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06.03.2026 12:27

„Ohne Wärmewende keine klimaneutrale Zukunft“ - Interview mit ISOE-Klimaexperte Immanuel Stieß

Melanie Neugart Wissenskommunikation und Wissenstransfer
Institut für sozial-ökologische Forschung (ISOE)

    Ein Gespräch mit ISOE-Klimaexperte Immanuel Stieß über die Bedeutung der Wärmewende für Klimaschutz, wirtschaftliche Entwicklung und gesellschaftliche Resilienz – und die Schlüsselrolle von Kommunen.

    Deutschland hat den Ausbau erneuerbarer Energien in den letzten Jahren massiv vorangetrieben. Doch der Gebäudesektor trägt nach wie vor erheblich zu den CO2-Emissionen bei, weil viele Heizsysteme noch mit fossilen Brennstoffen betrieben werden. Geht es nach der Regierungskoalition, bleibt das auch erst einmal so: Ihre Eckpunkte für ein Gebäudemodernisierungsgesetz (GMG) sehen aktuell vor, dass klimaschädliche Öl- und Gasheizungen weiterhin eingebaut werden dürfen. Dabei gilt eine konsequente „Wärmewende“ als zentral, um Deutschlands Klimaziele zu erreichen, und als unverzichtbar für eine erfolgreiche Umsetzung der kommunalen Wärmeplanung. Denn nach wie vor gilt: Bis 2045 muss eine klimaneutrale Wärmeversorgung für Gebäude erreicht werden. Wie realistisch ist es, dass ein Umstieg möglichst flächendeckend gelingen kann? Ein Gespräch mit ISOE-Klimaexperte Immanuel Stieß über den Spielraum von Kommunen.

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    Erst Energiewende, jetzt Wärmewende. Die Kommunen ächzen unter der Last, und viele fragen sich: Muss das sein?

    Immanuel Stieß: Ganz klar, ja. Weil die Art und Weise, wie wir Wärme in Gebäuden erzeugen und nutzen, mitentscheidet, ob die Klimaschutzziele erreicht werden. Man muss sich klarmachen, allein 15 Prozent der Treibhausgasemissionen in Deutschland entstehen durch das Beheizen von Gebäuden.

    Welchen Beitrag kann die Wärmewende im besten Fall leisten?

    Immanuel Stieß: Die Wärmewende senkt Emissionen und verbessert die Luftqualität in Kommunen. Außerdem steigert sie die Energieeffizienz, der Einsatz moderner Technologien wie Wärmepumpen oder Solar- und Geothermie ist dabei ein entscheidender Treiber. Die Nutzung von erneuerbaren Energien und Abwärme und eine bessere Isolierung der Gebäude verringert zudem Energiekosten. Dabei geht es aber nicht nur darum, nachhaltige, erneuerbare Quellen für Heizung und Warmwasser zu nutzen – es geht auch darum, den Wärmebedarf zu verringern, um den Energieverbrauch insgesamt zu senken. Denn auch erneuerbare Energien stehen nicht unbegrenzt zur Verfügung. Ohne Wärmewende keine klimaneutrale Zukunft und keine Unabhängigkeit von fossilen Energieimporten.

    Welche Rolle spielt die Dekarbonisierung bei der Wärmewende?

    Immanuel Stieß: Sicher lassen sich die Klimaziele am schnellsten mit einer konsequenten Wärmewende erreichen, bei der alle Aktivitäten und Technologien einbezogen werden, die Energie einsparen und den Wärmeverbrauch dekarbonisieren. Außerdem ist es der effektivste Weg, um die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zu verringern – ein Argument für die Wärmewende, das nicht nur ökologisch, sondern auch geopolitisch von großer Relevanz ist. Wir sehen die Schattenseite dieser Abhängigkeit ja nicht zuletzt in Ressourcenkonflikten. Die aktuellen kriegerischen Auseinandersetzungen im Nahen Osten sind da nur das jüngste Beispiel. Im Umkehrschluss heißt das: Eine Wärmewende, die auf die rasche Dekarbonisierung setzt, macht uns auch als Gesellschaft widerstandsfähiger. Gegenüber dem Klimawandel und gegenüber krisenhaften politischen Entwicklungen. Die Wärmewende ist also mehr als Klimaschutz – sie ist auch eine Frage der gesellschaftlichen Resilienz.

    Aber nicht überall ist der konsequente Umstieg auf hocheffiziente Technologie möglich, auch die Gebäudedämmung zur Steigerung der Energieeffizienz ist nicht flächendeckend umsetzbar, zu teuer. Schlägt Ökonomie hier Ökologie?

    Immanuel Stieß: Auf den ersten Blick sieht es so aus, dass ökonomische Argumente ökologische schlagen, ja. Denn der Umstieg von einer fossilen zu einer postfossilen Wärmeversorgung erfordert Investitionen, etwa für die Anschaffung einer Wärmepumpe oder für den Bau eines Wärmenetzes. Das ist zunächst mit erheblichen Kosten verbunden. Auf den zweiten Blick sieht es anders aus.

