum Aufbrechen der Strukturen von Proteinen und Nukleinsäuren verwendet wird. Wissenschaftler:innen des UFZ haben nun gemeinsam mit Partnerinstitutionen in der Fachzeitschrift Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS) den Nachweis veröffentlicht, dass Cyanobakterien, die eine zentrale Rolle in globalen Stoffkreisläufen spielen, Guanidin als Stickstoffquelle nutzen. Die Forschenden beleuchten die dahinterliegenden Mechanismen sowie das Potenzial für ein neues Werkzeug für nachhaltige biotechnologische Anwendungen.

    Cyanobakterien sind ökologisch zentrale Akteure der globalen Kohlenstoff- und Stickstoffkreisläufe. Sie gewinnen aber auch zunehmend an Bedeutung für eine CO2-neutrale Biotechnologie. So könnten sie künftig als grüne Zellfabriken eingesetzt werden, für eine lichtgetriebene und nachhaltige Produktion von Chemikalien und Kraftstoffen – ein zentraler Baustein der nachhaltigen Bioökonomie.

    Bislang ist aber im Vergleich zu anderen Bakterien wie etwa Escherichia coli (E. coli) wenig darüber bekannt, wie Cyanobakterien auf Umwelt- und interne Signale reagieren, wie ihr Stoffwechsel koordiniert wird und wie diese Regulationsmechanismen genau funktionieren.

    Die vom UFZ gemeinsam mit der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg veröffentlichte Studie zeigt nun, dass Cyanobakterien das Molekül Guanidin (CH5N3) aktiv aufnehmen, abbauen und sogar als alleinige Stickstoffquelle nutzen können. Dies deutet darauf hin, dass freies Guanidin in natürlichen Lebensräumen verfügbar ist und die Fähigkeit, es zu verwerten, einen Vorteil für deren Besiedelung darstellt – obwohl Guanidin bisher vor allem als toxischer Stoff gilt.

    Zuvor war bereits bekannt, dass Guanidin in der Cyanobakterien-Zelle durch das Enzym Guanidin-Hydrolase in Ammonium und Harnstoff gespalten wird, die durch weitere Reaktionen in den Stoffwechsel einfließen. Die neu erforschten Aspekte umfassen die Aufnahme von Guanidin als Nährstoff über ein neu entdecktes ABC-Transportsystem. Dieses erkennt Guanidin mit hoher Affinität und kann auch bei geringsten Guanidin-Konzentrationen in der Umgebung einen Import in die Zelle gewährleisten. Zugleich schützt ein spezielles Transportsystem (Efflux-System), das Guanidin auch wieder hinaus befördern kann, die Zellen vor zu hohen und damit schädlichen Konzentrationen. Die für die Verwertung von Guanidin verantwortlichen Enzyme und Transportsysteme sind in Cyanobakterien weit verbreitet.

    „Die Studie zeigt, dass Guanidin ein integraler Bestandteil des Stickstoffmetabolismus ist und somit auch eine Rolle in den globalen Stoffkreisläufen der Natur spielen muss“, sagt PD Dr. Stephan Klähn, Molekular- und Mikrobiologe am UFZ und Koordinator der Studie. Die Wissenschaftler:innen hatten dafür Genomanalysen, Methoden der molekularen Mikrobiologie mit biochemischen Bindungsstudien und simulationsgestützten Prozessanalysen kombiniert.

    Ebenso wurde die Regulation des Guanidin-Stoffwechsels erforscht. Die Regulation der Gene für Guanidin-Transporter und -Hydrolasen erfolgt auf mehreren Ebenen, unter anderem durch einen RNA-Schalter (Riboswitch), der direkt auf Guanidin-Bindung reagiert. Diesen Mechanismus nutzen die Forschenden für die Biotechnologie: Der Riboswitch dient als präzise steuerbares Schaltelement, mit dem sich Genaktivitäten in Cyanobakterien durch Zugabe von Guanidin fein einstellen lassen. So entsteht ein molekulares Werkzeug für eine kostengünstige Steuerung biotechnologischer Produktionsprozesse, das sich für vielfältige Anwendungen in der synthetischen Biologie eignet.


    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    PD Dr. Stephan Klähn
    UFZ-Department Biotechnologie Solarer Materialien (SOMA)
    stephan.klaehn@ufz.de


    Originalpublikation:

    M. Amadeus Itzenhäuser, Andreas M. Enkerlin, Jan A. Dewald, Bihter Avşar, Ron Stauder, Hannes Halpick, Rosalie Schaale, Lisa M. Baumann, Noelia Fernandez Merayo, Thomas Maskow, Khaled A. Selim, Christina E. Weinberg, and Stephan Klähn: Deciphering guanidine assimilation and riboswitch-based gene regulation in cyanobacteria for synthetic biology applications, PNAS, https://doi.org/10.1073/pnas.2519335122


    Bilder

    Cyanobakterien nutzen die Photosynthese, um Lichtenergie in chemische Energie umzuwandeln – und gewinnen zunehmend an Bedeutung für eine CO2-neutrale Biotechnologie.
    Cyanobakterien nutzen die Photosynthese, um Lichtenergie in chemische Energie umzuwandeln – und gewi ...
    Quelle: André Künzelmann
    Copyright: André Künzelmann / UFZ


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Lehrer/Schüler, Studierende, Wirtschaftsvertreter, Wissenschaftler, jedermann
    Biologie, Umwelt / Ökologie, Wirtschaft
    überregional
    Forschungsergebnisse, Wissenschaftliche Publikationen
    Deutsch


     

    Cyanobakterien nutzen die Photosynthese, um Lichtenergie in chemische Energie umzuwandeln – und gewinnen zunehmend an Bedeutung für eine CO2-neutrale Biotechnologie.


    Zum Download

    x

    Hilfe

    Die Suche / Erweiterte Suche im idw-Archiv
    Verknüpfungen

    Sie können Suchbegriffe mit und, oder und / oder nicht verknüpfen, z. B. Philo nicht logie.

    Klammern

    Verknüpfungen können Sie mit Klammern voneinander trennen, z. B. (Philo nicht logie) oder (Psycho und logie).

    Wortgruppen

    Zusammenhängende Worte werden als Wortgruppe gesucht, wenn Sie sie in Anführungsstriche setzen, z. B. „Bundesrepublik Deutschland“.

    Auswahlkriterien

    Die Erweiterte Suche können Sie auch nutzen, ohne Suchbegriffe einzugeben. Sie orientiert sich dann an den Kriterien, die Sie ausgewählt haben (z. B. nach dem Land oder dem Sachgebiet).

    Haben Sie in einer Kategorie kein Kriterium ausgewählt, wird die gesamte Kategorie durchsucht (z.B. alle Sachgebiete oder alle Länder).