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04.02.2026 15:18

Studie der EvH Bochum belegt strukturelle Diskriminierung von Kurd_innen

Carmen Tomlik Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Evangelische Hochschule Bochum

    „Wir erfahren Diskriminierung – aber das bleibt unsichtbar.“ So beschreiben viele Münchner Kurd_innen ihre Lebensrealität. Sie sind fest verwurzelt in der Stadt und werden dennoch mit Abwertung und Ausgrenzung konfrontiert. Die Studie „Münchner Kurd_innen – (Un-)sichtbare Realitäten zwischen pluralen Zugehörigkeiten und multidimensionaler Diskriminierung“ macht erstmals systematisch sichtbar, wie tief rassistische Diskriminierung in den Alltag der rund 28000 Kurd_innen in München eingreift. Sie wurde im Auftrag der Fachstelle für Demokratie der Landeshauptstadt München erstellt und unter Leitung von Prof. Dr. Çinur Ghaderi von der Evangelischen Hochschule Bochum (EvH Bochum) durchgeführt.

    Methodisch verbindet die Studie quantitative und qualitative Zugänge: Eine standardisierte Befragung von über 200 Personen wird ergänzt durch 23 leitfadengestützte Einzelinterviews sowie neun Fokusgruppengespräche. So werden neben Zahlen und statistischen Befunden, auch Stimmen, individuelle Geschichten und Erfahrungen und aus dem Leben der Betroffenen sichtbar. Prof. Dr. Çinur Ghaderi, die an der EvH Bochum Psychologie lehrt, hat die Befragungen gemeinsam mit den wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen Mary Lam (Psychologin) und Monique Kaulertz (Sozialwissenschaftlerin) ausgewertet.

    Mehrdimensionale Diskriminierung

    Auf der umfangreichen Datenbasis erforschte das Team, wie Zugehörigkeit erlebt wird und wie Diskriminierung wirkt. Ein zentrales Ergebnis ist die hohe Verbreitung von Diskriminierungserfahrungen. „Die Ausgrenzung und Diffamierung ist leider allgegenwärtig: 86,7 Prozent berichteten in den letzten zwölf Monaten von diskriminierenden Erfahrungen – im öffentlichen Raum, im Bildungssystem, am Arbeitsplatz oder im Kontakt mit Behörden. Die Erlebnisse reichen von herabwürdigenden Kommentaren über strukturelle Benachteiligungen bis hin zu körperlichen Angriffen“, sagt Prof. Ghaderi, die sich bereits in früheren Arbeiten mit antikurdischem Rassismus in Deutschland befasst hat.

    Zugleich zeigt die Studie, dass Kurd_innen häufig mehrfacher Diskriminierung ausgesetzt sind und daher viele ihr Kurdischsein als mehrfach belastend erleben: Einerseits schildern sie rassistische Diskriminierung durch die Mehrheitsgesellschaft, die sie anhand ihres Aussehens oder Namens als „fremd“ einordnet, unabhängig davon, wie lange sie in Deutschland leben oder welchen Pass sie besitzen. „Dieser Eindruck gleicht sich mit den Diskriminierungserfahrungen anderer Migrant_innen“, erklärt Prof. Ghaderi. „Darüber hinaus erleben Kurd_innen aber auch häufig Rassismus und Diskriminierung durch Angehörige anderer Gruppen, etwa aufgrund historischer oder politischer Spannungen.“

    Viele der beschriebenen Anfeindungen gehen den Berichten der Befragten nach von Gruppen aus, die in den Herkunftsstaaten der Kurd_innen zur Mehrheitsgesellschaft gehören. „Hier machen sich Ressentiments gegenüber Kurd_innen bemerkbar, die in den jeweiligen Herkunftsstaaten eine lange Geschichte haben – ein Aspekt, auf den auch der Begriff ‚antikurdischer Rassismus‘ Bezug nimmt“ erklärt Ghaderi. Als besondere Bedrohung werden dabei ultranationalistische und extremistische Akteure wahrgenommen, sagt die Expertin: „Diese Konflikte werden von der Mehrheitsgesellschaft ohne entsprechendes Vorwissen nicht erkannt. Auch Behörden werten solche Fälle oft nicht als rassistische Übergriffe, sondern als allgemeine Konflikte unter Migrant_innen. Das wurde in unseren Befragungen vielfach kritisiert.“

    Stimmen aus der Community

    In den Interviews wird deutlich, welche psychosozialen Folgen die permanente Diskriminierung hat: Eine Befragte schildert, sie sage oft lieber, sie komme „einfach aus Syrien“, um Diskussionen zu vermeiden. Ein anderer Interviewpartner beschreibt, wie schmerzhaft es sei, gleichzeitig als Münchner aufgewachsen zu sein und sich dennoch ständig erklären zu müssen. Eltern berichten, dass sie ihren Kindern raten, die kurdische Identität nicht überall offen zu zeigen, etwa in der Schule oder im Sportverein – aus Angst vor Ablehnung, Ausgrenzung und Gewalt. Mehr als die Hälfte der Kurd_innen fühlt sich durch die Diskriminierungserfahrungen stressbelastet.

    Kurdisch, deutsch, beides und darüber hinaus?