    Inwiefern?

    Immanuel Stieß: Diese Investitionen in eine nichtfossile Wärmeversorgung lohnen sich langfristig nicht nur ökologisch, sondern auch ökonomisch. Für die einzelnen Haushalte, weil es mittel- und langfristig Kosten senkt. Und für die wirtschaftliche Entwicklung, weil die technologischen Innovationen, die die Wärmewende tragen, neue Märkte und Arbeitsplätze schaffen – von der Produktion von Wärmepumpen bis hin zur Installation und Wartung von energieeffizienten Heizsystemen. „Grüne“ Technologien sind Leittechnologien. Und nicht zuletzt für die Sicherheit unserer Energieversorgung, weil die Wärmewende, wie gesagt, die Abhängigkeit vom Import fossiler Energieträger senkt. Davon profitieren auch Eigentümer*innen und Mieter*innen, weil geopolitische Krisen nicht mehr zum sprunghaften Anstieg ihrer Heizkosten führen.

    Den Kommunen ist mit dem Ausblick auf all diese Vorteile kurzfristig aber leider nicht geholfen. Die Wärmewende stellt sie vor enorme Herausforderungen. Sie beklagen akuten Personalmangel, fehlende Fachkenntnisse und hohe Finanzierungsbedarfe bei gleichzeitig klammen Haushalten.

    Immanuel Stieß: In der Tat ist der Umbau der Wärmeversorgung eine Mammutaufgabe. Ob dies gelingt, wird in den Kommunen entschieden, sie sind hier Schlüsselakteure. Sie könnten die Initiative ergreifen und Maßnahmen gezielt steuern und gestalten, wenn es um die intelligente Nutzung lokal verfügbarer Energiequellen für die Wärmeversorgung geht. Die kommunale Wärmeplanung gibt den Kommunen ein Instrument an die Hand, mit dem sie die Wärmewende vor Ort planen und koordinieren können. Dabei geht es darum, überhaupt erst einmal zu ermitteln, wie hoch der Wärmebedarf in der Kommune ist, welche Einsparpotenziale durch energetische Sanierungen bestehen und wie die benötigte Wärme möglichst aus lokal verfügbaren erneuerbaren Energiequellen gedeckt werden kann.

    Welche Lösungen kommen da infrage?

    Immanuel Stieß: Das kann die Wärme aus Flüssen oder Kläranlagen sein. Möglich ist auch, die Abwärme von Rechenzentren oder Geothermie zu nutzen. Hier kommt es auf die lokale Koordination an, denn nur so können zum Beispiel Wärmenetze sinnvoll geplant und vorhandene Wärmequellen optimal genutzt werden. Damit kommt viel Arbeit auf die Kommunen zu. Aber die Umsetzung der konkreten Maßnahmen, wie die Sanierung von Gebäuden oder der Bau eines Wärmenetzes, erfolgt ja nicht durch die Kommunen allein, sondern vor allem durch Stadtwerke, Wohnungswirtschaft, private Eigentümer*innen und Unternehmen. Genau da setzt unser Forschungsprojekt KWAPE „Kommunale Wärmeplanung zur Aktivierung privater Eigentümer*innen“ an. Hier fragen wir gezielt, wie Besitzer*innen von Ein- und Zweifamilienhäusern bei der Planung und Umsetzung der kommunalen Wärmewende einbezogen und unterstützt werden können.

    Was sind die größten Hürden für private Eigentümer*innen?

    Immanuel Stieß: Das wurde in zahlreichen Studien untersucht. Die wichtigsten Hürden, die immer wieder genannt werden, sind: fehlende Mittel zur Finanzierung, lange Amortisationszeiträume und der Aufwand für die Umbauarbeiten bei einer Sanierung. Zumindest in Deutschland ist die Anschaffung einer Wärmepumpe deutlich teurer als der Einbau einer neuen Öl- oder Gasheizung. Ob sich diese Investition lohnt, hängt von der Entwicklung der Energiepreise und dem künftigen CO2-Preis ab. Für viele ältere Eigentümer*innen ist dies eine große Hürde, weil sie Schwierigkeiten haben, bei ihrer Bank einen Kredit für eine neue Heizung oder eine Sanierung zu erhalten.

    Welche Strategien gibt es, um Eigentümer*innen von Bestandsimmobilien wie Ein- und Zweifamilienhäusern zu unterstützen?

    Immanuel Stieß: Sozial gestaffelte Förderprogramme können weniger wohlhabenden Hauseigentümer*innen die Finanzierung einer Sanierung erleichtern. Neue Geschäftsmodelle wie Heizungs-Leasing machen es möglich, dass auch Eigentümer*innen mit begrenztem Budget in eine neue Heizung investieren können, ohne die hohen Anschaffungskosten auf einmal stemmen zu müssen. Noch wenig untersucht ist das Potenzial von gemeinschaftlichen Lösungen: Eigenheimbesitzer*innen können zum Beispiel gemeinsam ein kleines Nahwärmenetz betreiben. Oder sie tun sich für die Beschaffung von Wärmepumpen zusammen oder um Kosten für Handwerkerleistungen zu sparen. Und es gibt vielversprechende Ansätze, wie eine verbesserte Planung und Koordination den zeitlichen Aufwand bei der Bauausführung und die damit verbundenen Belastungen deutlich verringern können.

