Forschende der Frankfurt UAS stellen gemeinsam in einem internationalen Autorenteam zehn zentrale Lehren vor.
Wie können Städte schneller, gerechter und wirksamer auf Klimawandel und Nachhaltigkeitskrisen reagieren? Weltweit setzen Kommunen zunehmend auf urbane Experimente – etwa temporäre Straßenumgestaltungen, Mobilitätstests, Reallabore für Kreislaufwirtschaft oder Erprobungen im Energiebereich. Doch viele dieser Ansätze bleiben isoliert, zeitlich begrenzt oder unklar in ihren weiteren Wirkungen, sobald Projektförderungen enden. Eine neue internationale Studie, die von Forschenden der Frankfurt University of Applied Sciences (Frankfurt UAS) und Kolleginnen aus Australien, Schweden, Großbritannien, und den Niederlanden veröffentlicht wurde1, zeigt nun, woran das liegt – und wie urbane Experimente zu einem dauerhaften Instrument nachhaltiger Stadtentwicklung werden können. An der Veröffentlichung der Studie mit dem Titel „The future of urban experimentation through ten critical lessons from decades of practice“ ist seitens der Frankfurt UAS Prof. Dr. Timo von Wirth, Professor für Nachhaltigkeit mit seinem Arbeitsschwerpunkt Transformation und Experimentelle Governance beteiligt.
Die Forschenden analysierten rund 2.000 urbane Experimente aus unterschiedlichen Weltregionen und identifizierten zehn zentrale Lehren, die erklären, warum manche Experimente langfristige Wirkung entfalten, während andere folgenlos bleiben. Im Zentrum der Analyse stehen dabei drei Fragen: Wie werden urbane Experimente gestaltet und ausgewertet? Welche Rolle spielen Machtverhältnisse und Entscheidungsstrukturen? Und unter welchen Bedingungen tragen Experimente zu nachhaltigem, strukturellem Wandel bei?
Die zentrale Erkenntnis: Urbanes Experimentieren sollte nicht länger als Rand- oder Pilotaktivität verstanden werden. Stattdessen müsse es als dauerhafte Governance-Praxis etabliert werden – eingebettet in kommunale Planungs-, Entscheidungs- und Lernprozesse und getragen von langfristigen, sektorübergreifenden Strukturen.
„Viele Städte experimentieren bereits heute – aber oft ohne langfristige Lernstrategie und ohne klare Verankerung in politischen Entscheidungsprozessen“, so Prof. Dr. Timo von Wirth. „Unsere Forschung zeigt, dass Experimente dann wirksam werden, wenn sie nicht als Ausnahme, sondern als normaler Bestandteil von Governance und kommunaler Zukunftsgestaltung verstanden werden.“ Für die Bevölkerung sind diese Fragen von unmittelbarer Bedeutung, da urbane Experimente zahlreiche Bereiche des Alltags betreffen – von Mobilität, Wohnen und Energieversorgung über Grün- und Freiräume bis hin zu Klimaresilienz und Ernährungssystemen. Der Perspektiven-Artikel zeigt: Gut gestaltete und verantwortungsvoll gesteuerte Experimente können zu inklusiveren, lebenswerteren und nachhaltigeren Städten beitragen. Fehlt jedoch eine geeignete Expertise zur Durchführung und Einbettung der Experimente, so besteht die Gefahr, dass soziale Ungleichheiten verstärkt, öffentliche Mittel ineffizient eingesetzt oder lediglich symbolische Veränderungen erzielt werden.
Zehn Lehren für erfolgreiches urbanes Experimentieren
Die Studie formuliert zehn Lehren, die Städten, Verwaltungen und politischen Entscheidungsträger*innen als Orientierungsrahmen dienen können, um urbane Experimente strategischer und wirksamer zu gestalten:
• Soziale, kulturelle, technische und ökologische Dimensionen integriert denken.
• Sektorübergreifendes Lernen gezielt fördern.
• Fachliche Expertise und Wissen aus der Zivilgesellschaft ausgewogen einbinden.
• Die politische Dimension von Experimenten offen anerkennen.
• Dominante Perspektiven des Globalen Nordens kritisch hinterfragen.
• Mit der Konflikthaftigkeit kollaborativer Lernprozesse bewusst umgehen.
• Formale und informelle Governance-Ansätze miteinander verbinden.
