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11.03.2026 10:02

Rechtsanspruch auf Ganztag im Grundschulalter: Ausbau kommt voran, Qualität bleibt zentrale Aufgabe

Birgit Lindner Abteilung Medien und Kommunikation
Deutsches Jugendinstitut e.V.

    Aktuelle Forschungsdaten des Deutschen Jugendinstituts zeigen, dass der Ausbau von Ganztagsplätzen für Grundschulkinder deutlich voranschreitet, die Entwicklung von qualitativ hochwertigen Angeboten jedoch vielerorts erst beginnt. Mit welchen Herausforderungen und Chancen der Ganztag verbunden ist, thematisiert deshalb die neu erschienene Ausgabe des Forschungsmagazins DJI Impulse.

    Ab dem Schuljahr 2026/2027 haben alle neu eingeschulten Kinder in Deutschland Anspruch auf Ganztagsbetreuung – ein wichtiger Schritt für mehr Bildungsgerechtigkeit und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Die bundesgesetzliche Platzgarantie wird von den Bundesländern und Kommunen umgesetzt – und beim Ausbau der Ganztagsplätze sind deutliche Fortschritte erkennbar. Nur noch 4 Prozent der Eltern in Westdeutschland haben einen Bedarf an Ganztagsbetreuung für ihr Grundschulkind, der vollständig ungedeckt ist, in Ostdeutschland liegt der Wert sogar noch niedriger, zeigt die Kinderbetreuungsstudie (KiBS) des Deutschen Jugendinstituts (DJI), bei der jährlich etwa 33.000 Eltern mit Kindern bis zum Ende der Grundschulzeit befragt werden. Dennoch hebt Forschungsdirektorin Prof. Dr. Susanne Kuger hervor: „Ein Platz allein reicht nicht aus. Fragen der Qualität, der Verlässlichkeit, der Ferienbetreuung und der Erreichbarkeit für sozial benachteiligte Familien bleiben zentral.“

    73 Prozent der Eltern in Westdeutschland und 90 Prozent in Ostdeutschland wünschen sich einen Ganztagsplatz

    Der neue gesetzliche Anspruch auf ganztägige Bildung und Betreuung für Grundschulkinder umfasst fünf Tage pro Woche bis zu acht Stunden täglich, inklusive Unterricht. Ab dem Schuljahr 2026/2027 gilt dies zunächst für Erstklässler:innen, bis 2029/2030 wird der Anspruch stufenweise auf alle vier Klassenstufen ausgeweitet. Durchschnittlich 73 Prozent der Eltern in Westdeutschland und 90 Prozent in Ostdeutschland wünschen sich der DJI-Kinderbetreuungsstudie KiBS zufolge eine Ganztagsbetreuung für ihre Grundschulkinder. Immer mehr Grundschulen sind inzwischen auch ganztägig organisiert, jedoch nicht in allen Bundesländern. Ausbaubedarf besteht beispielsweise noch in Bayern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen.

    Die aktuelle Ausgabe des Forschungsmagazins DJI Impulse mit dem Titel „Ganztag für alle“ beleuchtet, welche hohen Erwartungen sich mit dem kommenden Rechtsanspruch verbinden: mehr Bildungsgerechtigkeit, eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf und eine Schule, die Kinder in ihrer ganzen Lebenswirklichkeit ernst nimmt. Gleichzeitig beschreiben die Autor:innen auf Basis von aktuellen Forschungsbefunden die Herausforderungen, vor denen die beteiligten Akteur:innen bei der Umsetzung stehen. „Schulen sind gefordert, den Ganztag nicht nur organisatorisch anzudocken, sondern ihn als Impuls für eine ganzheitliche Weiterentwicklung von Schule und Unterricht zu nutzen“, sagt Bildungsforscherin Kuger.

    Prekäre Arbeitsverhältnisse an Grundschulen: Viele Beschäftigte haben keine Ausbildung, sind befristet oder in Teilzeit tätig

    Multiprofessionelle Teams gelten als Schlüssel für die Weiterentwicklung von Schule und Unterricht. Lehrkräfte, Fachkräfte der Kinder- und Jugendhilfe, Quereinsteigende und Ehrenamtliche sollen eine breite Förderung der Kinder ermöglichen. Sie stoßen in der Realität jedoch auf strukturelle Grenzen: Personalmangel, unterschiedliche Berufslogiken, Arbeitsweisen und Zeitstrukturen. Bislang existieren keine bundesweit verbindlichen Regelungen zu Qualifikationsanforderungen für die Ganztagsbetreuung von Grundschulkindern.

