Menschen mit verschiedenen psychischen Störungen ist häufig gemeinsam, dass sie sich nur schwer zu alltäglichen Aktivitäten motivieren können. Welche kognitiven Mechanismen dies bewirken und was das für psychotherapeutische Therapien bedeutet, erforscht Dr. Matthias Pillny, von der Universität Hamburg. Seine Metastudie wurde in der Fachzeitschrift „Psychological Bulletin“ veröffentlicht.
Ob Kino- oder Familienbesuch, Einkauf oder Spaziergang – Menschen mit psychischen Störungen erscheinen solche Aktivitäten häufig als unfassbar anstrengend. Können sie selbst lebensnotwenige Besorgungen kaum noch erledigen, treibt dies den Aufwand und die Kosten für ihre Betreuung in die Höhe und macht die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben nahezu unmöglich. Aber welche kognitiven Mechanismen stecken hinter diesem Phänomen? Und sind diese Mechanismen bei verschiedenen Störungen ähnlich – oder unterscheiden sie sich? Diese Fragen hat Dr. Matthias Pillny, Hauptautor der nun veröffentlichten Metastudie, untersucht.
Gesunde Menschen treffen Entscheidungen, indem sie den Aufwand, der nötig ist um ein bestimmtes Ziel zu erreichen, in Beziehung setzen mit der Wahrscheinlichkeit, mit der sie dieses Ziel erreichen können. „Je höher Nutzen und Wahrscheinlichkeit eingeschätzt werden, desto höher ist der Aufwand, der investiert wird, um das Ziel zu erreichen. Diesen häufig automatisch ablaufenden kognitiven Prozess nennt man aufwandbasiertes Entscheidungsverhalten“, erklärt der Psychologe.
Für seine Metastudie hat er 68 vorhandene Studien mit ca. 3.700 Teilnehmenden ausgewertet. Die Probandinnen und Probanden litten unter Depressionen, bipolaren Störungen oder Störungen aus dem Schizophrenie-Spektrum. Oder aber sie gehörten einer Risikogruppe an, für die eine erhöhte Wahrscheinlichkeit bestand, an einer dieser Störungen zu erkranken.
Die Auswertung zeigte: Menschen mit Depressionen und bipolaren Störungen schätzen den nötigen Aufwand für das Erreichen eines Zieles häufig als zu hoch ein – und den zu erwartenden Nutzen gleichzeitig als zu gering. „Diese Menschen können sich positive Ergebnisse oft gar nicht vorstellen und nehmen den benötigten Aufwand als unüberwindbar wahr“, sagt Pillny. Das bedeute, dass gut gemeinte Sätze wie beispielsweise ´Komm, das macht bestimmt Spaß´ bei ihnen nicht wirken oder sogar Druck erzeugen. Bessere Wirkungen könnten Therapien erzielen, die sich darauf konzentrieren, Empfindungen wie Vorfreude zu trainieren, beispielsweise durch Visualisierungen.
Anders verhielt es sich mit einer Teilgruppe von Menschen mit einer Diagnose aus dem Schizophrenie-Spektrum. Ihr Entscheidungsverhalten wirkte eher sprunghaft und willkürlich. „Wir wissen, dass Schizophrenie-Spektrum Störungen häufig mit einer verringerten kognitiven Leistungsfähigkeit einhergehen und dies scheint bei diesen Patientinnen und Patienten der zentrale Mechanismus zu sein“, schlussfolgert Pilny. „Dieser Gruppe fällt es schwer, Aufwand, Nutzen und Wahrscheinlichkeit in Verbindung zu setzen und ihr Verhalten entsprechend anzupassen. Ihnen könnte ein gezieltes Training ihrer kognitiven Fähigkeiten helfen.“
Der Wissenschaftler wollte zudem herausfinden, ob Auffälligkeiten im aufwandbasierten Entscheidungsverhalten helfen könnten, eine beginnende psychische Erkrankung zu erkennen. Dies scheint allerdings nicht der Fall zu sein, da Menschen mit einem erhöhten Risiko für eine solche Erkrankung im Vergleich zu gesunden Kontrollgruppen kein abweichendes Entscheidungsverhalten in seiner Metastudie zeigten. „Allerdings waren die Studiendesigns der ausgewerteten Arbeiten nicht passgenau auf diese Thematik zugeschnitten, deswegen ist die Frage nicht abschließend beantwortet“, stellt Dr. Pillny fest.
Von seiner transdiagnostischen Herangehensweise erhofft sich Pillny neben Anregungen für zielgerichtete Therapieansätze auch Aufschluss über die Mechanismen von Motivationsproblemen im Rahmen von psychischen Störungen. „Diese wurden im vergangenen Jahrhundert erstmals beschrieben und als voneinander abgrenzbare Phänomene katalogisiert. Heute wächst hingegen ein Bewusstsein dafür, dass viele der dabei gewählten Kriterien willkürlich sind und gewisse Symptome wie beispielsweise Motivationsprobleme bei vielen psychischen Störungen auftreten“, sagt er. Die Übereinstimmungen, die er insbesondere zwischen dem Verhalten von Menschen mit depressiven oder bipolaren Störungen fand, weisen darauf hin, dass zwischen diesen Störungsbildern tatsächlich stärkere Gemeinsamkeiten bestehen als bisher angenommen. Gleichzeitig scheinen sich die bei diesen Störungsbilden den Motivationsproblemen zugrundeliegenden Mechanismen von denen bei Störungen aus dem Schizophrenie-Spektrum deutlich zu unterscheiden. Allerdings sei auch dies aufgrund einer ersten Metastudie nicht endgültig zu entscheiden, betont er: „Um das Gehirn wirklich zu verstehen, ist noch sehr viel mehr Grundlagenforschung nötig.“
Dr. Matthias Pillny
Universität Hamburg
Klinische Psychologie und Psychotherapie
E-Mail: matthias.pillny@uni-hamburg.de
Pillny, M., Renz, K. E., Lincoln, T. M., Hay, A., Fulford, D., Barch, D. M., Gold, J. M., & Kaiser, S. (2026). Effort-based decision-making in psychopathology: A transdiagnostic multilevel meta-analysis and systematic review of behavioral patterns and mechanisms underlying amotivational psychopathology. Psychological Bulletin. https://doi.org/10.1037/bul0000510
Merkmale dieser Pressemitteilung:
Journalisten, Wissenschaftler
Medizin, Psychologie
überregional
Forschungsergebnisse
Deutsch

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