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28.01.2026 08:43

Parteipräferenz prägt die Einstellung der Menschen in Österreich stark

Thorsten Mohr Pressestelle der Universität des Saarlandes
Universität des Saarlandes

    Der Krieg in der Ukraine ist ein Thema, das polarisiert. Das gilt nicht nur für die politischen Akteure selbst, das gilt auch für ihre Anhänger. Martin Ulrich, Soziologe an der Universität des Saarlandes, hat auf Grundlage österreichischer Daten herausgearbeitet, dass die Österreicherinnen und Österreicher je nach Parteipräferenz deutliche Unterschiede in der Bewertung der Fragen machen, wie wichtig sie Frieden in Europa für die österreichische Politik finden und was sie von den Geflüchteten halten.

    Ebenso wie die Fronten im Ukraine-Krieg sich im Osten des Landes verfestigt haben, sind auch die Einstellungen der Menschen in Österreich verfestigt, je nachdem, welcher Partei sie sich zugehörig fühlen. Der Krieg im Osten Europas ist ein stark politisiertes und auch stark polarisierendes Thema im Alpenland. Wie in Deutschland auch, gibt es dort Parteien, die mit eindeutigen Positionen pro oder contra Russland oder die Ukraine den Krieg für ihren Erfolg nutzen möchten. Extrem rechte (FPÖ, MFG) und extrem linke Parteien (KPÖ) zeigen hierbei, ähnlich wie hierzulande rechts die AfD und links die Linke und das BSW, Verständnis für die russische Aggression. Die Parteien der Mitte sind bei dem Thema klar auf der Seite der Ukraine-Unterstützer zu finden.

    Doch wie prägt die Einstellung der Parteien die Einstellung ihrer Wählerinnen und Wähler? Das wollte Martin Ulrich, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Soziologie von Professor Martin Schröder, genauer wissen. Ihn interessierte insbesondere, wie wichtig den einzelnen Menschen das Thema Frieden in Europa ist und welche Einstellung sie gegenüber den geflüchteten Menschen aus der Ukraine haben. Dazu hat er sich Daten aus dem österreichischen Datensatz „Value in Crisis“ angeschaut, der vor und nach Beginn des Ukrainekrieges im Februar 2022 solche Daten erhoben hat.

    „In den Daten zeigt sich, dass ‚Sicherung des Friedens in Europa‘ nach den steigenden Preisen das zweitwichtigste politische Anliegen in Österreich ist“, erklärt Martin Ulrich. „Gleichzeitig offenbart sich aber eine deutliche Spaltung entlang parteipolitischer Linien. Anhänger der rechten FPÖ und der linken KPÖ messen dem Thema deutlich weniger Bedeutung bei als Wählerinnen und Wähler der Mitteparteien“, so Ulrich weiter. Beide Parteien lenken den Fokus ihrer Unterstützer viel mehr auf Themen, die ihrer Ideologie nahestehen, bei der FPÖ etwa Migration und Kriminalität, bei der KPÖ Armut und soziale Fragen. „Dadurch tritt der Krieg als politisches Hauptthema in den Hintergrund“, so die Schlussfolgerung von Martin Ulrich, der seine Studie jüngst im Fachmagazin European Politics and Society veröffentlicht hat

    Als zweite zentrale Forschungsfrage hat er auch untersucht, wie die Österreicherinnen und Österreicher zu ukrainischen Geflüchteten eingestellt sind. „Auch hier sehen wir, dass diese Einstellungen klar durch Parteipräferenzen beeinflusst werden“, so das Fazit von Martin Ulrich. Während ein großer Teil der Bevölkerung ukrainischen Flüchtlingen eher positiv gegenübersteht, zeigen die Anhänger der Rechtsparteien FPÖ und MFG überdurchschnittlich negative Haltungen. Dagegen sind Unterstützer der Grünen und der sozialdemokratischen SPÖ besonders aufgeschlossen den Ukrainerinnen und Ukrainern in ihrem Land gegenüber. „Überraschend ist, dass KPÖ Anhänger – anders als viele linke Parteien in anderen europäischen Ländern – keine signifikant positiveren Einstellungen den Geflüchteten gegenüber zeigen. Das legt nahe, dass sich kommunistische Parteien in diesem Aspekt von anderen linken Parteien unterscheiden“, konstatiert Martin Ulrich.

    Eine weitere interessante Erkenntnis aus der Studie ist die Tatsache, dass sich die jetzigen Ergebnisse, die sich in den Daten zeigen, bereits aus den Daten des Jahres 2021, also vor Beginn des Ukraine-Krieges, vorhersagen lassen können. „Das spricht dafür, dass die Befragten die Parteien nicht deswegen unterstützen, weil sie ihre Meinungen widerspiegeln, sondern dass die Parteien die Meinungen ihrer Unterstützer beeinflussen“, so Martin Ulrich. Sprich: Politische Parteien spielen ein Thema so lange in ihre gewünschte Richtung aus, bis ihre Anhänger ihre Position einnehmen. Gleichzeitig bestätigen die Daten aus Österreich die Annahme der Politikwissenschaft, dass Menschen politische Ereignisse häufig im Einklang mit ihrer Parteizugehörigkeit interpretieren.

    „Insgesamt zeigt die Studie, dass die Politisierung des Ukrainekriegs in Österreich klar bis in die Bevölkerung hineinwirkt. Unterschiedliche Parteibindungen führen nicht nur zu unterschiedlichen Politikwahrnehmungen, sondern auch zu spürbarer Polarisierung“, so der Soziologe Ulrich. „Damit wird sichtbar, wie sehr politische Konflikte, die auf Eliteebene sichtbar sind, durch parteipolitische Orientierung auch in der Gesellschaft verankert werden.“ Zwar wirkten weitere Faktoren wie persönliche Wertorientierungen, Mediennutzung oder die persönliche wirtschaftliche Lage ebenfalls auf die Einstellungen der Menschen ein, so der Wissenschaftler. „Dennoch zeigt die Studie eindrucksvoll, wie mächtig parteipolitische Signale sein können – insbesondere in Krisenzeiten, in denen Menschen nach Orientierung suchen.“


    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    Dr. Martin Ulrich
    Tel.: (0681) 3022322
    E-Mail: martin.ulrich@uni-saarland.de


    Originalpublikation:

    Ulrich, M. (2026). Party support impacts individual salience and attitudes. Studying the politicisation of the Ukraine war with Austrian panel survey data. European Politics and Society, Online first, 1–14. https://doi.org/10.1080/23745118.2026.2615460


    Bilder

    Dr. Martin Ulrich
    Dr. Martin Ulrich
    Quelle: Thorsten Mohr
    Copyright: Universität des Saarlandes/Thorsten Mohr


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten
    Gesellschaft, Politik
    regional
    Forschungsergebnisse, Wissenschaftliche Publikationen
    Deutsch


     

    Dr. Martin Ulrich


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