    Aktuelle Datenauswertungen des DJI und des Forschungsverbunds DJI/TU Dortmund machen deutlich, dass der schulische Ganztag in erheblichem Umfang durch prekäre Beschäftigung geprägt ist. Jede fünfte Person, die im Jahr 2022 in der Kinderbetreuung an Grundschulen tätig war, verfügte über keinen beruflichen und damit auch keinen pädagogisch einschlägigen Ausbildungsabschluss. Der Anteil an nicht fachlich ausgebildetem Personal ist damit doppelt so hoch wie in Einrichtungen der Kindertagesbetreuung. Zugleich zeigen die Daten, dass befristete Beschäftigung und Teilzeitarbeit an Grundschulen nicht nur weitaus ausgeprägter sind als in der Kindertagesbetreuung, sondern auch mit einem deutlich geringeren Stundenumfang einhergehen. So haben 13 Prozent der dort Beschäftigten einen Stundenumfang unter zehn Stunden im Hauptberuf; in der Kindertagesbetreuung sind es lediglich 2 Prozent. „Das erfordert die Entwicklung von tragfähigen Personalkonzepten, die auch zeitweise oder geringfügig Beschäftigte einbeziehen“, betont Kuger.

    Die Bedürfnisse der Kinder müssen bei der Entwicklung des Ganztags im Mittelpunkt stehen

    Trotz der aktuellen Herausforderungen sieht der Experte für Ganztagsschulentwicklung, Dr. Stephan Kielblock, eine große Chance im kommenden Rechtsanspruch. Im DJI-Impulse-Interview beschreibt der Bildungsforscher von der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, worauf es bei der Qualitätsentwicklung ankommt und wieso die Bedürfnisse der Kinder immer im Mittelpunkt stehen müssen. „Wenn Ganztagsentwicklung gut gelingt, erleben Kinder in der Grundschule einen Schulalltag, der Lernen, Leben und Beziehungen sinnvoll miteinander verbindet“, erklärt Kielblock.

    Empirische Hinweise darauf, was Kindern im Ganztag wichtig ist und welche Potenziale sie mit ihm verbinden, geben verschiedene Forschungsprojekte des DJI. In der DJI-Impulse-Ausgabe schildern Forschende ihre Studienergebnisse und kommen zu dem Schluss: Die Entwicklung eines Ganztags, der pädagogisch hochwertig und kindgerecht ist, hängt wesentlich davon ab, ob auch die Stimmen der Kinder systematisch gehört und ihre Perspektiven in Praxis und Forschung aktiv integriert werden.

    Das Forschungsmagazin DJI Impulse berichtet über die wissenschaftliche Arbeit am DJI, einem der größten sozialwissenschaftlichen Forschungsinstitute in Deutschland. Regelmäßig schreiben Forschende über relevante Themen aus den Bereichen Kindheit, Jugend, Familie sowie Bildung und liefern Impulse für Politik, Wissenschaft und Fachpraxis.


    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    Prof. Dr. Susanne Kuger, DJI-Forschungsdirektorin
    kuger@dji.de
    www.dji.de


    Originalpublikation:

    Deutsches Jugendinstitut (DJI): Ganztag für alle. Der neue Rechtsanspruch auf ganztägige Betreuung für Grundschulkinder – Chancen und Herausforderungen, Forschungsmagazin DJI Impulse, Heft 1/2026 (Nr. 142)


    Weitere Informationen:

    https://www.dji.de/impulse Aktuelle und bisherige Ausgaben des Forschungsmagazins DJI Impulse
    https://www.dji.de/ganztagsbildung Online-Schwerpunkt zum aktuellen Thema von DJI Impulse
    https://www.dji.de/videocast-perspektiven-folge10 Videointerview mit DJI-Forschungsdirektorin


    Bilder

    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Studierende, Wissenschaftler
    Gesellschaft, Pädagogik / Bildung, Politik
    überregional
    Forschungs- / Wissenstransfer, Forschungsergebnisse
    Deutsch


     

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