Die Erzählung vom arbeitsunwilligen Arbeitslosen ist empirisch kaum haltbar, erfüllt aber eine politische Funktion: Sie legitimiert restriktive Reformen, individualisiert strukturelle Arbeitsmarktprobleme und verstärkt Stigmatisierung. Das zeigt eine Analyse von Institut für Arbeit (iaw).
„Die empirischen Befunde zeichnen ein deutlich differenzierteres Bild als die öffentliche Debatte“, hebt Dr. René Böhme vom Institut Arbeit und Wirtschaft (iaw) der Uni Bremen hervor. Von rund 5,7 Millionen Bürgergeldbeziehenden im Dezember 2024 waren 1,7 Millionen nicht erwerbsfähig, vor allem Kinder und Jugendliche. Rund 825.000 Personen gingen einer Erwerbstätigkeit nach und bezogen ergänzende Leistungen. Von den 3,1 Millionen erwerbsfähigen Leistungsberechtigten galten lediglich etwa 1,8 Millionen offiziell als arbeitslos. Der Anteil sogenannter Totalverweigerer lag nach Zahlen der Bundesagentur für Arbeit bei 0,4 Prozent.
Lediglich 1,8 Millionen gelten offiziell als arbeitslos
Zugleich weisen große Teile der erwerbsfähigen Leistungsberechtigten nach Darstellung der Forschenden strukturelle Vermittlungshemmnisse auf. 44 Prozent sind von mindestens einem statistisch erfassten Hemmnis betroffen, weitere 44 Prozent von mehreren gleichzeitig. Hierzu zählten Langzeitarbeitslosigkeit, fehlende Berufsabschlüsse, gesundheitliche Einschränkungen, höheres Alter oder familiäre Sorgeverpflichtungen. Qualitative Studien zeigen zudem, dass sich Mehrfachbelastungen im Alltag überlagern und die Arbeitsmarktintegration erschweren.
Vor diesem Hintergrund interpretieren die Autor:innen den „arbeitsunwilligen Arbeitslosen“ als politisch wirksame Deutungsfigur. „Der Mythos individualisiert soziale Risiken, verdeckt strukturelle Ursachen von Erwerbslosigkeit und stabilisiert ein Sozialstaatsverständnis, das stärker auf Aktivierung und Sanktionierung als auf Absicherung und Unterstützung setzt“, erläutert Dr. René Böhme vom Institut Arbeit und Wirtschaft (iaw) der Uni Bremen.
Fixierung auf Arbeitsunwilligkeit verstellt Blick auf Reformbedarf
Nach Einschätzung der Forschenden verstellt die Fixierung auf vermeintliche Arbeitsunwilligkeit den Blick auf strukturelle Reformbedarfe, etwa bei Qualifizierung, Armutsbekämpfung oder Vereinbarkeit von Familie und Beruf. „Statt Problemlagen differenziert zu adressieren, dominiere eine moralisch aufgeladene Verkürzung“, so Professorin Irene Dingeldey.
Die Studie plädiert daher für eine empirisch fundierte und sachliche Debatte über Erwerbslosigkeit. Böhme: „Sozialstaatliche Unterstützung solle nicht als Instrument des Misstrauens verstanden werden, sondern als Ausdruck gesellschaftlicher Solidarität und gemeinsamer Verantwortung.“
Methodisch basiert die Studie auf einer Sekundäranalyse amtlicher Statistiken, quantitativer und qualitativer Forschungsarbeiten sowie sozialtheoretischer Literatur. Ausgewertet wurden unter anderem aktuelle Daten der Bundesagentur für Arbeit zu Struktur und Umfang des Leistungsbezugs, zu Langzeitarbeitslosigkeit, Qualifikationsniveau und sogenannten Vermittlungshemmnissen. Ergänzend fließen Panelanalysen, Evaluationsstudien zur Arbeitsmarktpolitik sowie qualitative Untersuchungen zu Stigmatisierungserfahrungen ein.
Dr. René Böhme, Universität Bremen, Institut Arbeit und Wirtschaft, Tel.: +49 421 218-61722, E-Mail: rene.boehme@uni-bremen.de
Prof. Dr. Irene Dingeldey, Universität Bremen, Institut Arbeit und Wirtschaft, Tel.: +49 421 218-61710, Mail: dingeldey@uni-bremen.de
https://doi.org/10.3790/vaw.2025.1473402.
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