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19.01.2026 12:24

Radikalismus, Extremismus, Fundamentalismus

Linda Schädler Abteilung Kommunikation
Universität Mannheim

    Internationale Studie findet zahlreiche Gemeinsamkeiten – und gewisse Unterschiede

    Extremistische oder fundamentalistische Einstellungen bedrohen Demokratien und das friedliche Zusammenleben. Eine groß angelegte, systematische und länderübergreifende Studie zeichnet erstmals ein umfassendes Bild.

    Personen mit radikalen, extremistischen oder fundamentalistischen Einstellungen sind sich aus sozialwissenschaftlicher Perspektive in mancher Hinsicht ähnlich: Es sind meist jüngere und weniger gebildete Männer, die sich als nicht wichtig genug wahrgenommen fühlen. Das ist ein zentraler Befund eines Forschungsteams um Prof. Marc Helbling, Soziologe mit Schwerpunkt Migration und Integration an der Universität Mannheim und Vorstandsmitglied des Mannheimer Zentrums für Europäische Sozialforschung (MZES). Gemeinsam mit seiner MZES-Kollegin Nina Fadarkhan Osenbrügge und Dr. Sebastian Jungkunz (Universitäten Halle und Bamberg) hat Helbling erstmals in großem Maßstab systematisch Radikalismus, Extremismus und Fundamentalismus innerhalb Deutschlands und über verschiedene europäische Länder hinweg verglichen. „Mit neu entwickelten und validierten Messgrößen machen wir Gemeinsamkeiten und Unterschiede klarer sichtbar, können die Hintergründe dieser Strömungen besser nachvollziehen – und das macht es leichter, wirkungsvolle Präventions- und Gegenmaßnahmen zu entwickeln“, umreißt Marc Helbling die Relevanz der Studie.

    Anhand von Umfragedaten über 6.000 Befragter aus Deutschland, Großbritannien und den Niederlanden hat das Team untersucht, inwieweit radikale, extremistische und fundamentalistische Einstellungen durch ähnliche oder unterschiedliche Faktoren auf individueller Ebene erklärt werden können – und inwieweit diese Personen politische Gewalt befürworten. „In den soziodemografischen und soziopsychologischen Hintergründen von radikalen, extremistischen und fundamentalistischen Personen finden wir viele Gemeinsamkeiten“, erklärt Helbling. So handele es sich oftmals um jüngere Männer mit relativ niedriger Bildung, die zudem das Gefühl hätten, nicht wichtig genug genommen zu werden. Dieses gefühlte oder reale Bedeutungsdefizit könne beispielsweise durch Enttäuschung über die Politik, Marginalisierung innerhalb sozialer Gruppen, Erfahrungen mit Diskriminierung, oder auch Einkommensungleichheit entstehen. Die Folge seien mitunter Entfremdung, soziale Isolation, sowie eine wahrgenommene oder tatsächliche materielle und finanzielle Benachteiligung.

    Bei allen Gemeinsamkeiten findet das Forschungsteam aber auch Unterschiede: Frauen neigten zum Beispiel eher zu linkem Radikalismus als zu rechtem. Und während ältere Menschen allgemein weniger zu Fundamentalismus, Extremismus und auch Linksradikalismus neigten, seien sie nicht weniger rechtsradikal als Jüngere. Religiöse Menschen sind der Studie zufolge allgemein anfälliger für Radikalismus, Extremismus und Fundamentalismus. Das gelte gleichermaßen für Personen katholischen, protestantischen und muslimischen Glaubens. Eine Ausnahme bilde lediglich, dass Protestant*innen seltener linksradikal seien.

    Während laut der Studie zwischen vier und neun Prozent der Gesamtbevölkerung verschiedene Formen von politischer Gewalt unterstützen, sind es unter Rechts- wie auch Linksextremist*innen um die 60 Prozent. Unter religiösen Fundamentalist*innen sind es, unabhängig von der Konfession, nur zwischen 10 und 20 Prozent. „Es ist nur eine kleine Minderheit in allen untersuchten Gesellschaften, die Gewalt rechtfertigt. Und die wenigsten darunter wollen wohl auch selbst Gewalt ausüben. Aber auch die bloße Befürwortung von Gewalt kann diese legitimieren und so andere zur Gewaltanwendung ermutigen“, fasst Marc Helbling zusammen.

    Wer gilt als „radikal“, „extremistisch“ oder „fundamentalistisch“?
    Doch wann ist man eigentlich „radikal“, „extremistisch“ oder „fundamentalistisch“? Das Forschungsteam legt folgende wissenschaftliche Einordnungen zugrunde: Extremismus bezeichnet jede antidemokratische Haltung, die den Rechtsstaat in Frage stellt. Der religiöse Fundamentalismus teilt diese antidemokratischen Elemente, konzentriert sich jedoch auf religiöse Aspekte: Fundamentalist*innen glauben, dass es nur eine einzige Auslegung religiöser Regeln gibt, in der sie die unfehlbare Wahrheit über die Menschheit und die Göttlichkeit sehen. Im Gegensatz zum Extremismus akzeptiert der Radikalismus die prozedurale Demokratie, lehnt jedoch die Grundwerte der liberalen Demokratie ab. Rechtsradikale und Rechtsextremist*innen bekunden ihre Sympathie für ethnischen Nationalismus, Rassismus, und Sozialdarwinismus. Linksradikale und Linksextremist*innen erweitern den Gleichheitsgedanken bis zur Überlagerung der individuellen Freiheit und manifestieren sich in der Unterstützung von Sozialismus, Antifaschismus und der Ablehnung von Kapitalismus und Imperialismus.

    Die Studie „A comparison of individual needs and support of violence among radicals, extremists and fundamentalists in Western Europe“ ist kürzlich frei zugänglich in Humanities and Social Sciences Communications erschienen. Sie ging aus dem von Marc Helbling geleiteten und von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten MZES-Projekt „Politischer und religiöser Extremismus: Explizite und implizite Einstellungen messen und erklären“ hervor.

    Weitere Informationen und Kontakt:
    Helbling, Marc, Sebastian Jungkunz, Nina Osenbrügge (2025): A comparison of individual needs and support of violence among radicals, extremists and fundamentalists in Western Europe. Humanities and Social Sciences Communications, 12.
    http://dx.doi.org/10.1057/s41599-025-06295-5 (Open Access).
    MZES-Projekt: „Politischer und religiöser Extremismus: Explizite und implizite Einstellungen messen und erklären“ Helbling.

    Prof. Dr. Marc Helbling
    Vorstandsmitglied und Projektleiter des MZES
    Universität Mannheim
    Telefon: +49-621-181-3391
    E-Mail: marc.helbling@ uni-mannheim.de

    Nikolaus Hollermeier
    Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
    Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung (MZES)
    Universität Mannheim
    Telefon: +49-621-181-2839
    E-Mail: kommunikation@mzes.uni-mannheim.de
    www.mzes.uni-mannheim.de


    Originalpublikation:

    https://www.mzes.uni-mannheim.de/de/projekte/detail/politischer-und-religioeser-...


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    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten
    Gesellschaft, Politik
    überregional
    Forschungsergebnisse
    Deutsch


     

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