    Ein weiteres Ergebnis der Studie betrifft die erlebte Identität: Vor allem jüngere Kurd_innen, die hier geboren und aufgewachsen sind, bezeichnen sich neben ‚kurdisch‘ auch als ‚deutsch‘. Eine Befragte beschreibt sich: „Ich sage immer: Ich bin ein Münchner Kindl und wir haben einen kurdischen Hintergrund“. Diese doppelte Selbstverortung steht jedoch in Spannung zur gesellschaftlichen Wahrnehmung: „Obwohl sie sich in München heimisch fühlen, erfahren viele Kurd_innen Abwertung aufgrund ihrer Herkunft – bis hin zu dem Vorwurf, mit Terrorismus in Verbindung zu stehen.“ Gleichzeitig fürchteten viele die Abschiebung in das Herkunftsland, aus dem die Familie einst vor Krieg, Gewalt und Unterdrückung geflohen war. Die Angst vor Abschiebung werde zusätzlich durch den wachsenden Einfluss rechtsextremer Kräfte in Deutschland verstärkt, erklärt Prof. Ghaderi.: „Für kurdische Menschen gibt es keine sicheren Herkunftsstaaten.“

    Empfehlungen für die Stadtgesellschaft

    Auf Grundlage der Ergebnisse formuliert die Studie konkrete Handlungsempfehlungen – von Sensibilisierungs- und Fortbildungsangeboten für Behörden, Lehrkräfte, Sozialarbeitende und Polizeikräfte über ein konsequentes Vorgehen gegen extremistische Netzwerke bis hin zur Stärkung zivilgesellschaftlicher Schutzräume, dem Ausbau kurdischsprachiger Beratungsangebote sowie der Schaffung von Empowerment-Räumen wie einem „Kurdischen Haus“ in München.

    Fazit

    Die Studie macht eindringlich klar: Diskriminierung ist keine Randerscheinung, sondern betrifft Kurd_innen in München in vielen Lebensbereichen und ist strukturell verankert. Ihre Forderungen nach Anerkennung und Schutz verdienen Sichtbarkeit – in Politik, Verwaltung und Gesellschaft. Die bisherige Resonanz auf die Studienergebnisse zeigt zugleich die große Bereitschaft, das Ausmaß ernst zu nehmen und Veränderungen anzustoßen – auch mit dem Ziel, Kurd_innen, die oftmals aus Gründen politischer Verfolgung und Krieg nach Deutschland gekommen sind, teils als Geflüchtete mit traumatischen Erlebnissen ein besseres Sicherheitsgefühl zu vermitteln und ihre Erfahrungen von Ausgrenzung und Rassismus sichtbar zu machen.

    Die Studie bezieht sich auf München, doch die Befunde weisen auf übertragbare Mechanismen, die auch in anderen Städten und Kommunen und auch in Bezug auf andere minorisierte Gruppen wirksam sein dürften. Denn, so Prof. Ghaderi, die Untersuchung zeigt, wie lokale Diskriminierungserfahrungen mit transnationalen Gewalt- und Konfliktverhältnissen verwoben sind. In postmigrantischen Gesellschaften treffen Menschen aufeinander, deren Beziehungen durch historisch gewachsene Gewalt- und Machtverhältnisse geprägt sind. Diese wirken – oft unsichtbar für die Mehrheitsgesellschaft, aber hochwirksam für die Betroffenen unmittelbar in ihr Leben hinein. Schweigen und Silencing tragen dazu bei, diese Verhältnisse zu stabilisieren.

    Daher ist das Wissen um diese Zusammenhänge und das Wirken politischer Maßnahmen gegen Rassismus eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, so Prof. Dr. Çinur Ghaderi: „Wir müssen kontinuierlich Wissen über Geschichte und Erfahrungen aufbauen und die Sichtbarkeit und Sensibilisierung steigern, um den Zusammenhalt in einer vielfältigen, postmigrantischen Gesellschaft zu stärken – nicht nur in München, sondern bundesweit. Unsere Studie ist ein Beitrag dazu.“


    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    Prof. Dr. Çinur Ghaderi
    0234 36901-279
    ghaderi@evh-bochum.de


    Originalpublikation:

    Die vollständige Studie sowie einen Kurzbericht finden Sie hier auf dem Portal der Landeshauptstadt München zum Download: https://stadt.muenchen.de/infos/wissenschaftlichestudien.html


    Weitere Informationen:

    https://www.sueddeutsche.de/muenchen/kurden-in-muenchen-diskriminierung-studie-l...


    Bilder

    Prof. Dr. Çinur Ghaderi von der EvH Bochum (Mitte) macht in ihrer Studie die Diskriminierungserfahrungen kurdischer Menschen systematisch sichtbar.  Hier mit Dr. Miriam Heigl (Fachstelle für Demokratie) und Monique Kaulertz (Sozialwissenschaftlerin).
    Prof. Dr. Çinur Ghaderi von der EvH Bochum (Mitte) macht in ihrer Studie die Diskriminierungserfahru ...

    Copyright: © Fachstelle für Demokratie


    Anhang
    attachment icon Münchner Kurd_innen – (Un-)sichtbare Realitäten zwischen pluralen Zugehörigkeiten und multidimensionaler Diskriminierung

    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten
    Gesellschaft, Kulturwissenschaften, Politik, Psychologie
    überregional
    Forschungsergebnisse
    Deutsch


     

    Prof. Dr. Çinur Ghaderi von der EvH Bochum (Mitte) macht in ihrer Studie die Diskriminierungserfahrungen kurdischer Menschen systematisch sichtbar. Hier mit Dr. Miriam Heigl (Fachstelle für Demokratie) und Monique Kaulertz (Sozialwissenschaftlerin).


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