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20.01.2026 11:21

DFG-Senatskommission fordert stärkere Unterstützung für vielfältige Anbausysteme von Nutzpflanzen

Svenja Ronge Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG)

    Ziel: krisenfeste Landwirtschaft / Langfristige Forschung und neue politische Rahmenbedingungen notwendig / Hürden in der Praxis überwinden / Sechs konkrete Handlungsansätze für erfolgreichen Wandel

    Wie kann die deutsche Landwirtschaft nachhaltiger und widerstandsfähiger gegenüber externen Faktoren werden? Die Ständige Senatskommission zur Transformation von Agrar- und Ernährungssystemen (SKAE) der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) fordert in einer Stellungnahme stärkere politische Bemühungen zur Förderung von sogenannten diversifizierten Anbausystemen für Nutzpflanzen. Zudem plädieren die Wissenschaftler*innen für eine deutliche Ausweitung der Forschungsförderung, um langfristig die Effekte solcher Anbausysteme untersuchen und dadurch wissensbasierte Entscheidungen treffen zu können. Es ist die erste Stellungnahme der 2024 gegründeten und damit jüngsten Ständigen Senatskommission der DFG. Das Papier erscheint zeitgleich zur Grünen Woche, die aktuell in Berlin stattfindet.

    In den vergangenen Jahrzehnten haben sich in Deutschland vor allem pflanzliche Anbausysteme etabliert, die stark spezialisiert und wenig vielfältig sind. Ein Beispiel hierfür sind Monokulturen, in denen ausschließlich eine einzige Nutzpflanzenart auf großer Fläche und in nur kurzen zeitlichen Abständen (bei einjährigen Pflanzen) bzw. über mehrere Jahre hinweg (bei Dauerkulturen) angepflanzt wird. Solche Anbausysteme führen zwar zu deutlichen Produktionssteigerungen, bringen aber auch Risiken mit sich: Sie können sich nur bedingt an klimatische Veränderungen anpassen, führen zu einem Rückgang der biologischen Vielfalt und sind stark abhängig vom Einsatz von Betriebsmitteln wie Pflanzenschutzmitteln sowie von globalen Märkten.

    Ein diversifizierter Anbau, wie ihn die Kommission jetzt fordert, kann auf verschiedene Weise geschehen – zum Beispiel über längere Fruchtfolgen, was bedeutet, dass auf einer Ackerfläche jede einzelne Nutzpflanzenart in deutlich größerem zeitlichen Abstand angebaut wird. Dies kann den Boden verbessern und Schädlingsbefall bzw. Krankheiten reduzieren. Weitere Formen des diversifizierten Anbaus können Mischkulturen, Sortenmischungen oder Agroforstsysteme sein, in denen Elemente des Ackerbaus mit solchen der Forstwirtschaft kombiniert werden.

    „Klimawandel, rückläufige Biodiversität und wachsende Unsicherheiten in den globalen Märkten machen eine grundlegende Umsteuerung notwendig“, sagt DFG-Präsidentin Professorin Dr. Katja Becker. „Diversifizierte Anbausysteme verbinden bewährte landwirtschaftliche Praxis mit innovativen Ansätzen und leisten damit einen zentralen Beitrag zur Weiterentwicklung von Agrar- und Ernährungssystemen im Spannungsfeld zwischen Tradition und Zukunftsvision.“

    Nicht nur in der Praxis, sondern auch wissenschaftlich bestehe laut der Kommission großer Bedarf, die Potenziale diversifizierter Agrarsysteme systematisch zu untersuchen – etwa in Bezug auf Ertragssicherheit, Technik, ökologische Funktionen, Wirtschaftlichkeit und gesellschaftliche Akzeptanz. „Forschung kann helfen, Wissenslücken, kulturelle Hürden und Marktbarrieren zu überwinden“, sagt Professorin Dr. Annette Reineke von der Hochschule Geisenheim, Leiterin der SKAE-Arbeitsgruppe, die das Papier erarbeitet hat.

    Denn: Trotz der Vorteile und obwohl auch die Gemeinsame Agrarpolitik der Europäischen Union die Diversifizierung fördert, werden die entsprechenden Maßnahmen in Deutschland bislang nur begrenzt umgesetzt. Einer der Gründe hierfür ist, dass Landwirt*innen, die ihre Anbausysteme umstellen wollen, vor erheblichen Hürden stehen – fehlende Wertschöpfungsketten und mangelnde Anreize, hohe Investitionskosten und erhebliche Unklarheiten hinsichtlich der Leistungsfähigkeit gehören dazu. Hinzu kommen weitere Hemmnisse, zum Beispiel wenn Betrieben die passende Gerätetechnik fehlt oder es an regionalspezifischen Ansätzen mangelt. Daher sehen die Wissenschaftler*innen dringenden politischen Handlungsbedarf für bessere Anreizstrukturen, neue Wertschöpfungsketten und die Integration regionaler Besonderheiten.