• Differenzierte und vielfältige Ansätze zur Skalierung der Erprobungen verfolgen.
• Experimentieren als dauerhafte Governance-Praxis begreifen.
• Die Fixierung auf projektgebundenes Arbeiten überwinden.
Die publizierten Ergebnisse sind eng mit der Innovationsprofessur von Prof. Dr. Timo von Wirth verknüpft, der er im Zuge des Karriereprogramms PROFfm der Hochschule nachgeht. Im Rahmen seines Innovationsvorhabens EGONET (Experimental Governance for Climate-Neutral Cities) erforscht er dabei unter anderem neue Formen der Steuerung des Gemeinwohls, um einen Beitrag zur Klimaneutralität von Städten zu leisten. Im Fokus stehen dabei soziale Innovationen wie temporäre Erprobungen – darunter etwa Straßenexperimente zur gerechteren Raumnutzung, Testfelder für autonomes Fahren oder Reallabore für urbane Kreislaufwirtschaft. Diese Ansätze eignen sich, um gemeinsam mit Praxispartnern und der Zivilgesellschaft neue Lösungswege zu erproben, Lernprozesse zu ermöglichen und langwierige Planungsverfahren sinnvoll zu ergänzen und zu beschleunigen.
Die Publikation liefert hierfür einen wichtigen Bezugsrahmen. Ihre zehn Lehren dienen als diagnostisches Instrument, um Stärken, Schwächen und ungenutzte Potenziale urbaner Experimente sichtbar zu machen. Sie richten sich nicht nur an Städte, sondern auch an Landes-, Bundes- und europäische Steuerungsebenen. Diese könnten eine stärkere Rolle übernehmen, indem sie nicht nur Experimente fördern, sondern auch den systematischen Austausch zwischen Städten und Regionen unterstützen, Lernprozesse institutionalisieren und die wiederholte Neuerfindung bereits erprobter Lösungen vermeiden.
Weitere Informationen zum Innovationsvorhaben von Prof. Dr. Timo von Wirth finden sich unter http://www.frankfurt-university.de/index.php?id=15413.
Zur Person Prof. Dr. Timo von Wirth
Timo von Wirth hat ein Studium der Wirtschaftsgeographie, Volkswirtschaftslehre und Geographie an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) Aachen absolviert. 2014 promovierte er an der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich am Institut für Umweltentscheidungen zum Thema „Places in transformation: Integrating residents’ perspectives and spatial characteristics into the assessment of urban quality of life“, und war dann als PostDoc-Wissenschaftler am ETH Zürich TdLab mit Forschung zur Akzeptanz dezentraler Energieverbundsysteme tätig. Seit Januar 2017 war er als leitender Wissenschaftler und Assistenzprofessor am Dutch Research Institute for Transitions (DRIFT) der Erasmus Universität Rotterdam beschäftigt und verantwortete dort die Forschung zu ‚Urban Transitions‘. Seit 2023 lehrt und forscht Prof. von Wirth an der Frankfurt UAS, wo er die Nachhaltigkeitsprofessur am Fachbereich 3 innehat.
Kontakt: Frankfurt University of Applied Sciences, Fachbereich 3: Wirtschaft und Recht, Prof. Dr. Timo von Wirth, Telefon: +49 69 1533-2992, E-Mail: vonwirth@fra-uas.de
Weitere Informationen zum Fachbereich Wirtschaft und Recht der Frankfurt UAS unter http://www.frankfurt-university.de/fb3.
[1]: Die Studie „The future of urban experimentation through ten critical lessons from decades of practice“ wurde in Nature Cities (https://www.nature.com/articles/s44284-026-00398-z) veröffentlicht.
https://www.nature.com/articles/s44284-026-00398-z
Die Studie, an der Prof. Dr. Timo von Wirth von der Frankfurt UAS beteiligt ist, zeigt, wie urbane E ...
Quelle: Frankfurt UAS
Merkmale dieser Pressemitteilung:
Journalisten, jedermann
Bauwesen / Architektur, Gesellschaft, Umwelt / Ökologie, Verkehr / Transport, Wirtschaft
überregional
Forschungsergebnisse
Deutsch

Die Studie, an der Prof. Dr. Timo von Wirth von der Frankfurt UAS beteiligt ist, zeigt, wie urbane E ...
Quelle: Frankfurt UAS
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