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29.01.2026 20:55

Was Eisangel-Wettbewerbe über menschliche Entscheidungen verraten

Nicole Siller Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Max-Planck-Institut für Bildungsforschung

    Ob beim Beeren sammeln, bei der Jagd oder beim Angeln – Menschen auf der Suche nach Nahrung treffen Entscheidungen nicht nur aus eigener Erfahrung, sondern auch mit Blick auf andere. Ein internationales Team des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung, dem Exzellenzcluster „Science of Intelligence” der TU Berlin und der Universität Ostfinnland in Joensuu hat in einer großangelegten Feldstudie mit finnischen Eisfischer*innen untersucht, wie soziale Informationen das Verhalten bei der Nahrungssuche beeinflussen. Die Ergebnisse sind nun im Fachjournal Science erschienen.

    Das internationale Forscherteam nutzte GPS-Uhren und tragbare Kameras, um das Verhalten von 74 erfahrenen Eisangler*innen bei Wettkämpfen in Ostfinnland zu beobachten. Bei insgesamt 477 Angeltripsauf zehn unterschiedlichen Seen erfassten sie mehr als 16.000 Entscheidungen, an welchem Ort geangelt und wann ein Standort verlassen wird. Mit diesen hochaufgelösten Bewegungs- und Kontextdaten erstellten die Forschenden computergestützte Modelle, um die zugrundeliegenden
    Entscheidungsprozesse zu verstehen.

    Soziale Information als Kompass – aber nicht immer
    Die Auswertung zeigt: Eisangler*innen kombinieren drei Arten von Informationen – persönliche Fangerfahrungen, Verhalten anderer Teilnehmender sowie ökologische Merkmale wie die Beschaffenheit des Seegrunds.

    „Ob Menschen sich eher auf andere oder auf sich selbst verlassen, hängt zu einem gewissen Grad von ihrem eigenen Erfolg ab“, sagt Erstautor Alexander Schakowski, Postdoktorand am Forschungsbereich Adaptive Rationalität des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung. Wer Fische fängt, verlässt sich eher auf sein eigenes Wissen; wer erfolglos bleibt, orientiert sich stärker an anderen Angelnden.

    Nach einem Fang suchen Angler*innen verstärkt in der direkten Umgebung („area-restricted search“). In Gebieten mit hoher Teilnehmerdichte verstärkt sich dieser Effekt. Die Entscheidung, einen Platz zu verlassen, folgt meist simplen Regeln: Jemand, der schon lange keinen Fisch mehr gefangen hat, wird eher weiterziehen.

    Unterschiede zwischen Alter und Geschlecht
    Teilnehmende unterschieden sich stabil darin, wie stark sie soziale Informationen nutzen und erfolglose Bereiche meiden. Beispielsweise verließen sich Frauen stärker auf soziale Informationen als Männer, während ältere Teilnehmende länger an Orten blieben und erfolglose Gebiete weniger mieden. Fischreiche Seen veranlassten Angelnde dazu, schneller den Standort zu wechseln.

    Bedeutung für Forschung und Praxis
    Die Herangehensweise – hochpräzise Feldmessungen kombiniert mit simulationsbasierten Entscheidungsmodellen – bietet zudem eine Blaupause für künftige Untersuchungen menschlicher Kognition unter realen Bedingungen. „Wir wollten raus aus dem Labor. Die in der kognitiven Psychologie üblicherweise verwendeten Methoden lassen sich nur schwer auf große, reale soziale Kontexte übertragen. Deshalb haben wir uns von Studien zum kollektiven Verhalten von Tieren inspirieren lassen, bei denen routinemäßig Kameras zur automatischen Aufzeichnung des Verhaltens und GPS zur kontinuierlichen Erfassung der Bewegungsdaten großer Tiergruppen eingesetzt werden“, sagt Projektleiter Ralf Kurvers. Er ist Senior Research Scientist am Forschungsbereich Adaptive Rationalität des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung und Principal Investigator am Exzellenzcluster „Science of Intelligence“ der TU Berlin.

    „Unsere Ergebnisse helfen uns nicht nur, das menschliches Suchverhalten in komplexen Umgebungen zu verstehen, sondern unsere Methode könnte auch im Ressourcen- und Naturschutzmanagement getestet werden – beispielsweise um zu verstehen, wie sich ‚Hotspots‘ bilden und wie eine Übernutzung – in diesem Fall Überfischung – möglicherweise verhindert werden kann“, ergänzt Co-Autor Raine Kortet, Professor für Gewässerökologie an der Universität Ostfinnland in Joensuu.

    Auf einen Blick:
    • Eisangel-Wettbewerbe als Modell für Entscheidungsforschung: Ein internationales Forschungsteam des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung, Exzellenzclusters „Science of Intelligence” der TU Berlin und der Universität Ostfinnland in Joensuu organisierte Eisangel-Wettbewerbe in Ostfinnland, um menschliche Entscheidungen zur Nahrungssuche in freier Natur zu untersuchen, inklusive Einfluss von sozialer Umgebung, persönlicher Erfahrung und Umweltinformationen.
    • Teilnehmende und Wettbewerbe: Insgesamt nahmen 74 erfahrene Eisangler*innen über zwei Jahre an zehn dreistündigen Wettbewerben auf zehn Seen in Ostfinnland teil; dabei wurden 477 individuelle Angeltripsund 16.055 Entscheidungen zu Angelplätzen erfasst.
    • Interaktion von persönlicher Erfahrung und sozialen Hinweisen: Erfolgreiche Angler*innen vertrauten stärker auf eigene Erfolge, während weniger erfolgreiche Teilnehmende die Präsenz anderer als Indikator für lohnende Plätze nutzten; Umweltinformationen hatten nur geringen Einfluss.
    • Regeln fürs Bleiben oder Weiterziehen: Die Entscheidung einen Angelplatz zu verlassen, hängt vor allem davon ab, wie lange man nichts fängt. Der erste Fang sorgt dafür, dass man länger bleibt. Sind viele andere Angler*innen da, bleibt man ebenfalls eher.


    Originalpublikation:

    Originalpublikation:
    Schakowski, A., Deffner, D., Kortet, R., Niemelä, P. T., Kavelaars, M. M., Monk, C. T., Pykälä, M., & Kurvers, R. H. J. M. (2026). High-precision tracking of human foragers reveals adaptive social information use in the wild. Science, 391(6784), Article eady1055. https://doi.org/10.1126/science.ady1055


    Weitere Informationen:

    https://github.com/aschakowski/Social-Foraging Daten und Code sind frei zugänglich unter:
    https://www.mpib-berlin.mpg.de/newsroom/meldung/ice-fishing Einen ausführlicheren Artikel zum Thema finden Sie auf unserer Webseite:


    Bilder

    Eisfischer beim Angeln
    Eisfischer beim Angeln

    Copyright: Marwa Kavelaars

    Eisfischer, ausgestattet mit Equipment
    Eisfischer, ausgestattet mit Equipment

    Copyright: Petri T. Niemelä


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten
    Psychologie, Umwelt / Ökologie
    überregional
    Forschungsergebnisse
    Deutsch


     

    Eisfischer beim Angeln


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