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14.01.2026 11:00

Neues Portal gibt der Debatte zu kolonialen Straßennamen Raum

Robert Emmerich Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Julius-Maximilians-Universität Würzburg

    Sollen koloniale Straßennamen in deutschen Städten geändert werden? Falls ja, welche Tendenzen gibt es? Bürgerinnen und Bürger können sich an diesen Debatten beteiligen. Ein neues Portal stellt den digitalen Raum dafür bereit.

    Zahlreiche Straßen in Deutschland tragen bis heute die Namen von Personen oder Ereignissen, die eng mit der Kolonialgeschichte verbunden sind. Häufig kommen zum Beispiel die Kolonialisten Adolf Lüderitz (1834-1886) und Carl Peters (1856-1918) vor. Die Petersallee in Berlin-Wedding gab es bis zum 23. August 2024, dem Tag der Erinnerung an den Sklavenhandel und dessen Abschaffung. Seitdem heißt ein Teil der Straße Anna-Mungunda-Allee, ein anderer Teil Maji-Maji-Allee.

    Vielerorts laufen solche Umbenennungsdiskurse oder sind bereits abgeschlossen, mancherorts kommen sie erst ins Rollen.

    Die Dokumentation der gegenwärtigen und historischen Umgangsformen mit der Kolonialvergangenheit übernimmt Dr. Verena Ebert, Forscherin am Lehrstuhl für deutsche Sprachwissenschaft der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. Dafür stellt sie ein Internetportal bereit, das den Diskurs um koloniale Straßennamen seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs bis heute ortsübergreifend aufbereitet.

    Als Datengrundlage dienen 500 koloniale Straßennamen aus 100 Städten zwischen dem Beginn der deutschen Kolonialepoche 1884 bis zum Ende des Dritten Reichs 1945.

    Eine Plattform mit umfassender Bürgerbeteiligung

    Wichtiger Teil des Projekts ist, Bürgerinnen und Bürger aktiv beim Aufbau der Text-Bild-Datenbank miteinzubeziehen. Seit Kurzem können sich Interessierte auf dem Portal einbringen: Welche kolonialen Straßennamen zur Aufarbeitung der deutschen Kolonialvergangenheit sind ihnen wichtig? Wie sollte mit ihnen umgegangen werden? Dabei können sie auch Beispiele aus der Vergangenheit beitragen.

    „Uns interessiert, welche Umgangsformen mit der kolonialen Erinnerungskultur die Beteiligten für gelungen oder misslungen halten“, so Projektleiterin Ebert. In Zukunft soll eine interaktive Karte für die vergangenen und gegenwärtigen Aushandlungsprozesse zur Verfügung stehen.

    „Spannend an dieser Form der Citizen Science ist, dass wir im Vorfeld nicht wissen, welche Akteursgruppen aus der Bevölkerung sich einbringen werden“, fährt die Sprachwissenschaftlerin fort. Denn das Portal richte sich an ein breites und diverses Publikum, das über die wissenschaftliche Öffentlichkeit hinaus die diversen Stadtgesellschaften von zivilgesellschaftlichen Initiativen bis hin zu Anwohnenden umfasst.

    Den Besucherinnen und Besuchern der Webseite steht es zudem offen, komplexe Suchanfragen einzugeben. Ein Beispiel: Es ist möglich, sich eine Übersicht aller Umgangsformen von historischen Straßenbenennungen zu Ehren eines spezifischen Kolonialisten seit 1945 anzeigen zu lassen.

    Keine Eingriffe in laufende Debatten

    Kommunen können sich ebenso in die Diskussion einbringen und profitieren: Das Portal ist ein Sammelbecken aus wissenschaftlichem Informationsangebot und der öffentlichen Meinung. „Dokumentierte Debatten aus anderen Städten können Kommunen als Orientierungshilfe im Umgang mit Straßennamen in kolonialen Kontexten dienen“, beschreibt Ebert.

    In aktive Debatten einzugreifen, steht nicht auf dem Plan des Projekts: „Dabei geht es uns selbst nicht um das adäquate Erinnern an Kolonialismus“, erklärt die Wissenschaftlerin. Vielmehr sollen die miteinander konkurrierenden Urteile aus der Sicht der Sprachwissenschaft aufgezeigt werden.

    Umbenennungen kolonialer Straßennamen seit dem Zweiten Weltkrieg

    Welche Tendenzen es bei Umbenennungen in der Bundesrepublik (BRD) und der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) gab, hat Dr. Verena Ebert bereits in einem Vorgängerprojekt analysiert, das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert wurde. „In der DDR wurden koloniale Straßennamen vom sozialistischen Regime sehr schnell getilgt. In der BRD setzten die Debatten erst in den 1980er-Jahren ein“, so die Linguistin.

    Erst in den letzten Jahren ging die Tendenz dahin, kolonialkritische Signale zu setzen und die Straßen beispielsweise nach antikolonialen sowie antirassistischen Widerstandskämpferinnen und Widerstandskämpfern zu benennen. So wie die ehemalige Petersallee in Berlin: Anna Mungunda (1932-1959) kämpfte gegen die Apartheid in Namibia an. „Maji-Maji“ galt als Schlachtruf im Widerstand gegen die deutsche Kolonialmacht im damaligen Deutsch-Ostafrika (heute Tansania, Burundi, Ruanda und Teile Mosambiks). Während dieses Konflikts von 1905 bis 1907 beteiligte sich unter anderem Carl Peters an Kolonialverbrechen.

    Förderung und technische Umsetzung

    Die DFG fördert das Projekt „Informieren, Dokumentieren, Beraten: Integrierte Namen-, Text- und Bilddatenbank über den Umgang mit kolonialen Straßennamen seit 1945 bis heute“ mit knapp 360.000 Euro. Die Laufzeit beträgt zwei Jahre. Kooperationspartner und für die technische Umsetzung des Portals verantwortlich ist das Zentrum für Philologie und Digitalität (ZPD) mit den Projektmitarbeitenden Corinna Keupp und Janik Haitz.


    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    Kontakt zur Projektleitung: zpd-umgang-kolstrn@uni-wuerzburg.de


    Weitere Informationen:

    https://umgang-kolstrn.kallimachos.de/ Zum Portal "Umgang mit kolonialen Straßennamen"


    Bilder

    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, jedermann
    Geschichte / Archäologie, Gesellschaft
    überregional
    Forschungsprojekte
    Deutsch


     

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