idw – Informationsdienst Wissenschaft

Nachrichten, Termine, Experten

Grafik: idw-Logo
idw-Abo

idw-News App:

AppStore

Google Play Store



Instanz:
Teilen: 
16.01.2026 10:39

Feinjustiert statt Vollgas: Wie Zellen Entzündungsreaktionen steuern

Dr. Sibylle Kohlstädt Strategische Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit
Deutsches Krebsforschungszentrum

    Entzündungen müssen schnell gegen Krankheitserreger wirken – dürfen aber nicht außer Kontrolle geraten. Wie der Organismus diesen Balanceakt meistert, haben Forschende vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) nun genauer entschlüsselt. Ihre Arbeit zeigt: Zellen nutzen zwei unterschiedliche Strategien, um Entzündungsgene exakt zu steuern und damit die Entzündungsreaktion präzise zu dosieren.

    Entzündungen spielen eine zentrale Rolle bei der Abwehr von Krankheitserregern, bei der Gewebereparatur und der Wundheilung. An einer Entzündungsreaktion ist eine Vielzahl von Genen beteiligt. Sie sorgen dafür, dass Botenstoffe freigesetzt, Immunzellen aktiviert und Blutgefäße durchlässiger werden. Die Aktivierung dieser Gene, die großenteils durch den Botenstoff Tumornekrosefaktor (TNF) gesteuert wird, ist ein ständiger Balanceakt für die Zelle: Fällt sie zu schwach aus, kann der Körper Infektionen nicht wirksam bekämpfen. Bei zu starker oder zu langer Aktivierung drohen chronische Entzündungen, Gewebeschäden, Autoimmunerkrankungen oder Krebs. Umso wichtiger ist es, dass Zellen die Entzündungsgene zeitlich genau und in der richtigen Stärke regulieren.

    Forschende des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) und der Universität Heidelberg haben nun gezeigt, dass Zellen dafür zwei unterschiedliche Strategien nutzen, die sie auch miteinander kombinieren. An menschlichen Gefäßzellen konnte das Team nachvollziehen, wie etwa 1500 verschiedene, durch TNF-induzierte Entzündungsgene nach einem Entzündungsreiz kontrolliert angeschaltet werden.

    Ein Teil dieser Gene wird über lockere, kurzlebige Kontakte im Erbgut reguliert. Über eine Art Schlaufenbildung der DNA kommen dabei das zu aktivierende Zielgen und entfernte regulatorische DNA-Abschnitte vorübergehend räumlich zusammen. Diese Kontakte sind nicht stabil und lösen sich schnell wieder auf. Sie ermöglichen eine fein abgestimmte und flexible Steuerung einzelner Gene, insbesondere solcher, die erst später oder nur in einem Teil der Zellen aktiviert werden.

    Daneben identifizierte das Heidelberger Team Schaltzentren im Zellkern. In diesen Bereichen docken viele steuernde Proteine, sogenannte Transkriptionsfaktoren, dicht beieinander an die DNA an. Die Entzündungsgene liegen dort oft nahe beieinander vor und werden gemeinsam aktiviert. Solche Schaltzentren erlauben eine schnelle, starke und koordinierte Aktivierung von Genen – ideal für eine rasche Entzündungsantwort, wenn der Körper unmittelbar reagieren muss.

    „Eine Entzündung wird nicht wie mit einem Kippschalter ein- und ausgeschaltet, sondern ist ein fein modulierter Prozess“, sagt Studienleiter Karsten Rippe vom DKFZ. „Durch das Zusammenspiel beider Mechanismen kann die Zelle Entzündungsreaktionen präzise starten, verstärken und später wieder dämpfen. Dabei ermöglichen die Schaltzentren eine schnelle Erstreaktion, während die lockeren Kontakte für eine gezielte Feinregulation im weiteren Verlauf sorgen.“

    Die Ergebnisse bilden eine wichtige Grundlage, um fehlgesteuerte Entzündungsprozesse besser zu verstehen – etwa bei chronischen Entzündungserkrankungen oder Krebs – und langfristig möglicherweise gezieltere therapeutische Ansätze zu entwickeln.

