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13.02.2026 15:43

Endlich die Spielregeln verstanden: Wie der gemeinsame Verteidigungsmechanismus zweier Bakterien funktioniert

Dr. Michael Ramm Pressestelle
Leibniz-Institut für Naturstoff-Forschung und Infektionsbiologie - Hans-Knöll-Institut (Leibniz-HKI)

    Kooperation gibt es bei Brettspielen, Forschenden und Bakterien. In enger und
    lokaler Zusammenarbeit entschlüsselten Wissenschaftler*innen, wie sich zwei
    Bakterienarten verbünden, um nicht gefressen zu werden.

    Bereits 2021 zeigte Pierre Stallforth mit seinem Team vom Leibniz-Institut für
    Naturstoff-Forschung und Infektionsbiologie (Leibniz-HKI), dass sich Bakterien
    der Gattungen Pseudomonas und Paenibacillus zusammentun, um sich so
    gemeinsam vor ihrem Fressfeind, einer Amöbe, zu schützen. Nun konnte ein von
    Pierre Stallforth, Ute Hellmich und Markus Lakemeyer geleitetes Team zeigen,
    wie dieser Verteidigungsmechanismus genau aussieht. Die Studie wurde im
    Exzellenzcluster Balance of the Microverse der Universität Jena durchgeführt
    und erschien soeben im renommierten Fachjournal JACS.

    Analyse auf molekularer Ebene

    Die Kooperation der beiden Bakterien Pseudomonas sp. SZ40 und Paenibacillus
    sp. SZ31 beruht auf einem Naturstoff, einem Lipopeptid namens Syringafactin.
    Es wird von Pseudomonas produziert, jedoch erst durch eine von Paenibacillus
    verursachte Modifikation für die Amöbe gefährlich. Paenibacillus spaltet das
    Lipopeptid an einer ungewöhnlichen Stelle mittels zweier besonderer Enzyme,
    sogenannten DL-Peptidasen. Dabei entsteht aus dem Syringafactin ein für die
    Amöbe toxischer Stoff.

    „Für mich war es sehr spannend, den Mechanismus zu verstehen, mit dem die
    besondere Stoffklasse der DL-Lipopeptide gespalten wird und wie das in der
    Interaktion von Mikroben nutzbar wird“, berichtet Hellmich. Denn das
    Besondere an diesen Naturstoffen ist ihre ungewöhnliche Angriffsstelle in der
    räumlichen Struktur der Lipopeptide. „Aminosäuren sind in der Natur
    normalerweise L-konfiguriert und deswegen sind die meisten Enzyme auch
    darauf spezialisiert, diese Variante zu spalten“, erzählt Stallforth. D- und LFormen
    unterscheiden sich nur in ihrer Symmetrie, es sind spiegelbildliche
    Moleküle, ihre Atomzusammensetzung ist gleich. „Das heißt, für viele
    Analysenmethoden sehen beide Moleküle gleich aus, auch wenn wir natürlich
    wissen, dass es einen Riesenunterschied macht, ob wir die linke oder die rechte
    Hand nehmen“, illustriert Hellmich.

    Multifunktionale Spielmechanik

    Bei dieser Modifikation handele es sich nicht um einen Einzelfall, sondern es
    scheine ein genereller, wenn auch sehr spezifischer Mechanismus zu sein, so
    Stallforth. „Diese Enzyme sind so interessant, weil wir mit ihnen auch die
    Struktur komplexer Naturstoffe aufklären können, indem wir sie ganz selektiv in
    kleinere Fragmente unterteilen.“ „Und das erleichtert uns und anderen Gruppen
    in Zukunft die Analyse neuer Naturstoffe“, ergänzt Lakemeyer. Eine große Hilfe
    für die Entwicklung neuer Naturstoff-basierter Antiinfektiva.

