idw – Informationsdienst Wissenschaft

Nachrichten, Termine, Experten

Grafik: idw-Logo
idw-Abo

idw-News App:

AppStore

Google Play Store



Instanz:
Teilen: 
20.01.2026 11:00

Volle Mehrwertsteuer auf Fleisch: ein erster Schritt zum Einpreisen der Umweltschäden durch Ernährung

Ulrich von Lampe Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung

    Eine Studie des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) in Nature Food zeigt den ökologischen „Fußabdruck“ der Ernährung – und Politik-Optionen, über Preissignale gegenzusteuern. EU-weit stammen 23 Prozent der direkt und indirekt von privaten Haushalten verursachten Treibhausgas-Emissionen aus diesem Bereich. Beim Eintrag von Stickstoff- und Phosphorverbindungen in die Umwelt, beim Wasser- und Landverbrauch und bei der Gefährdung der Biodiversität hat die Ernährung sogar 56 bis 71 Prozent Anteil. Volle Mehrwertsteuer auf Fleisch kann die Umweltbelastungen aus Ernährung je nach Kategorie schnell um 3 bis 6 Prozent verkleinern, bei im Schnitt 26 Euro Kosten pro Haushalt und Jahr.

    Das Forschungsteam stützt sich auf repräsentative Erhebungen zu den Ausgaben der privaten Haushalte in den 27 EU-Staaten und auf ein etabliertes Input-Output-Modell. Dieses bildet die Wertschöpfungsketten ab, in denen die von den Haushalten gekauften Produkte entstehen, und beziffert auch die damit einhergehenden Belastungen für Klima und Ökosysteme. Durch die empirische Analyse der Konsummuster kann das Team auch Aussagen für Politik-Szenarien machen – in denen der Staat marktwirtschaftlich eingreift, um die Umweltbelastungen besser in den Produktpreisen abzubilden und dadurch zu reduzieren.

    „Aus ökonomischer Perspektive sollte man je nach Produkt die Umweltkosten, die bei der Herstellung entstehen, auf den Preis aufschlagen“, erklärt Charlotte Plinke, PIK-Forscherin und Autorin der Studie. „Das hieße, es wird umso teurer, je mehr CO₂ ausgestoßen wird. Eine solche Staffelung für die ungeheure Vielzahl von Nahrungsmitteln umzusetzen, ist sehr komplex und daher zumindest kurzfristig nicht praktikabel. Deshalb haben wir zunächst eine einfache und aktuell politisch diskutierte Variante untersucht: die Steuervergünstigungen auf Fleischprodukte aufzuheben.“

    Fast alle EU-Staaten bevorteilen den Fleischkonsum

    Bei dieser einfachen Variante geht es um die Mehrwertsteuer: Für im Laden gekaufte Lebensmittel gilt hier oft generell ein ermäßigter Satz, etwa in Deutschland 7 statt 19 Prozent. Im Jahr 2023 war in 22 der 27 EU-Staaten – im Vergleich zum normalen Satz – auch der Fleischkonsum steuerlich bevorteilt, der am Fußabdruck der Ernährung einen beträchtlichen Anteil hat, zum Beispiel bei den Treibhausgasen 28 Prozent.

    In der Modellrechnung zeigt sich: Wenn man die empirisch geschätzten Anpassungsreaktionen der privaten Haushalte berücksichtigt und wenn Fleisch dem normalen Mehrwertsteuersatz unterliegt, dann reduzieren sich die Umweltschäden durch Ernährung je nach Schadenskategorie um 3,48 bis 5,7 Prozent. Die durchschnittlichen Ernährungsausgaben je EU-Haushalt und Jahr liegen um 109 Euro höher. Und dagegen stehen Steuermehreinnahmen von 83 Euro je Haushalt – aus denen sich im Prinzip, etwa in Form einer Pro-Kopf-Zahlung, ein sozialer Ausgleich finanzieren ließe. Die Netto-Kosten würden dann also nur noch 26 Euro pro Haushalt und Jahr betragen.

    Reformvorschlag entspricht einem CO₂-Preis von 52 Euro

    In einem zweiten Schritt rechnet das Forschungsteam ein Szenario durch, in dem der Staat das ökonomisch konsequente Preissignal setzt: eine differenzierte Umweltsteuer auf Nahrungsmittel, und zwar ausgerichtet an dem mit der jeweiligen Produktion einhergehenden Treibhausgas-Ausstoß. Hier zeigt sich in der Modellrechnung: Ein genereller Preisaufschlag von etwa 52 Euro je Tonne CO₂-Äquivalent würde genauso viel ernährungsbedingte Treibhausgase vermeiden helfen wie das Ende der Mehrwertsteuer-Vergünstigung auf Fleisch. Zum Vergleich: Der CO₂-Preis für Sprit und Heizen in Deutschland, der 2028 in eine EU-weite Bepreisung übergeht, liegt aktuell bei 55 Euro je Tonne.

    „Ein derart umfassendes Preissignal würde die übrigen Umweltbelastungen, jenseits der Treibhausgase, noch etwas stärker reduzieren als das selektive Mehrwertsteuer-Preissignal bei Fleisch“, erläutert PIK-Forscher Michael Sureth, ein Autor der Studie. „Und vor allem lässt sich das umfassende Preissignal im Laufe der Zeit so verstärken, dass die Politik den Problemen, etwa der Klima- und Biodiversitätskrise, wirklich gerecht wird. Flankiert werden muss das natürlich über einen entsprechend starken sozialen Ausgleich durch Rückerstattung der Einnahmen. Die Netto-Kosten einer solchen differenzierten Umweltsteuer fallen dann auf 12 Euro pro Haushalt und Jahr. Das wird ein schwieriges, langfristiges Projekt, deshalb beschreibt unsere Studie auch die Option für einen schnellen ersten Schritt.“


    Originalpublikation:

    Plinke, C., Sureth, M., Kalkuhl, M. (2026): Environmental Impacts from European Food Consumption Can Be Reduced with Carbon Pricing or a Value-Added Tax Reform, Nature Food. [DOI: 10.1038/s43016-025-01284-y]
    https://www.nature.com/articles/s43016-025-01284-y


    Weitere Informationen:

    https://Zugehöriger Policy Brief:
    https://www.pik-potsdam.de/en/news/latest-news/files/pik-klimapolitikaktuell_nr1...


    Bilder

    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Wissenschaftler
    Ernährung / Gesundheit / Pflege, Meer / Klima, Politik, Umwelt / Ökologie, Wirtschaft
    überregional
    Forschungsergebnisse, Wissenschaftliche Publikationen
    Deutsch


     

    Hilfe

    Die Suche / Erweiterte Suche im idw-Archiv
    Verknüpfungen

    Sie können Suchbegriffe mit und, oder und / oder nicht verknüpfen, z. B. Philo nicht logie.

    Klammern

    Verknüpfungen können Sie mit Klammern voneinander trennen, z. B. (Philo nicht logie) oder (Psycho und logie).

    Wortgruppen

    Zusammenhängende Worte werden als Wortgruppe gesucht, wenn Sie sie in Anführungsstriche setzen, z. B. „Bundesrepublik Deutschland“.

    Auswahlkriterien

    Die Erweiterte Suche können Sie auch nutzen, ohne Suchbegriffe einzugeben. Sie orientiert sich dann an den Kriterien, die Sie ausgewählt haben (z. B. nach dem Land oder dem Sachgebiet).

    Haben Sie in einer Kategorie kein Kriterium ausgewählt, wird die gesamte Kategorie durchsucht (z.B. alle Sachgebiete oder alle Länder).