idw – Informationsdienst Wissenschaft

Nachrichten, Termine, Experten

Grafik: idw-Logo
idw-Abo

idw-News App:

AppStore

Google Play Store



Instanz:
Teilen: 
09.03.2026 11:10

Hirnaktivität zeigt, wie gut wir unser Gegenüber einschätzen

Nathalie Huber Kommunikation
Universität Zürich

    Menschen passen ihr Verhalten oft blitzschnell an andere an. Eine neue Studie der Universität Zürich zeigt, welche Hirnnetzwerke diese soziale Einschätzung und Anpassung steuern. Damit lässt sich vorhersagen, wie flexibel jemand auf andere reagiert. Die Ergebnisse könnten neue Ansätze liefern, um soziale Beeinträchtigungen etwa bei Autismus oder Borderline besser zu verstehen.

    Wie schnell erkennen wir, ob unser Gegenüber clever oder berechenbar ist? Ob beim Spiel, im Gespräch oder in der Verhandlung – wir schätzen ständig ein, was andere denken und beabsichtigen und passen unser Verhalten entsprechend an. In der Fachsprache spricht man von adaptivem Mentalisieren. Eine neue Studie der Universität Zürich zeigt nun, wie unser Gehirn diese Anpassung steuert.

    Unterschiede im sozialen Einschätzen
    Dazu untersuchte das Forschungsteam um Christian Ruff, Professor für Neuroökonomie und Entscheidungsneurowissenschaften, das Verhalten von über 550 Personen in verschiedenen Spielsituationen. Die Teilnehmenden wiederholten ein Spiel nach dem Prinzip von Schere-Stein-Papier – entweder gegen menschliche oder computergesteuerte Gegner. Mithilfe eines Computermodells berechneten die Forschenden, wie strategisch die Teilnehmenden ihr Gegenüber einschätzen und wie stark sie diese Einschätzung nach jeder Runde anpassen. Dabei zeigte sich: Die meisten reagieren flexibel, wenn die andere Person ihr Verhalten ändert. Die Spannweite zwischen den Teilnehmenden war hingegen gross. «Einige können das sehr schnell – sie erkennen oft gut, welche Strategie ihre Gegenspieler:innen anwenden. Andere brauchen deutlich länger, um ihr Gegenüber richtig einzuschätzen», sagt Niklas Bürgi, Co-Erstautor der Studie, früher an der UZH und heute am Max-Planck-Institut für Biologische Kybernetik tätig.

    Netzwerk des sozialen Gehirns wird aktiv
    Mithilfe funktioneller Magnetresonanztomografie konnten die Forschenden ein verteiltes Netzwerk mehrerer Hirnregionen identifizieren, das immer dann verstärkt aktiv ist, wenn die Probanden ihre Einschätzung des Gegenübers überdenken. Besonders wichtig sind dabei der temporoparietale Kortex, der eine zentrale Rolle beim Nachdenken über die Gedanken und Absichten anderer spielt, sowie der dorsomediale präfrontale Kortex, der an der Bewertung sozialer Informationen beteiligt ist. Auch die anteriore Insula und angrenzende Bereiche des ventrolateralen präfrontalen Kortex zeigen eine verstärkte Aktivität, insbesondere dann, wenn Erwartungen enttäuscht werden und eine Neubewertung erforderlich ist. «In diesen Momenten verändert sich die Aktivität in den genannten Hirnarealen messbar», erklärt Gökhan Aydogan, Postdoktorand am Department of Economics.

    Soziale Anpassung wird vorhersagbar
    Entscheidend ist: Aus diesen Aktivitätsmustern lässt sich vorhersagen, wie stark eine Person ihre Einschätzung anpasst. «Diese Vorhersage funktionierte auch bei Personen, deren Hirndaten das Modell zuvor noch nicht kannte», so Ruff. Die Forschenden sprechen deshalb von einem neuronalen Fingerabdruck des adaptiven Mentalisierens. In der Studie gelang diese Vorhersage bei fast Neunzig Prozent der Teilnehmenden.
    Bisher untersuchte die Forschung soziales Denken meist mit statischen Aufgaben, wie kurzen Geschichten oder einzelnen Entscheidungen. Die neue Studie setzt hingegen auf dynamische Interaktionen, die dem Alltag ähnlicher sind. Sie zeigt, dass Mentalisieren kein statischer Zustand ist, sondern ein fortlaufender Anpassungsprozess. «Unsere Ergebnisse könnten künftig helfen, soziale Denkfähigkeiten objektiver zu erfassen», sagt Ruff. Das ist insbesondere für psychische Störungen relevant, bei denen soziale Interaktionen erschwert sind, wie bei Autismus oder Borderline-Persönlichkeitsstörungen. «Langfristig könnten solche hirnbasierten Marker auch dabei helfen, Therapien gezielter zu beurteilen und weiterzuentwickeln.»

    Literatur
    Niklas Buergi, Gökhan Aydogan, Arkady Konovalov, Christian C. Ruff. A neural fingerprint of adaptive mentalization. Nature Neuroscience. 9 March 2026. DOI: 10.1038/s41593-026-02219-x

    Kontakt
    Christian Ruff
    Professor für Neuroökonomie und Entscheidungsneurowissenschaften
    Universität Zürich
    Tel. +41 44 634 50 67
    E-Mail: christian.ruff@econ.uzh.ch


    Originalpublikation:

    Niklas Buergi, Gökhan Aydogan, Arkady Konovalov, Christian C. Ruff. A neural fingerprint of adaptive mentalization. Nature Neuroscience. 9 March 2026. DOI: 10.1038/s41593-026-02219-x


    Weitere Informationen:

    https://www.news.uzh.ch/de/articles/media/2026/mentalisieren.html


    Bilder

    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten
    Wirtschaft
    überregional
    Forschungsergebnisse
    Deutsch


     

    Hilfe

    Die Suche / Erweiterte Suche im idw-Archiv
    Verknüpfungen

    Sie können Suchbegriffe mit und, oder und / oder nicht verknüpfen, z. B. Philo nicht logie.

    Klammern

    Verknüpfungen können Sie mit Klammern voneinander trennen, z. B. (Philo nicht logie) oder (Psycho und logie).

    Wortgruppen

    Zusammenhängende Worte werden als Wortgruppe gesucht, wenn Sie sie in Anführungsstriche setzen, z. B. „Bundesrepublik Deutschland“.

    Auswahlkriterien

    Die Erweiterte Suche können Sie auch nutzen, ohne Suchbegriffe einzugeben. Sie orientiert sich dann an den Kriterien, die Sie ausgewählt haben (z. B. nach dem Land oder dem Sachgebiet).

    Haben Sie in einer Kategorie kein Kriterium ausgewählt, wird die gesamte Kategorie durchsucht (z.B. alle Sachgebiete oder alle Länder).