    Ein Traum

    Wie die Bakterien, so arbeitete auch das Forschungsteam ganz organisch
    zusammen, wie Hellmich schwärmt. So, wie eine einzelne Bakterienart nicht
    gegen die Amöbe ankommt, brauchen auch die Forschenden Zusammenarbeit
    und Interdisziplinarität. „Einzeln hätte niemand von uns diese Fragestellung in
    dieser Art und Weise bearbeiten können“, beschreibt Hellmich die Situation.
    „Hier in Jena konnten wir von den kleinen Naturstoffen über Proteinstrukturen in
    Zellen bis in den ökologischen Kontext gehen und hatten auch noch eine
    Anwendung in der Biotechnologie.“ Das sei einzigartig. „So etwas wie in Jena
    habe ich an keinem anderen Standort erlebt“, ergänzt Lakemeyer. „Es macht
    einfach Spaß, wenn man aus verschiedenen Blickwinkeln auf das gleiche Problem
    schauen kann und dann auch noch tolle Kollegen hat.“

    Die Studie war eine Kooperation des Leibniz-HKI mit den Universitäten Jena und
    Würzburg. Beteiligte Forschungsverbünde waren der Exzellenzcluster Balance of
    the Microverse und der Sonderforschungsbereich ChemBioSys.

    Besonders in der lokalen Zusammenarbeit zeigte sich die reizvolle Dynamik eines
    Spiels am Tisch statt der digitalen Version denn: „Da kann man sich auch mal
    sonntags gemeinsam ins Café setzen und sagen ‚Wir müssen jetzt die Daten
    analysieren“, beschreibt Lakemeyer seine Begeisterung für die kollegiale
    Zusammenarbeit der Forschenden in Jena.

    Das Team und die Förderer

    An der Arbeit waren folgende Forscherinnen und Forscher beteiligt:

    Shuaibing Zhang, Ying Huang, Kevin Schlabach, Mai Anh Tran, Raed Nachawati,
    Anna Komor, Christian Hertweck und Pierre Stallforth vom Leibniz-HKI,

    Markus Lakemeyer und Ute Hellmich von der Friedrich-Schiller-Universität Jena,

    Nicole Bader und Hermann Schindelin von der Julius-Maximilian-Universität
    Würzburg.

    Die Studie wurde außerdem unterstützt von der Werner-Siemens-Stiftung, dem
    Exzellenzcluster Balance of the Microverse und dem Sonderforschungsbereich
    ChemBioSys.

    Originalpublikation

    Zhang S, Huang Y, Schlabach K, Tran M A, Nachawati R, Bader N, Komor A J,
    Hertweck C, Schindelin H, Lakemeyer M,*Hellmich U A,*and Stallforth P* (2026)
    Microbial DL-Peptidases Enable Predator Defense and Facilitate Structure
    Elucidation of Complex Natural Products. JACS.
    https://doi.org/10.1021/jacs.5c17955
    *corresponding authors


    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    Prof. Dr. Pierre Stallforth
    Abteilungsleiter Paläobiotechnologie
    pierre.stallforth@leibniz-hki.de
    https://www.leibniz-hki.de/de/palaeobiotechnologie.html


    Originalpublikation:

    Zhang S, Huang Y, Schlabach K, Tran M A, Nachawati R, Bader N, Komor A J,
    Hertweck C, Schindelin H, Lakemeyer M,*Hellmich U A,*and Stallforth P* (2026)
    Microbial DL-Peptidases Enable Predator Defense and Facilitate Structure
    Elucidation of Complex Natural Products. JACS.
    https://doi.org/10.1021/jacs.5c17955


    Bilder

    Mittels MALDI sichtbar gemacht: In Blau zeigt sich das von Pseudomonas syringae SZ57 produzierte Lipopeptid Syringafactin, in Grün das bereits durch Paenibacillus sp. SZ31 veränderte und nun für Amöben toxische Lipopeptid.
    Mittels MALDI sichtbar gemacht: In Blau zeigt sich das von Pseudomonas syringae SZ57 produzierte Lip ...

    Copyright: Leibniz-HKI


    Anhang
    attachment icon PM Endlich die Spielregeln verstanden - PDF

    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten
    Biologie, Medizin
    überregional
    Forschungsergebnisse, Wissenschaftliche Publikationen
    Deutsch


     

    Mittels MALDI sichtbar gemacht: In Blau zeigt sich das von Pseudomonas syringae SZ57 produzierte Lipopeptid Syringafactin, in Grün das bereits durch Paenibacillus sp. SZ31 veränderte und nun für Amöben toxische Lipopeptid.


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