    Isabelle Seufert, Irene Gerosa, Vassiliki Varamogianni-Mamatsi, Anastasiya Vladimirova, Ezgi Sen, Stefanie Mantz, Anne Rademacher, Sabrina Schumacher, Panagiotis Liakopoulos, Petros Kolovos, Simon Anders, Jan-Philipp Mallm, Argyris Papantonis & Karsten Rippe:
    Two distinct chromatin modules regulate proinflammatory gene expression

    Nature Cell Biology 2025, https://doi.org/10.1038/s41556-025-01819-2

    Das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) ist mit mehr als 3.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die größte biomedizinische Forschungseinrichtung in Deutschland. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erforschen im DKFZ, wie Krebs entsteht, erfassen Krebsrisikofaktoren und suchen nach neuen Strategien, die verhindern, dass Menschen an Krebs erkranken. Sie entwickeln neue Methoden, mit denen Tumoren präziser diagnostiziert und Krebspatienten erfolgreicher behandelt werden können. Beim Krebsinformationsdienst (KID) des DKFZ erhalten Betroffene, Interessierte und Fachkreise individuelle Antworten auf alle Fragen zum Thema Krebs.

    Um vielversprechende Ansätze aus der Krebsforschung in die Klinik zu übertragen und so die Chancen von Patientinnen und Patienten zu verbessern, betreibt das DKFZ gemeinsam mit exzellenten Universitätskliniken und Forschungseinrichtungen in ganz Deutschland Translationszentren:

    Nationales Centrum für Tumorerkrankungen (NCT, 6 Standorte)
    Deutsches Konsortium für Translationale Krebsforschung (DKTK, 8 Standorte)
    Hopp-Kindertumorzentrum (KiTZ) Heidelberg
    Helmholtz-Institut für translationale Onkologie (HI-TRON) Mainz – ein Helmholtz-Institut des DKFZ
    DKFZ-Hector Krebsinstitut an der Universitätsmedizin Mannheim
    Nationales Krebspräventionszentrum (gemeinsam mit der Deutschen Krebshilfe)

    Das DKFZ wird zu 90 Prozent vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt und zu 10 Prozent vom Land Baden-Württemberg finanziert und ist Mitglied in der Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren.

    Ansprechpartner für die Presse:

    Dr. Sibylle Kohlstädt
    Pressesprecherin
    Strategische Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit
    Deutsches Krebsforschungszentrum
    Im Neuenheimer Feld 280
    69120 Heidelberg
    T: +49 6221 42 2843
    E-Mail: S.Kohlstaedt@dkfz.de
    E-Mail: presse@dkfz.de
    www.dkfz.de


    Originalpublikation:

    Isabelle Seufert, Irene Gerosa, Vassiliki Varamogianni-Mamatsi, Anastasiya Vladimirova, Ezgi Sen, Stefanie Mantz, Anne Rademacher, Sabrina Schumacher, Panagiotis Liakopoulos, Petros Kolovos, Simon Anders, Jan-Philipp Mallm, Argyris Papantonis & Karsten Rippe:
    Two distinct chromatin modules regulate proinflammatory gene expression
    Nature Cell Biology 2025, https://doi.org/10.1038/s41556-025-01819-2


    Bilder

    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten
    Biologie, Medizin
    überregional
    Forschungsergebnisse, Wissenschaftliche Publikationen
    Deutsch


     

    Hilfe

    Die Suche / Erweiterte Suche im idw-Archiv
    Verknüpfungen

    Sie können Suchbegriffe mit und, oder und / oder nicht verknüpfen, z. B. Philo nicht logie.

    Klammern

    Verknüpfungen können Sie mit Klammern voneinander trennen, z. B. (Philo nicht logie) oder (Psycho und logie).

    Wortgruppen

    Zusammenhängende Worte werden als Wortgruppe gesucht, wenn Sie sie in Anführungsstriche setzen, z. B. „Bundesrepublik Deutschland“.

    Auswahlkriterien

    Die Erweiterte Suche können Sie auch nutzen, ohne Suchbegriffe einzugeben. Sie orientiert sich dann an den Kriterien, die Sie ausgewählt haben (z. B. nach dem Land oder dem Sachgebiet).

    Haben Sie in einer Kategorie kein Kriterium ausgewählt, wird die gesamte Kategorie durchsucht (z.B. alle Sachgebiete oder alle Länder).