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26.01.2026 12:55

Sehr gut erhaltene Ameise in Goethes Bernstein

Sebastian Hollstein Abteilung Hochschulkommunikation/Bereich Presse und Information
Friedrich-Schiller-Universität Jena

    Forschende der Universität Jena untersuchen Sammlung des Dichterfürsten

    Auch rund 200 Jahre nach seinem Tod sorgt der Forscherdrang Johann Wolfgang von Goethes für neue wissenschaftliche Erkenntnisse. Das jedenfalls bewiesen nun Biologen der Friedrich-Schiller-Universität Jena, während sie die Bernstein-Sammlung des Weimarer Dichterfürsten genauer untersuchten. In einem der Stücke entdeckten sie das rund 40 Millionen Jahre alte Fossil einer Ameise, das dank seines guten Erhaltungszustands sowie umfangreicher Untersuchungen wertvolle Informationen über die Insektenart liefert. Über ihre Forschungsergebnisse berichten die Jenaer Wissenschaftler gemeinsam mit Experten von der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung und der Klassik Stiftung Weimar im Fachjournal „Scientific Reports“.

    Goethes Bernstein-Sammlung, die die Klassik Stiftung Weimar im Goethe-Nationalmuseum aufbewahrt, umfasst insgesamt 40 Stücke, die aus dem Ostseeraum stammen. In zwei von ihnen entdeckten die Jenaer Wissenschaftler insgesamt drei fossile Einschlüsse von Tieren. Vermutlich wusste der Dichter selbst nichts über den Millionen Jahre alten Inhalt der biologischen Zeitkapseln, denn für das ungeübte Auge sind die Tiere in den ungeschliffenen Steinen kaum zu erkennen. Um sie zweifelsfrei zu identifizieren, griff das Jenaer Team deshalb auf moderne Bildgebungsverfahren zurück. Sie durchleuchteten die vielversprechenden Bernstein-Stücke am Deutschen Elektronen-Synchrotron DESY in Hamburg mittels Synchrotron-Mikro-Computertomographie und erhielten so dreidimensionale Bilder einer Trauermücke, einer Kriebelmücke und einer Ameise.

    Blick ins Innere der Ameise

    Letztere stieß auf besonders großes Interesse der Jenaer Forscher. „Die Ameise gehört zur ausgestorbenen Art †Ctenobethylus goepperti (Mayr, 1868), die in Bernstein sehr häufig vorkommt“, erklärt Bernhard Bock vom Phyletischen Museum der Universität Jena. „Dank ihres guten Erhaltungszustands und der umfangreichen Untersuchungen konnten wir sie allerdings so detailliert beschreiben wie noch nie zuvor und neue Informationen über die Art und ihre Verwandtschaft gewinnen.“ Neben feinen Härchen am Körper der Arbeiter-Ameise konnten sie sogar erstmals in ihr Inneres blicken und endoskelettale Strukturen im Kopf- und Brustbereich sichtbar machen, die mehr über die Morphologie der Ameise verraten.

    „Wir haben das Exemplar komplett aufgearbeitet und dank der neu gewonnenen Informationen eine 3D-Rekonstruktion geschaffen, die online abrufbar ist“, sagt Daniel Tröger von der Universität Jena. „Dieses Modell hilft Kolleginnen und Kollegen weltweit dabei, weitere Fossilien dieser Art zu identifizieren und zu vergleichen.“

    Aus der Ähnlichkeit mit der heute etwa in Nordamerika oder in wärmeren Regionen Europas lebenden Ameisengattung Liometopum lassen sich Rückschlüsse auf die Lebensweise der ausgestorbenen Ameisen ziehen. Die Ameise aus Goethes Bernstein baute vermutlich große Nester in Bäumen, was auch erklären würde, warum sie so häufig in Bernstein zu finden sind.

    Goethe und Bernstein

    Johann Wolfgang von Goethe selbst interessierte sich zeitlebens wenig – und nur aufgrund möglicher optischer Eigenschaften – für Bernstein. So schliff er sich beispielsweise Linsen aus dem versteinerten Baumharz, um für seine Farbenlehre bestimmte Farbspektren beobachten zu können. Die systematische Erforschung des Materials und der damit verbundenen Fossilien begann zwar Mitte des 18. Jahrhunderts und erste Fachpublikationen finden sich auch in seiner Bibliothek, doch die Tragweite für seine Interessengebiete waren noch nicht abzusehen. „Goethe gilt als Begründer der Morphologie und wäre vermutlich begeistert davon gewesen, wie wir mit ganz neuen Methoden wertvolle Erkenntnisse auf diesem Gebiet gewinnen konnten“, sagt Bernhard Bock. „Gleichzeitig zeigen die Ergebnisse den Wert solch alter Sammlungen. Es ist schon faszinierend, dass ein Stück, das aus seiner Hand und Zeit stammt, in der diese Wissenschaft ihren Anfang nahm, uns heute noch so bereichern kann.“

    Das 3D-Modell ist online abrufbar unter: https://sketchfab.com/entomology_uni_jena/collections/goethe-amber-42b5252b3c5b4...


    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    Bernhard Bock
    Institut für Zoologie und Evolutionsforschung
    Phyletisches Museum
    Vor dem Neutor 1, 07743 Jena
    Tel.: 03641 949189
    E-Mail: bernhard-leopold.bock@uni-jena.de

    Daniel Tröger
    Institut für Zoologie und Evolutionsforschung
    Phyletisches Museum
    Vor dem Neutor 1, 07743 Jena
    Tel.: 3641 9-49149
    E-Mail: daniel.troeger@uni-jena.de


    Originalpublikation:

    Boudinot, B.E., Bock, B.L., Tröger, D. et al. Discovery of Goethe’s amber ant: its phylogenetic and evolutionary implications. Sci Rep (2026). https://doi.org/10.1038/s41598-026-36004-4


    Bilder

    Ameise im Bernstein: †Ctenobethylus goepperti (links im Stein) aus Goethes Sammlung.
    Ameise im Bernstein: †Ctenobethylus goepperti (links im Stein) aus Goethes Sammlung.
    Quelle: Bernhard Bock/Daniel Tröger

    3D-Rekonstruktion der Ameise und das Fossil im Original-Bernstein dahinter.
    3D-Rekonstruktion der Ameise und das Fossil im Original-Bernstein dahinter.

    Copyright: Bernhard Bock/Daniel Tröger


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Wissenschaftler
    Biologie, Informationstechnik
    überregional
    Forschungsergebnisse, Wissenschaftliche Publikationen
    Deutsch


     

    Ameise im Bernstein: †Ctenobethylus goepperti (links im Stein) aus Goethes Sammlung.


    Zum Download

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    3D-Rekonstruktion der Ameise und das Fossil im Original-Bernstein dahinter.


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