    Was können Städte und Gemeinden darüber hinaus tun, damit die kommunale Wärmeplanung nicht nur als eine weitere administrative Pflichtaufgabe der Stadtverwaltung wahrgenommen wird, sondern bei den Bürgern echtes Vertrauen in die langfristige Versorgungssicherheit schafft?

    Immanuel Stieß: Bislang richtet sich die Aufmerksamkeit von Kommunen bei der kommunalen Wärmeplanung vor allem auf Gebiete mit einem hohen Wärmebedarf, in denen sich der Aufbau von Wärmenetzen lohnt. Das sind vor allem verdichtete Quartiere mit einem hohen Anteil an Geschosswohnungsbau. Aus klimapolitischer Sicht ist das auch sinnvoll. Aber damit wird eben nur ein Teil des Problems gelöst. Der größte Teil der Gebäude in Deutschland sind Ein- und Zweifamilienhäuser. Um diesen Teil des Gebäudebestandes klimaneutral zu bekommen, müssen Eigenheimbesitzer*innen gezielt angesprochen und unterstützt werden. Da reicht es nicht, den Eigentümer*innen zu empfehlen, dass sie eine Wärmepumpe einbauen sollen, wenn ihre Heizung mal den Geist aufgibt.

    Warum wurden für das Projekt KWAPE gerade Tübingen und Elmshorn als Beispielstädte gewählt?

    Immanuel Stieß: Sowohl Tübingen als auch Elmshorn verfügen über einen recht hohen Anteil an Ein- und Zweifamilienhäusern und haben bereits einen kommunalen Wärmeplan aufgestellt. Beide Städte verfolgen eine ambitionierte Klimaschutzpolitik und sind dabei, konkrete Maßnahmen für die Umsetzung der Wärmeplanung zu entwickeln. Das sind ideale Voraussetzungen, um die in KWAPE geplanten innovativen Formate für die Beteiligung und Aktivierung von Eigenheimbesitzer*innen zu erproben.

    Bei KWAPE handelt es sich um einen transdisziplinären Forschungsansatz. Welcher Mehrwert ergibt sich aus der Zusammenarbeit der Forschungsinstitute ISOE, Difu und IÖW mit Praxisakteuren für die Entwicklung praxisnaher politischer Handlungsempfehlungen?

    Immanuel Stieß: Die Kooperation mit den beiden Praxiskommunen ist in mehrfacher Hinsicht entscheidend für den Projekterfolg. Das Wissen, die Erfahrung und die Einschätzungen der Praxisakteure vor Ort liefern wertvolle Beiträge für das Projekt. Wir arbeiten eng mit den Klimamanager*innen der beiden Kommunen zusammen, denn sie haben nicht nur fundierte Kenntnisse der geplanten Umsetzungsschritte, sondern auch einen genauen Überblick über die lokale Akteurslandschaft. Damit können sie uns wertvolle Hinweise bei der Ansprache von Schlüsselakteuren in der Verwaltung, in Stadtwerken, Handwerksbetrieben oder Eigentümerverbänden geben. Das hilft uns, die Bedarfe und Handlungsmöglichkeiten der Kommunen und der lokalen Bevölkerung sehr viel besser zu verstehen und bei der Entwicklung von Lösungsansätzen zu berücksichtigen.

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    Dr. Immanuel Stieß leitet am Institut für sozial-ökologische Forschung (ISOE) den Bereich Praktiken und Infrastrukturen. Seit 2023 ist Stieß Mitglied der Institutsleitung.
    https://www.isoe.de/team/dr-immanuel-stie%C3%9F


    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    Dr. Immanuel Stieß
    Institut für sozial-ökologische Forschung (ISOE)
    Frankfurt am Main
    +49 69 7076919-19
    immanuel.stiess@isoe.de


    Weitere Informationen:

    https://www.isoe.de/projekt/kwape-kommunale-waermeplanung-zur-aktivierung-privat...
    https://difu.de/projekte/waermeplanung-umsetzen-gebiete-mit-ein-und-zweifamilien...
    https://www.ioew.de/projekt/kwape_kommunale_waermeplanung_zur_aktivierung_privat...


    Bilder

    Dr. Immanuel Stieß
    Dr. Immanuel Stieß
    Quelle: Anja Jahn
    Copyright: Institut für sozial-ökologische Forschung (ISOE)


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Wirtschaftsvertreter, jedermann
    Bauwesen / Architektur, Meer / Klima, Politik, Umwelt / Ökologie, Wirtschaft
    überregional
    Buntes aus der Wissenschaft, Forschungsprojekte
    Deutsch


     

    Dr. Immanuel Stieß


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