Simulationen versprechen eine enorme Senkung der Sterblichkeit durch Darmkrebs-Screenings von über 80 Prozent. Doch ein Blick auf klinische Studien mit echten Patienten zeigt: Die Zahlen aus dem Computer halten der Realität nicht stand. Wir erklären, warum die wichtigste Kennzahl für Patienten oft fehlt.
Eine im Deutschen Ärzteblatt veröffentlichte Simulationsstudie aus Heidelberg berichtet, dass Screening mit Stuhlbluttest oder Koloskopie die Darmkrebssterblichkeit jeweils um 82 Prozent verringern könne, die Kombination beider Methoden sogar um 89 Prozent. Die Autoren schlussfolgern, dass die beiden Verfahren hochwirksam seien und man die Bevölkerung durch wiederholte Einladungen zur Teilnahme bewegen sollte.
Über diese Studie mit hypothetischen 100.000 Männern und 100.000 Frauen im Alter von 50 bis 85 Jahren ist viel Positives zu sagen: Die Autoren erläutern, was die relative Reduktion von 82 bzw. 89 Prozent in absoluten Zahlen bedeutet. Die höchste Reduktion von 89 Prozent heißt konkret: Das Risiko, an Darmkrebs zu sterben, sinkt von 4,5 Prozent (ohne Screening) auf 0,5 Prozent (mit Screening). Das bedeutet: Vier Prozent der Teilnehmenden haben diesen Nutzen, 96 Prozent nicht. Positiv hervorzuheben ist auch, dass die Annahmen der Simulation transparent gemacht werden. Dazu gehören etwa die geschätzten Prävalenzen der verschiedenen Stadien in der Entwicklung von Krebs, deren Übergangswahrscheinlichkeiten, sowie die Annahme, dass alle Personen zu sämtlichen vorgesehenen Screeningterminen erscheinen – was bei Weitem nicht der Fall ist.
Wenn Simulationen die Realität überholen
Allerdings handelt es sich um eine Simulation, die zeigt, was sein könnte, nicht um eine empirische klinische Studie, die zeigt, was ist. Als beste empirische Evidenz gelten randomisierte kontrollierte Studien (RCTs) mit echten Menschen. Und dort sind die Effekte deutlich geringer.
Stuhlbluttest: Die vier RCTs, die im Cochrane Collaboration-Review analysiert wurden, berichten lediglich von einer relativen Senkung der Inzidenz um 5 Prozent und der Darmkrebsmortalität um 14 Prozent.
Koloskopie: Wie die Autoren selbst anmerken, fand der erste RCT zur Koloskopie eine relative Sterblichkeitsreduktion von lediglich 10 Prozent.
Hier besteht also eine beträchtliche Diskrepanz zwischen randomisierten Studien mit realen Menschen und Simulationen mit hypothetischen Personen. Dieser Unterschied lässt sich zum Teil durch die Besonderheiten der RCTs – etwa unvollständige Teilnahme an den Screeningterminen – sowie durch die Abhängigkeit der Simulationsergebnisse von ihren spezifischen Annahmen erklären.
Die Zahl, über die niemand spricht: Null
Der Hauptgrund, warum wir diese Studie zur „Unstatistik des Monats“ gewählt haben, ist jedoch eine Zahl, die weder in Informationsbroschüren noch in dem ansonsten vorbildlich dokumentierten Artikel im Ärzteblatt auftaucht. Es ist die Zahl „0“.
Eine Metaanalyse von RCTs aus dem Jahr 2023 mit über zwei Millionen Teilnehmenden untersuchte die entscheidende Frage: Leben Menschen, die an der Krebsfrüherkennung teilnehmen, insgesamt länger als jene, die nicht teilnehmen? Für den Stuhlbluttest wurde eine durchschnittliche Verlängerung der Lebenserwartung von genau 0 Tagen gefunden – unabhängig davon, ob der Test jährlich oder zweijährlich durchgeführt wurde (Abbildung 1).
Für die Koloskopie wurde ebenfalls kein Beleg gefunden, dass ein Tag gewonnen würde. Der Wert lag zwar im positiven Bereich, war jedoch statistisch nicht signifikant von 0 Tagen verschieden. Lediglich die Sigmoidoskopie (kleine Koloskopie), die in Deutschland nicht zur Routine-Früherkennung von Darmkrebs gehört, zeigte eine mögliche Verlängerung der Lebenserwartung um 110 Tage.
Abbildung 1: Sieben verbreitete Krebsfrüherkennungs-Untersuchungen.
Quelle: Michael Bretthauer et al. (2023), JAMA Internal Medicine.
Hinweis zur Abbildung: Die schwarzen Rauten zeigen die beste Schätzung, um wie viele Tage jede Methode das Leben verlängert oder verkürzt. Die Pfeile geben das 95%-Konfidenzintervall an. Enthält es die Null, wird von keinem gesicherten Effekt ausgegangen. Beim Stuhlbluttest (FOBT) liegt der Wert exakt bei null – auch bei jährlicher Durchführung. Die einzige Methode mit möglicher Lebensverlängerung (das 95%-Konfidenzintervall schließt jedoch die Null ein) ist die Sigmoidoskopie.
Die blinde Stelle: Gesamtmortalität
Dieses Ergebnis – dass Screening die Gesamtlebenserwartung nicht verlängert, sondern lediglich die krebsspezifische Mortalität senkt – ist nicht nur für Stuhlbluttest und Koloskopie dokumentiert, sondern auch für Mammographie, PSA-Test und Niedrigdosis-CT zur Lungenkrebsfrüherkennung (siehe Abbildung 1). Warum ist das so?
Unklare Todes-Ursachen: Die Bestimmung der exakten Todesursache ist oft schwierig. In einer Prostatakrebs-Studie beispielsweise waren sich Experten in 17 Prozent der Fälle nicht einig, ob Männer an Prostatakrebs oder einem anderen Krebs verstorben sind. Daher ist die Gesamtmortalität ein verlässlicheres Kriterium als die krebsspezifische Mortalität.
Nebenwirkungen: Die Gesamtmortalität berücksichtigt auch die negativen Folgen der Vorsorge. So können Darmperforationen bei Koloskopien oder Herzinfarkte bei radikalen Prostatektomien das Leben verkürzen. Diese Todesfälle fließen nicht in die berichtete Reduktion der Darmkrebssterblichkeit ein.
Fazit: Ehrlichkeit statt Überredung
Wenn wir das Vertrauen in das Gesundheitssystem erhöhen wollen, sollten wir der Bevölkerung vollständige Informationen geben – und nicht jene Teile weglassen, die die Teilnahmequoten am Screening senken könnten. Bereits 2015 kündigte der Nationale Krebsplan einen entsprechenden Kurswechsel an: Das Ziel der informierten Entscheidung sei nun wichtiger als die bloße Erhöhung der Teilnahmeraten.
Die Menschen sind nicht so leichtgläubig. Nicht alle verstehen statistische Details, aber viele spüren, wenn sie überredet werden sollen und Informationen primär der Steigerung von Teilnahmequoten dienen. Eine ehrliche Kommunikation, die auch die „Null“ beim Lebenszeitgewinn nicht verschweigt, wäre ein wichtiger Schritt, um mehr Vertrauen zu gewinnen.
Prof. Dr. Gerd Gigerenzer, gigerenzer@mpib-berlin.mpg.de
https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik
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