    Konkret benennt die Kommission sechs Themenfelder, die für eine erfolgreiche Transformation hin zu widerstandsfähigen Anbausystemen von zentraler Bedeutung sind:

    Züchtung: Laut der Kommission müssen neue, robuste und standortangepasste Sorten für alternative Kulturen und Mischkulturen entwickelt werden. Darunter finden sich regional angepasste Kulturarten (Einkorn, Emmer), neue Getreidearten (Sorghum), Pseudogetreide (Quinoa, Amaranth) und Körnerleguminosen (Kichererbse, Linse, Soja), die potenziell besser an den Klimawandel angepasst sind und für die es bereits einen Markt in Deutschland gibt.

    Integrierte Systeme: Nach Einschätzung der Kommission können die Agroforstwirtschaft, mehrjährige Kulturen oder eine engere Verzahnung des Ackerbaus mit der Nutztierhaltung die Bodenfruchtbarkeit, Biodiversität und Ertragssicherheit verbessern.

    Umwelt-, Ressourcen- und Klimaschutz: Eine diversifizierte Landwirtschaft könne zudem ökologische Funktionen übernehmen und dazu führen, den Einsatz von Dünge- und Pflanzenschutzmitteln zu verringern und die Klimaresilienz zu erhöhen.

    Resilienz der Landwirtschaft: Mehr regionale Vielfalt reduziere globale Marktabhängigkeiten, stärke die Versorgungssicherheit und stabilisiere die regionale Wertschöpfung.

    Technische Innovation und Digitalisierung: Robotik, Künstliche Intelligenz und digitale Tools können eine völlig neue, kleinräumige und gezielte Bewirtschaftung und vielfältige Anbaustrukturen ermöglichen.

    Kosten-Nutzen-Analyse: Da eine nachhaltige und leistungsstarke Diversifizierung ihre Grenzen hat, müssten die ökonomischen und ökologischen Effekte jeweils standortbezogen bewertet werden.

    „Übergeordnetes Ziel ist ein anpassungsfähiges Anbausystem, das langfristig Krisensicherheit hinsichtlich der Versorgung mit Nahrungsmitteln und ökologische Nachhaltigkeit gewährleistet“, betont Professorin Dr. Doris Vetterlein vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ), Vorsitzende der Senatskommission. „Aus unserer Sicht sind jetzt Forschung, Politik und Marktakteure gefragt. Nur so kann der Wandel hin zu einer resilienteren, nachhaltigeren und zukunftsfähigeren Landwirtschaft gelingen.“

    Die Ständige Senatskommission Transformation von Agrar- und Ernährungssystemen

    Die Senatskommission wurde vom Senat der DFG zum 1. Januar 2024 eingerichtet. Der Schwerpunkt der Ständigen Senatskommission Transformation von Agrar- und Ernährungssystemen (SKAE) liegt in der Beratung verschiedener Zielgruppen aus Politik, Wissenschaft und Gesellschaft zu Entwicklungen, die im Zusammenhang mit anstehenden Transformationen in den Agrar- und Ernährungssystemen stehen. Die derzeit 18 Mitglieder der Senatskommission sind Wissenschaftler*innen aus verschiedenen Disziplinen der Agrar- und Ernährungswissenschaften sowie benachbarter Fachgebiete. Hinzu kommen Ständige Gäste aus verschiedenen deutschen Forschungsinstitutionen.


    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    Medienkontakt:
    Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der DFG, Tel. +49 228 885-2109, presse@dfg.de

    Fachliche Ansprechpersonen in der DFG-Geschäftsstelle:
    Dr. Paulin Wendler, Telefon: +49 228 885-3155, paulin.wendler@dfg.de
    Dr. Catherine Kistner, Telefon: +49 228 885-2803, catherine.kistner@dfg.de


    Originalpublikation:

    https://zenodo.org/records/18265759 Zum Positionspapier


    Weitere Informationen:

    https://www.dfg.de/de/ueber-uns/gremien/senat/agrar-ernaehrungssysteme Zur Senatskommission


    Bilder

    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Wissenschaftler
    Ernährung / Gesundheit / Pflege, Tier / Land / Forst, Umwelt / Ökologie
    überregional
    Wissenschaftliche Publikationen, Wissenschaftspolitik
    Deutsch


     

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